Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 18.04.2009, 00.06 Uhr

Nephrolithiasis: Wenn kleine Steine große Schmerzen bereiten

Viele wissen nicht, dass sie Nierensteine haben, bis diese anfangen zu wandern und zu schmerzen. 80.000 Deutsche sind jährlich betroffen - Männer häufiger als Frauen. Aber auch immer mehr Kinder leiden unter Nierensteinen.

Die ungarische Ärztin Judit Csorba (l.) hält den Nierenstein in Händen, den sie Sandor Sarkadi entnommen hat. Bild: dpa

Menschen, die einmal Nierensteine hatten, wissen, wie schmerzhaft sie sein können. Sogar Geburtsschmerzen sollen dagegen verblassen, sagen manche. Wie stark die Beschwerden sind, hängt von der Größe des Steins ab. Kleine Steine verursachen lediglich einen stechenden Schmerz beim Wasserlassen, schon bei linsengroßen Vertretern kann es aber zu stundenlangen Nierenkoliken kommen. Erst recht, wenn der Stein so groß ist wie vor ein paar Wochen bei einem Patienten aus dem ungarischen Budapest. Sein Exemplar brachte erstaunliche 1,125 Kilogramm auf die Waage und hatte einen Durchmesser von 17 Zentimetern. In der Regel sind Nierensteine aber wenige Millimeter bis vier Zentimeter groß.

Nierensteinerkrankungen haben sich in den Industriestaaten zu einer Art Volkskrankheit entwickelt. Schätzungen des Berufsverbands Deutscher Internisten (BDI) zufolge leiden etwa fünf bis zehn Prozent der Deutschen mindestens einmal in ihrem Leben an Nierenstein. Ist bereits ein Nierenstein aufgetreten, beträgt das Risiko eines Rückfalls etwa 60 Prozent. Dabei erkranken Männer dreimal häufiger als Frauen.

Was Mediziner aber mehr beunruhigt: Immer mehr Kinder leiden an Nierensteinen oder Nephrolithiasis, wie es die Fachleute ausdrücken. Verantwortlich dafür sind vermutlich vor allem Bewegungsmangel und falsche Ernährung in Verbindung mit Übergewicht: «Vor allem salzhaltige Lebensmittel wie Cheeseburger, Pommes frites, Wurst oder Instantsuppen und mangelnde Flüssigkeitsaufnahme führen dazu, dass Kalzium im Urin nicht mehr richtig gelöst werden kann», erklärt der Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Ulrich Fegeler.

Zwar betreffen Schätzungen zufolge nur etwa fünf Prozent der Harnsteinfälle Kinder. Doch laut einer US-Studie hat sich die Zahl der jungen Patienten im Verlauf des letzten Jahrzehnts nahezu verfünffacht. Zu den möglichen Auslösern der Erkrankung zählen laut Fegeler Fehlbildungen der Harnwege, Infekte und Stoffwechselstörungen. Und selbst Diäten wie eine proteinreiche und ballaststoffarme Ernährung, die Jugendliche gerne zum Abnehmen einsetzten, stünden im Verdacht, das Risiko für eine solche Erkrankung zu erhöhen.

Typisches Symptom von Steinen in den Nieren oder Harnleitern sind heftige Schmerzen im Bauchbereich. Sie überwiegen nach Angaben des Kinderarztes manchmal auf der Seite, auf der sich der Stein befindet, und können so mit einer Blinddarmentzündung verwechselt werden. Auch Schmerzen beim Wasserlassen oder sogar Blutbeimengung im Harn deuteten auf Steine hin. Im Vorschulalter bildeten sich die Steine oft in Zusammenhang mit einer Harnwegsinfektion, sagt Fegeler. Er rät Eltern, neben einer gesunden Mischkost darauf zu achten, dass ihre Kinder ausreichend trinken: «Ist der Urin dunkelgelb, hat das Kind zu wenig Flüssigkeit aufgenommen.»

Wie es zur Steinbildung kommt, ist nicht eindeutig geklärt. Der BDI erklärt das so: «Im Urin kann nur eine begrenzte Menge an Substanzen gelöst werden. Wird dem Körper nicht genügend Flüssigkeit durch ausreichendes Trinken zugeführt oder verliert er zu viel Flüssigkeit durch Schwitzen, sammeln sich Salze im Urin an, die sich nicht mehr lösen können.» Neben zu wenig Flüssigkeit gehören eine fettreiche Ernährung und Erkrankungen des Stoffwechsels zu den Risikofaktoren.

