Sa., 26.05.12

Tierpsychologie 23.04.2009 Wenn die Mieze auf die Couch muss

Kranke Katzen tun sich weh - Psychologen helfen (Foto)
Lady frisst aus der Hand der Tierpsychologin Miriam Goertz. Die Katze leidet an Verhaltensstörungen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Der Hund jault nächtelang, die Katze liegt vergrämt unterm Schrank, der Kanarienvogel lässt traurig die Flügel hängen und Frauchen und Herrchen sind ratlos. Hilfe suchen viele dann bei einem Tierpsychologen. Der Berufszweig breitet sich immer mehr aus.

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Depressive Katzen, von Angstneurosen geplagte Hunde, Wellensittiche, die unter Panikattacken leiden... Spätestens seit dem Film Der Pferdeflüsterer ist bekannt, dass die tierische Seele mindestens so empfindlich ist wie jene des Menschen. Mehr als 20 Millionen Haustiere leben in deutschen Familien, und ob nun die Katze mit Begeisterung auf Wolldecken pinkelt oder der Hund nicht allein gelassen werden will: Die Palette der möglichen Schwierigkeiten ist groß.

Auch mit Lady gibt es Probleme. Seit rund vier Jahren lebt die Katzendame zwar friedlich in einem kleinen Haus am Stadtrand von Münster. Doch die Idylle ist getrübt: Denn immer wieder leckt Lady ihren Bauch und Schweif kahl. Das Tier ist kein Einzelfall. Immer mehr Haustiere leiden an Verhaltensauffälligkeiten und scheuen sogar vor blutigen Selbstverletzungen nicht zurück. Zahlen gibt es dazu jedoch nicht, nicht einmal grobe Schätzungen.

Lady ist ein klassischer Fall für den Tierpsychologen, also für Menschen, die sich mit der seelischen Befindlichkeit der vierbeinigen Mitbewohner befassen. «Der Trend kommt aus den USA und ist gerade dabei, Deutschland zu erobern», sagt Elisabeth Krause, Vorsitzende des Verbandes der Haustierpsychologen. Ihr zufolge gibt es viele Ursachen für krankhafte Verhaltensweisen von Haustieren. Krause zählt neben körperlichen Ursachen wie Allergien oder Schmerzen auch seelische Probleme wie Langeweile, Überforderung, Stress, Einsamkeit und Angst auf.

«Die Rollenbilder und Aufgaben von Haustieren haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert», sagt die Expertin. Immer häufiger müssten die Tiere soziale Aufgaben erfüllen, die sie überforderten. Etwa als Partner-Ersatz bei Singles und Senioren oder als Kinder-Ersatz bei Familien. Zudem würden die Tiere oft vermenschlicht und nicht artgerecht gehalten. Der Gesundheit zuliebe sei es daher wichtig, den Tieren die Gelegenheit zu geben, auch Tier zu sein, sagt Krause.

Aus der Sicht der Münsteraner Tierpsychologin Miriam Goertz sind auch veränderte Familienstrukturen Auslöser für krankhafte Verhaltensweisen. «Sich ändernde Strukturen im direkten Umfeld stellen Haustiere vor große Herausforderungen», sagt Goertz. So würden etwa sensiblere Katzen schnell unter Einsamkeit leiden, wenn beide Eltern tagsüber arbeiten und die Kinder in Ganztagsschulen sind. Inwiefern sich der geänderte Tagesablauf nachteilig auf die Psyche und damit auch auf die Gesundheit der Tiere auswirkt, sei aber immer auch eine Charakterfrage. «Deshalb muss jede Behandlung individuell auf den Patienten zugeschnitten werden», betont die Tierpsychologin. Außerdem sei es unverzichtbar, durch Untersuchungen des Tierarztes medizinische Ursachen auszuschließen.

