Mo., 13.02.12

Fetales Alkoholsyndrom Mit Fahne aus dem Mutterleib

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Artikel vom 10.05.2009

Jeder Schluck zählt. Denn Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft gefährdet die Gesundheit des Kindes und ist der häufigste Grund für angeborene geistige und körperliche Behinderungen.

Die Attacken kommen ohne Vorwarnung. Dann schlägt Tanja wild um sich und verletzt sich manchmal selbst. Sie ist schwer behindert, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft getrunken hat. Der Alkohol hat das Gehirn des Mädchens zerstört - für immer.

Jahrelang weiß Tanjas Pflegemutter Carola Warnecke (Name von der Redaktion geändert) nicht, was der Grund für das merkwürdige Verhalten der 13-Jährigen ist. Die Ärzte sind ratlos, bis eine Untersuchung in der Universitätsklinik Klarheit bringt: Tanja leidet unter dem Fetalen Alkoholsyndrom. Was das bedeutet, weiß Tanja mittlerweile ganz genau: «Das ist, wenn die Mama in der Schwangerschaft trinkt. Zum Beispiel einen Wein. Und das kriegt dann das Baby ab. Dann ist es auch besoffen. Das ist gar nicht gut.»

Jährlich kommen in Deutschland 3000 Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom (FAS) auf die Welt. Die Zahl der «leichteren» Formen wird auf 15.000 bis 30.000 geschätzt. FAS ist damit die häufigste Ursache für eine angeborene, verzögerte geistige Entwicklung bei Kindern. Zum Vergleich: Mit dem Down-Syndrom werden in Deutschland etwa 800 Kinder jährlich geboren.

Die Auswirkungen von Alkohol auf Schwangere werden erst seit wenigen Jahren untersucht. «Die Gefahr wird von vielen werdenden Müttern unterschätzt», sagt Dr. Reinhold Feldmann von der Universität Münster. Er behauptet sogar: «Eine Schwangere kann ihr Kind an einem Abend vom Gymnasium auf die Hauptschule trinken. Denn von allen Drogen, die in der Schwangerschaft konsumiert werden, ist Alkohol die schlimmste.»

Dem Mediziner zufolge ist jedes Glas Alkohol in der Schwangerschaft schädlich. Denn der Alkohol gelangt über die Plazenta direkt zum Embryo. Schon nach kurzer Zeit hat das ungeborene Kind den gleichen Alkoholspiegel im Blut wie die Mutter. Doch seine unreife Leber kann die Zellgifte nicht so rasch abbauen, sodass diese irreversible Schäden an allen Organen, vor allem aber am Gehirn, verursachen können.

FAS-Kinder werden untergewichtig geboren und leiden an einer Reihe von Symptomen: Sie sind nicht nur geistig behindert, sondern meist auch körperlich stigmatisiert. Typisch sind hängende Augenlider, ein verkürzter Nasenrücken, ein flaches Mittelgesicht und eine sehr schmale Oberlippe. Manche Kinder haben eine Gaumenspalte oder verkürzte Fingerenden.

Einige Behinderungen treten erst Jahre später in Erscheinung. Sie äußern sich durch Konzentrationsschwäche, verzögerte Sprachentwicklung, Hyperaktivität und gestörtes Sozialverhalten. Viele der betroffenen Kinder sind nicht in der Lage, die Folgen und Risiken ihres Handelns abzuschätzen und setzen sich immer wieder unwissentlich erheblichen Gefahren aus, wie beim Spielen, im Straßenverkehr oder auch im Umgang mit anderen Menschen.

Welche Schäden auftreten und wie schwer die jeweilige Behinderung ist, hängt davon ab, wie viel Alkohol die Mutter während der Schwangerschaft getrunken und wie ihr Körper den Schadstoff verarbeitet hat. Feldmann betont jedoch: «Es gibt keine für den Fötus unproblematische Menge. Schon ein geringer Alkoholkonsum in der Schwangerschaft, zu jedem Zeitpunkt der Entwicklung bis zur Geburt, kann schwerwiegende Schädigungen hervorrufen, die unumkehrbar sind.»

Dass Alkohol und Schwangerschaft nicht zusammenpassen, scheint nicht jeder Frau klar zu sein. In einer Studie der Berliner Charité, die im vergangenen Herbst veröffentlicht wurde, gaben 58 Prozent der befragten schwangeren Frauen an, während der Schwangerschaft gelegentlich Alkohol zu trinken. Nur vier Prozent waren völlig abstinent.

Sigrid Reinhardt überrascht dieses Ergebnis nicht. «Alkohol gehört für viele einfach dazu. Offenbar auch für viele Schwangere, die glauben, ein Gläschen in Ehren könne dem Fötus nicht schaden», sagt die FAS-Referentin und Mitgründerin der Selbsthilfegruppe FAS-World Germany. Sie rät jenen Frauen, die erst nach einigen Wochen merken, dass sie in anderen Umständen sind und bis dahin das eine oder andere Gläschen Alkohol konsumiert haben, sofort mit dem Trinken aufzuhören. Dann ist die Gefahr, dass das Kind behindert zur Welt kommt, in der Regel sehr gering. Das Problem ist jedoch, dass die Wissenschaftler nicht wissen, wo die kritische Grenze liegt. «Deswegen ist die Nulllösung, also kein Alkohol in der Schwangerschaft, der sichere Weg», sagt Reinhardt.

