Von Walter Willems
Seit Jahren sehnen Ärzte die Resultate zweier Untersuchungen herbei, um den Dauerstreit darüber zu beenden, ob der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs sinnvoll ist. Doch die beiden Studien bestätigen sowohl Kritiker als auch Befürworter des Tests.
Mit jährlich fast 60.000 Neuerkrankungen ist Prostatakrebs in Deutschland die häufigste Tumorart bei Männern. Früh entdeckt, lässt sich das Karzinom gut behandeln. Hat die Geschwulst aber schon Metastasen gebildet, ist die Prognose schlecht. 11.000 Männer sterben jedes Jahr an der Erkrankung. Das mittlere Erkrankungsalter liegt derzeit bei 69 Jahren. Vor dem 50. Lebensjahr tritt die Krebserkrankung sehr selten auf.
Ein Bluttest, der die Konzentration des in der Vorsteherdrüse gebildeten Prostata-spezifischen AntigensEin Antigen ist ein Stoff, der durch einen Antikörper gebunden oder von einer Zelle des Immunsystems als körperfremd erkannt wird. Ein Antigen ist kein Gen; der Name leitet sich ab von den griechischen Begriffen anti (gegen) und gennan (erzeugen), bedeutet also etwa: eine Gegenreaktion erzeugend. (PSA) misst, kann zeitig auf den Tumor hindeuten. In Deutschland nehmen viele Männer die Vorsorge in Anspruch und zahlen den 25 bis 40 Euro teuren Test aus eigener Tasche.
Das Verfahren kann zwar ein Karzinom im Frühstadium aufspüren, aber sehr zuverlässig ist es nicht. Ein erhöhter PSA-Wert liefert lediglich einen Verdacht. Werden bei einer BiopsieUnter Biopsie versteht man die Entnahme einer Gewebeprobe aus dem Körper. tatsächlich bösartige Zellen entdeckt, wird der Tumor meist entweder bestrahlt oder operativ entfernt. Beide Optionen bergen Risiken wie Inkontinenz oder Impotenz.
Zum Nutzen der PSA-Früherkennung liefern zwei Studien, eine aus den USA, die andere aus Europa, im New England Journal of Medicine nun konkrete Zahlen. Aber die lassen sich interpretieren. Die nach Ansicht vieler Experten zuverlässigere europäische Studie untersuchte 160.000 Männer, von denen ein Teil alle vier Jahr den PSA-Wert prüfen ließ. Bei ihnen lag die Streblichkeit im Zeitraum von neun Jahren um 20 Prozent niedriger als in der Kontrollgruppe.
Von den Ergebnissen der beiden Untersuchungen fühlen sich Befürworter wie Kritiker des Verfahrens gleichermaßen bestätigt. «Auf die Resultate haben wir jahrelang gewartet», sagt Jürgen Windeler vom Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. «Sie haben Substanz in die Diskussion gebracht, aber das Problem nicht gelöst.»
«Die Studie zeigt eindeutig, dass das PSA-Screening Leben rettet», folgert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Manfred Wirth. Er erwartet, dass der Nutzen des Tests sich im weiteren Verlauf der Studie noch deutlicher zeigt.
Dagegen warnen Kritiker vor der Gefahr der Überdiagnose und -therapie. Denn bei älteren Männern sind bösartige Zellen in der Prostata weit verbreitet: Bei mehr als der Hälfte der über 60-Jährigen und bis zu 80 Prozent der über 80-Jährigen enthält die Vorsteherdrüse Krebszellen. Aber weil das Prostatakarzinom gewöhnlich extrem langsam wächst, verursacht bei weitem nicht jedes ein Tumor zu Lebzeiten Beschwerden. «Der Test findet Karzinome, die klinisch nicht in Erscheinung treten würden», sagt Nikolaus Becker vom Deutschen Krebsforschungszentrum.
Auch dies zeigt die Studie: Statistisch gesehen mussten 1410 Männer getestet und 48 Tumore behandelt werden, um ein Leben zu retten. Die übrigen 47 Karzinome führten - zumindest in den ersten neun Jahren - nicht zum Tod und verursachten zum Teil nicht einmal Beschwerden. «Die PSA-Früherkennung bietet allenfalls einen kleinen Nutzen, der durch erhebliche Nachteile erkauft wird», bemängelt Becker. «Es ist nicht Sinn der Früherkennung, gesunde Menschen zu Kranken zu machen.»
Becker betont, Ärzte würden den Sachverhalt verzerrt wahrnehmen. Wenn ein Urologe bei einem Mann einen erhöhten PSA-Wert messe, einen Tumor finde und entferne, erlebe der Mediziner dies als Erfolg. «Aber das ist auch kein Wunder, wenn man gesunde Menschen behandelt», sagt Becker. Und der Mediziner Michael Barry von der Universität Harvard betont: «Die Schlüsselfrage ist nicht, ob der PSA-Test effektiv ist, sondern ob er mehr nützt als schadet.»
Peter Albers von der Deutschen Krebsgesellschaft plädiert für ein abgestuftes Vorgehen. «Der PSA-Test ist der beste Marker, den wir beim Prostatakarzinom haben», sagt der Düsseldorfer Urologe. «Wir müssen jene Risikogruppen finden, bei denen eine regelmäßige PSA-Bestimmung rechtzeitig aggressive Tumore entdeckt.» Er rät generell, den Wert im Alter von 40 Jahren einmalig bestimmen zu lassen. Danach sollten sich jene Männer häufiger testen lassen, die entweder wegen einer hohen Konzentration des Markers oder wegen familiärer Vorbelastung besonders gefährdet seien.
Windeler rät Männern, die vor der Frage stehen, ob sie sich dem PSA-Test unterziehen sollen, sich nicht nur auf die Beratung durch den Arzt zu verlassen. Eine im Internet angebotene Entscheidungshilfe veranschauliche die verschiedenen Vor- und Nachteile des Tests.
Eine eindeutige Aussage lieferten beide Studien zumindest für alte Männer: Demnach ist eine Früherkennung für die meisten Senioren ab 70 Jahren nicht sinnvoll. Ist ein Karzinom bis dahin klinisch nicht in Erscheinung getreten, so ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass ein Mensch daran stirbt.
car/kat