Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Viele Hobbysportler wundern sich, dass Motivation und Freude am Sport auf der Strecke bleiben. Ex-Langstreckenläufer Thomas Wessinghage kennt Tricks gegen den Trainingsfrust und spricht mit news.de über Muskelkater und Schweinehunde.
Herr Wessinghage, Sie haben gerade ein Buch über Sportverletzungen veröffentlicht. Welche Sportarten haben das höchste Risiko für Verletzungen?
Wessinghage: Das hängt von der Betrachtungsweise ab. Es gib interessante Untersuchungen, beispielsweise aus Neuengland, bei der so unverdächtige Sportarten wie Golf und Bowling besonders verletzungs- beziehungsweise sogar todesfallträchtig sind. Allein aufgrund der Tatsache, dass sehr viele Menschen in Amerika diese Sportart betreiben und dass dabei gewisse Zwischenfälle wie etwa ein Herzinfarkt rein statistisch gesehen häufiger passieren. Aber in der Regel passieren die meisten Verletzungen bei den sogenannten Kontaktsportarten, die bisweilen Kampfsportarten gleichen: Fußball, Handball oder Eishockey.
Gibt es Sportarten, die Sie als besonders körperschonend empfehlen würden?
Wessinghage: Körperschonend sind die sanften Ausdauersportarten wie Spazierengehen, Wandern, Walking oder Nordic Walking. Joggen, Radfahren und Skilanglaufen gehören auch dazu, sind jedoch mit einem geringen Restrisiko verbunden. Aber dieses Risiko ist absolut kalkulierbar und steht in einem vernünftigen Verhältnis zum Benefit, den der Sporttreibende aus diesen Sportarten bezieht.
Jedes Jahr verletzen sich gut zwei Millionen Menschen beim Freizeitsport, hat eine Krankenkasse kürzlich gemeldet. Welche Fehler machen Hobbysportler?
Wessinghage: Meist überfordern Sie sich selbst. Hobbyläufer zum Beispiel haben zwar eine sehr sinnvolle und gesunde Sportart gewählt, haben manchmal aber das Problem, dass Soll- und Ist-Wert ein bisschen auseinanderklaffen. Das heißt, sie möchten gerne fitter sein als sie es zu einem bestimmten Zeitpunkt sind. Und insofern muten sie sich vielleicht etwas zu viel zu. Sie laufen zu schnell und zu lang und vielleicht laufen sie ohne die richtige Vorbereitung und zu häufig. Die größten Probleme entstehen also nicht aufgrund von Eigenschaften, die die Sportart mit sich bringt, sondern aufgrund von Eigenschaften, die der Sportler mit sich bringt.
Welche Warnsignale des Körpers sollten Hobbyläufer beachten?
Wessinghage: Es gibt eine Vielzahl von Warnsignalen, die man wahrnehmen kann. Man muss sie nur wahrnehmen. Wenn ich beim Laufen das Gefühl habe, das Tempo ist zu hoch, ich bin kurzatmig, ich kann mich mit meinem Partner nicht mehr flüssig unterhalten, dann sollte ich diesen Signalen Rechnung tragen und das Tempo etwas reduzieren, vielleicht eine Gehpause einlegen und nicht wie es häufig geschieht, noch ein bisschen mehr Ehrgeiz auspacken und noch ein bisschen mehr an mein eigenes Durchhaltevermögen appellieren und diese Symptome herunterspielen.
Waren Sie während Ihrer sportlichen Laufbahn geplagt von Verletzungen?
Wessinghage: Ja, aber immer nur dann, wenn ich etwas anderes als laufen gemacht habe. Zum Beispiel wenn ich Fußball oder Basketball gespielt habe oder wenn ich unvorsichtigerweise mit offenen Taschen in der rechten und linken Hand eine Treppe hinabgegangen und mit dem Absatz hängen geblieben bin. Laufbezogene Verletzungen - Zerrungen oder Muskelfaserrisse - hatte ich dagegen fast nie.
Sie waren in den 1970er und 1980er Jahren 22 Mal Deutscher Meister, wurden 1982 in Athen Europameister über 5000 Meter, halten immer noch deutsche Rekorde - vermissen Sie diese Zeit?
Wessinghage: Es ist eine wunderschöne Zeit gewesen, eine sehr aufregende Zeit, aber natürlich auch eine sehr anstrengende und belastende Zeit. Ich habe 20 Jahre lang Leistungssport betrieben, ich habe mich 20 Jahre lang den Belastungen regelmäßiger Wettkämpfe ausgesetzt und bin rund 50 Rennen im Jahr gelaufen. Heute genieße ich es durchaus, diese Belastungen nicht mehr zu haben. Schließlich bin ich Mitte 50, und da kann man ganz gut auch ohne regelmäßigen Wettkampfsport leben. Ich bin heute immer noch sportlich aktiv, ich laufe nur nicht mehr so schnell wie damals.
Wie oft laufen Sie heute noch? Und wo?
Wessinghage: Natürlich hier am Tegernsee oder im Wald - der See ist ja in ein wunderschönes Waldgebiet eingebettet. Auch heute Nachmittag werde ich von hier loslaufen und bin dann nach wenigen Metern in einem parkähnlichen Gelände und im Wald. Das mache ich etwa fünf Mal in der Woche.