2009 möchte die Bundesregierung verstärkt über die Gefahren von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft aufklären. Die Botschaft: Jeder Schluck schadet. Die Drogenbeauftragte der Regierung, Sabine Bätzing, will noch bis zur Bundestagswahl im Herbst Warnhinweise für Schwangere auf Flaschen mit alkoholhaltigen Getränken einführen. Für Tanja und all die anderen geschädigten Kindern kommt die Warnung zu spät.

Seit bekannt ist, dass sie ein FAS-Kind ist und ihr Leben lang ein Pflegefall bleiben wird, hat sich das Leben der Familie völlig verändert. Nichts geht mehr spontan, alles muss immer nach dem gleichen Ritual ablaufen. «Wenn wir die Dinge ändern würden, würde Tanja derart durcheinander kommen, dass sie unter Umständen ausrastet. Und das können wir nicht riskieren», sagt Carola Warnecke.

Die 45-Jährige und ihr Mann hatten vorher noch nie von der Krankheit Fetales Alkoholsyndrom gehört und sind früher selbst gerne feiern gegangen. Doch seit sie wissen, woran Tanja leidet und es täglich mitbekommen, hat sich ihr ganz persönliches Verhältnis zum Alkohol drastisch verändert. Carola Warnecke kann nicht verstehen, wie sorglos manche Schwangere damit umgehen: «Wenn ich eine Schwangere mit einem Glas Alkohol in der Hand sehe, wird mir schlecht.»

reu/news.de

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Leserkommentare (6)
  • Kommentar: 6
  • 12.07.2011 18:27
von
Richard Hagenauer

Was sind die Hintergründe dafür, dass bei der Beschreibung über die Ursachen des "plötzlichen Kindstotes" 100 Zeilen über den Alkohol geschrieben werden, über Tabak jedoch keine einzige. Dabei wird doch vom Deutschen Krebsforschungszentrum (www.dkfz.de) eindeutig nachgewiesen, dass Tabakrauch die Ursache von 60% der verstobenen Kinder sei! Es wird auch nicht berichtet, dass jährlich in Deutschland mehrere hundert Kinder und Jugendliche mit Tabakrauch umgebracht werden!

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  • Kommentar: 5
  • 20.05.2010 19:55
von
August
Antwort auf Kommentar 3

Das mit dem "Dorfdeppen" mag beim Alkohol sicher eine hauptsächliche Ursache gewesen sein. In einem Fotoband der Fotografin Nora Pfefferkorn aus der Hocheifel, von etwa 1920 sieht man ziemlich "Schräge Vögel", und auch Kinder, deren Erzeuger außer dem Alkohol, sicher noch zusätzlich, den in dieser Region, vielfach angebauten Hanf missbraucht haben.

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  • Kommentar: 4
  • 20.05.2010 19:32
von
August

Alkohol, Rauchen & ebenfalls meiden sollten Mmnn & frau; Amalgambehandlungen weil deren Hauptinhalt; Quecksilber über Sperma,Plazenta & Muttermilch aufs Kind übergeht & schlimmste Schäden im Gehirn und ZNS anrichten kann,wobei das Stillen,besonders die"Vormilch"als"Naturimpfung" sehr wichtig ist.Da in Impfstoffen Quecksilber enthalten sein kann,sollte man sich gut überlegen ob man seinem Kind das antut.Unser Sohn(15)ist ungeimpft,bis auf einen Fußbruch; gesund & das, dank einer Hebamme, die uns nach der Geburt, mit dem Spruck; ab,nach Haus! sonst holt er sich hier noch was;nach Hause schickte.

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  • Kommentar: 3
  • 11.12.2009 19:20
von
Minie
Antwort auf Kommentar 1

Wenn der Erzeuger viel Trinkt kann es zur Schädigung kommen .Früher auf dem Land in kleinen Dörfern gab es immer einen Dorfdepp das war meist ein Kind das im Mostrausch Gezeugt wurde . wenn die Mutter Während der Schwangerschaft Alkohol (viel) zu sich nimmt kommt das kind mit einer Fahne auf die Welt und hat Endzugserscheinigung genauso ist es mit Rauchen .

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  • Kommentar: 2
  • 30.05.2009 12:40
von
Antwort auf Kommentar 1

Finde ich vollkommen richtig Ihre Meinung,Männer sollten genauso mit einbezogen werden denn Alkohol schadet auch den Spermien der Männer sicher

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  • Kommentar: 1
  • 24.05.2009 13:44
von

Ja das glaube ich alles sofort. Nur was ist mit den trunkigen Vätern? Kann nicht schon eine Schädigung des Kindes erfolgen, wenn der Vater bei der Zeugung volltrunken ist, oder dem Alkohol übermäßig zuspricht? Diesen Gesichtspunkt sollte man bei solchen Studien mit einbeziehen, finde ich.

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