Der erste Schritt zur psychologischen Behandlung von Stubentiger und Co. kann daher immer nur über Herrchen und Frauchen erfolgen. «In erster Linie bin ich für die Menschen da», sagt Goertz. In Gesprächen schildern diese der Expertin, wo die Probleme liegen und welche Beobachtungen sie täglich machen. Hinzu kommt ein Blick in die Vergangenheit: Hat das Tier schon einmal Gewalt erfahren? Wie ist es aufgewachsen? Wann sind die Störungen erstmals aufgetreten? Ehrlichkeit ist bei der Beantwortung oberstes Gebot. Nur so kann ein fundierter Therapieplan erstellt werden. «Niemand kennt das Tier so gut wie der Besitzer», betont die geprüfte Psychologin. «Nicht selten haben die Tierhalter den Schlüssel zur Heilung bereits in der Hand. Ich helfe ihnen dabei, die Tür zu öffnen.»

Lesen Sie auf Seite 2, warum sich unter den Tierpsychologen viele schwarze Schafe befinden

Wenn die Gespräche mit den Besitzern nicht weiterhelfen, tritt Miriam Goertz auch direkt mit ihren vierbeinigen Patienten in Kontakt - sozusagen Auge in Auge. Eine professionelle Distanz ist dabei aber dennoch unverzichtbar. «Ich arbeite mit den Tieren, um mich ersetzbar zu machen», erklärt sie. Zu enge Beziehungen würden da nur neue Probleme verursachen. Um bei der Beobachtung unerkannt zu bleiben, müsse ab und an auch mit Videokameras gearbeitet werden. «Nur so kann ich sehen, wie sich die Tiere verhalten, wenn sie alleine sind.» Dies ist etwa bei Tieren entscheidend, die sich in der Abwesenheit ihrer Besitzer selbst verletzen oder sehr scheu sind.

Hunde, Katzen, Goldhamster und Meerschweinchen auf der Psychologencouch - das ist für viele eine abwegige Vorstellung. Zum Beispiel für Ludger Belke. Nach Ansicht des Amtstierarztes beim Veterinäramt des Kreises Siegen-Wittgenstein tummeln sich auf dem zukunftsträchtigen Markt der Tierpsychologen viele schwarze Schafe, die als Tierheiler, Tierheilpraktiker, Tierhomöopathen, Tiertherapeuten oder Tierheilpraktiker praktizieren, ohne eine fundierte verhaltensbiologische Ausbildung nachweisen zu können.

Denn Tierpsychologe ist derzeit keine geschützte Berufsbezeichnung, es gibt keine gesetzlichen Vorschriften und keine staatlich anerkannte Ausbildung. Theoretisch könne sich auch der als Tierpsychologe bezeichnen, der sich sein Wissen über DVDs und Bücher aneigne, kritisiert Belke. Er rät Tierbesitzern, die Probleme mit ihren Liebsten haben, auf der Internetseite des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte nach Kollegen zu suchen, die eine Zusatzausbildung für Verhaltenstherapie absolviert haben.

Die wenigsten Tiere seien verhaltensgestört, sagt Belke. In den meisten Fällen handele es sich um reine Verständigungsprobleme in der menschlich-tierischen Kommunikation. Aber das sehen Frauchen und Herrchen oftmals nicht ein. Wie sonst ist die offenbar steigende Nachfrage besorgter Haustierbesitzer für das Entstehen eines neuen Berufes zu erklären.

Dazu kommt, dass eine Therapie fürs Haustier durchaus auch ins Geld gehen kann. Dann kommen schnell nach wenigen Sitzungen mehrere Hundert Euro zusammen. Den meisten Tierbesitzern liegt jedoch zu viel am Wohl ihres Lieblings, als dass sie sich von solchen Überlegungen leiten ließen. Denn dass ihr Tier eine Seele und eine empfindliche Psyche hat, davon sind sie alle überzeugt.

mat
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kommentar 1
  • 23.04.2009 11:30
 

Warum sich unter den Tierpsychologen so viele schwarze Schafe befinden? Ich frage mich als Tierpsychologe sehr oft, warum sich unter den Tierärzten so wenig Tierversteher befinden! Die weder die Zeit, noch die Qualifikation, noch den Willen haben, sich mit dem Besitzer, der Beziehung Mensch-Tier oder den Lebensumständen auseinanderzusetzen. Und noch eine Anmerkung: Ethologie ist ein Fachbereich der Biologie und Zoologie. Nicht der Veterinärmedizin. Und der Begriff Tierpsychologie wurde von Konrad Lorenz geprägt, der nicht Tierarzt, sondern Vehaltensforscher war. Gruß, Vierpfotenprofis

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