Der BDI rät, bei Nierenkoliken rasch einen Arzt aufsuchen, um eine bleibende Schädigung der Nieren und Harnwege zu verhindern. Welche Behandlungsmethode in Frage kommt, hängt vor allem davon ab, aus welcher Substanz der Stein besteht, ob er noch in der Niere oder schon im Harnleiter liegt und wie groß er ist.

Lesen Sie auf Seite 2, wie man die Nierensteine los wird

Mehr als 80 Prozent aller Nierensteine gehen von selbst über die Harnausscheidung ab. Durch die Zufuhr großer Flüssigkeitsmengen in Verbindung mit krampflösenden Medikamenten und körperlicher Bewegung kann dieser Prozess unterstützt werden. Wird ein Nierenstein aber nicht von allein mit dem Harn ausgeschieden, gibt es folgende Möglichkeiten, ihn zu entfernen:

Steinzertrümmerung durch Stoßwellen (Extrakorporale Stoßwellenlithotripsie): Stoßwellen sind mechanische Druckwellen. Sie ermöglichen die Entfernung von Nierensteinen ohne einen operativen Eingriff. Dabei wird der Stein zertrümmert und die Trümmer auf natürlichem Wege ausgeschieden. Die Wellen breiten sich von der Hautoberfläche ins Körperinnere aus und werden dabei immer stärker gebündelt und auf den Nierenstein fokussiert. Vorteil dieser Behandlung: Sie ist schmerzarm und in 80 Prozent der Fälle erfolgreich. Nachteil: Da durch die Stoßwellen Nierengewebe geschädigt wird, scheiden die Patienten nach der Behandlung Blut über den Urin aus.

Endoskopische Steinentfernung durch eine Blasen- oder Harnleiterspiegelung: Diese Methode hat den Vorteil, dass die natürlichen Körperöffnungen von Harnröhre und Harnleiter als Zugangswege zum Stein genutzt werden können. Moderne Endoskope ermöglichen heute die Steinentfernung aus Harnblase, Harnleiter und Nierenbecken. Als besonders vorteilhaft gilt bei diesem Verfahren, dass keine Schnittoperation notwendig ist und der Patient aus diesem Grund schnell wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden kann. Jedoch kann auch dieses Verfahren wie die Stoßwellen-Methode bei sehr großen Steinen nicht angewendet werden.

Das laparoskopische Verfahren (Schlüsselloch-Technik): Es kommt dann zum Einsatz, wenn weder Stoßwellen noch eine endoskopische Steinentfernung erfolgreich scheinen. Über die Bauchhöhle werden vom Chirurgen die Instrumente bis zum Operationsgebiet eingeführt. Nach diesem Verfahren bleiben nur kleine Einstichstellen zurück.

Chirurgische Steinentfernung: Diese offene Operationsmethode wird nur noch selten angewendet - beispielsweise, wenn das Nierenhohlsystem komplett mit Steinen ausgefüllt ist.

Damit es erst gar nicht zu Nierensteinen kommt beziehungsweise Rückfälle verhindert werden, hat der BDI ein paar Tipps zusammengestellt. Danach gilt: Wer viel trinkt, gewinnt. Am besten zwei bis drei Liter pro Tag. Außerdem sollte man möglichst wenig tierische Eiweiße zu sich nehmen, Salz sparsam verwenden und regelmäßig Sport treiben.

Abzuraten ist auch von Bier, der Nierensteine angeblich ausschwemmen soll. Forscher der renommierten Harvard-Universität behaupten nämlich, dass der Konsum von Milch, Kaffee, Wein und Bier das Risiko mindert, an Nierensteinen zu erkranken. Von dieser Bier-Schwemm-Therapie ist abzuraten, warnen die Internisten. Zwar durchspüle das Bier die Nieren gut, wobei etwaige Steine abgehen könnten. Allerdings trocknet der Körper nach dieser durch Alkohol hervorgerufenen Überflutung aus, der Urin dickt ein und die Steine können dadurch größer werden. Die harntreibende Wirkung des Alkohols stört also den Mineralhaushalt des Körpers.


Empfehlungen für den news.de-Leser