Was bringt Ihnen das Laufen?
Wessinghage: Erstens stabile Gesundheit - meine Krankheitstage seit dem Beginn meiner beruflichen Tätigkeit im Jahr 1978 kann man an zwei Händen abzählen - und zweitens einen Ausgleich zur psychischen Belastung eines erfüllten beruflichen Arbeitstages und Erholung vom langen Sitzen am Schreibtisch. Außerdem genieße ich das Gefühl, beim Laufen ein Teil der Natur zu sein, diese als solche wahrzunehmen und wertzuschätzen - ganz unabhängig von der Witterung. Der Sport gibt mir auch ein bisschen Selbstbestätigung, weil es ein gutes Gefühl ist, die eigene körperliche Leistungsfähigkeit zu spüren.
Das klingt alles ganz wunderbar. Nur fällt es vielen Leuten schwer, sich aufzuraffen. Haben Sie einen Tipp, wie man den inneren Schweinehund überwindet und dann am Ball bleibt?
Wessinghage: Die Frage ist aus meiner Sicht falsch gestellt, weil sie eine negative Grundeinstellung beinhaltet. Und den inneren Schweinehund gibt es nicht. Das ist eine Erfindung von Menschen, die Trägheit bildlich darstellen wollen. Ich würde es andersherum sagen: Was spricht dagegen, dass andere Menschen genauso viel Freude am Sport haben wie ich und genau das empfinden, was ich gerade beschrieben habe? Die Freude an der Bewegung kann ich hervorrufen durch verschiedene kleine Tricks. Zum Beispiel dadurch, dass ich mich anfangs nicht überfordere. Denn wenn ich mich überfordere, habe ich Probleme beim Durchhalten, ermüde schneller und provoziere Schmerzen. Klar, dass ich dann die Lust verliere weiter zu trainieren. Wenn ich es dagegen sanft angehen lasse, mich vorsichtig dosiert an höhere Belastungen herantaste und meine Trainingsumfänge angemessen aufbaue, werde ich mehr Erfolgs- und Glücksmomente haben und motiviert sein, es wieder zu machen.
Manche Anfänger werden abgeschreckt, weil sie schon nach wenigen Metern Seitenstechen bekommen. Was hilft dagegen?
Wessinghage: Tempo drosseln und dabei tief und regelmäßig in den Bauch einatmen. Manchen pressen ihre Hände auf die schmerzende Stelle, andere gehen in die Hocke. Ich rate, und das ist eine fast seltsam klingende Empfehlung, bergauf zu laufen, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Dann geht das Seitenstechen meist ganz schnell wieder weg.
Ein anderes Phänomen ist Muskelkater. Gibt es eine Möglichkeit, dem vorzubeugen?
Wessinghage: Muskelkater ist ein eindeutiges Zeichen für Überforderung. Er entsteht, wenn der Muskel Bremsarbeit verichtet. Beispielsweise, wenn ich Kniebeugen mit einer Hantel mache, entsteht der Muskelkater beim Abwärtsbewegen. Dann muss der Muskel Bremsarbeit verrichten, wird dabei gedehnt und diese Dehnung kann, wenn sie zu intensiv ist oder zu häufig erfolgt, zu winzigen Verletzungen der Muskulatur führen. Diese winzigen Verletzungen sind in der Heilungsphase als Muskelkater spürbar.
Wenn man ihn hat, was soll man machen - pausieren oder ignorieren?
Wessinghage: Weder noch. Denn Pausieren beschleunigt die Regeneration der Muskulatur nicht und auf die gleiche Art und Weise weiter zu machen, bedeutet eine weitere Überforderung der Muskulatur. Wie man Muskelkater los wird oder gar nicht erst bekommt, kann man sich von Profisportlern abschauen: Sanfte Bewegungen nach intensiver Belastung gehören dort zum Tagesgeschäft. Das Auslaufen ist beispielsweise eine sanfte Methode, um die Muskulatur gut zu durchbluten. Gleiches gilt für das Ausschwimmen im warmen Wasser.
Werden Sie in diesem Jahr an einem Rennen teilnehmen?
Wessinghage: Ja, ich bin jedes Jahr bei mindestens zwei Marathonläufen dabei, meistens in London und New York. Und das werde ich in diesem Jahr auch machen.
Verraten Sie Ihre Zeit?
Wessinghage: Letztes Jahr bin ich viereinhalb Stunden gelaufen. Aber denken Sie jetzt nicht, der Wessinghage ist langsam geworden (lacht). Ich leite und begleite Gruppen - und die geben das Tempo vor.
Thomas Wessinghage (57) war in den 1970er und 1980er Jahren ein erfolgreicher Langstreckenläufer. Er war 1982 Europameister über 5000 Meter, in seiner Karriere errang er 22 Mal die Deutsche Meisterschaft, er war Weltcupsieger und hält noch immer die deutschen Rekorde über 1500 und 2000 Meter. Er ist heute Ärztlicher Direktor der Medical Park Kliniken des Tegernseer Tals in Bad Wiessee und Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention. Außerdem veröffentlicht er regelmäßig Bücher zum Thema Fitness - das jüngste heißt Sportverletzungen von A bis Z und ist im Haug-Verlag erschienen.
kat