Parkinson-Telefonaktion Warnsignale erkennen

Die Diagnose Parkinson trifft die meisten unvermittelt. Wie sich die unheilbare Nervenerkrankung bemerkbar macht, welche Therapiemöglichkeiten es gibt und wie sich das Leben mit Parkinson meistern lässt, darüber informierten Experten die news.de-user. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen.

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Die Experten der Parkinson-Telefonaktion mussten zahlreiche Fragen zu der Erkrankung beantworten. Bild: news.de

Bei meinem Mann hat sich in letzter Zeit die Handschrift verändert. Jetzt habe ich gelesen, dass das ein frühes Parkinson-Symptom sein kann. Stimmt das?

Dr. Niels Allert: Es ist richtig, dass Menschen mit Parkinson häufig zunehmend kleiner und unleserlich schreiben. Weitere frühe Symptome der Krankheit können schmerzhafte Verspannungen im Nacken und Schultergürtel, Riechstörungen, ein schlurfender Gang oder auch Depressionen sein. Ihr Mann sollte unbedingt einen erfahrenen Neurologen aufsuchen, der feststellen kann, ob wirklich eine Parkinson-Erkrankung besteht.

Gibt es so etwas wie eine Checkliste für frühe Symptome der Krankheit?

Karin Pohl: Die Deutsche Parkinson Vereinigung hat eine Checkliste zur Früherkennung von Parkinson entwickelt. Sie finden den Test im Internet unter www.parkinson-vereinigung.de.

Ich bin erst 39 und mein Hausarzt hat den Verdacht, dass ich an Parkinson leiden könnte. Bin ich nicht viel zu jung?

Dr. Lars Wojtecki: Anders als viele Menschen vermuten, ist Parkinson keine reine Alterskrankheit. Parkinson tritt am häufigsten zwischen dem 55. und 65. Lebensjahr auf, bei etwa jedem zehnten Erkrankten wird die Diagnose jedoch vor dem 40. Geburtstag gestellt. Bei jungen Patienten, insbesondere wenn in der Familie bereits Fälle von Parkinson aufgetreten sind, ist auch an eine genetische Variante der Krankheit zu denken. Sie sollten den Verdacht Ihres Hausarztes ernst nehmen und Ihre Beschwerden von einem Neurologen abklären lassen.

Wie wird die Diagnose Parkinson gestellt?

Allert: Die Diagnose erfolgt in erster Linie klinisch, das heißt, aufgrund der körperlichen Untersuchungsbefunde. Ausgehend von diesen Befunden können weitergehende, auch apparative Untersuchungen erforderlich sein. Manchmal sind zum Ausschluss anderer Erkrankungen aufwändige Untersuchungen notwendig, die den Hirnstoffwechsel abbilden können.

Mein Vater hat Parkinson. Habe ich deshalb ein höheres Krankheitsrisiko?

Professor Dr. Lars Timmermann: Nur etwa zehn Prozent der Parkinson-Patienten haben eine erbliche Variante der Krankheit und auch von ihren Nachkommen erkranken nicht alle. Meine generelle Empfehlung an Menschen, in deren Familien Parkinson bereits aufgetreten ist, lautet: Bewegen Sie sich regelmäßig, treiben Sie Gymnastik und gehen Sie zu einem Neurologen, sobald Sie Symptome bemerken.

Wirkt sich eine frühe medikamentöse Behandlung günstig auf den Krankheitsverlauf aus?

Timmermann: Ja, eine zeitige Behandlung kann das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen. Ein neues Medikament mit dem Wirkstoff RasagilinRasagilin ist offenbar das erste Parkinsonmittel, das den Krankheitsverlauf leicht bremsen kann. Eine weltweite Studie mit 1176 Teilnehmern im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass sich die Zerstörung von Nervengewebe etwas verzögern lässt. hat in einer großen Studie gezeigt, dass der Krankheitsverlauf bei den Patienten um etwa ein Drittel abgebremst werden konnte. Aus anderen Studien wissen wir, dass sich der frühzeitige und konsequente Einsatz von DopaminagonistenDopaminagonisten sind Arzneimittel, die im Organismus ähnliche Effekte ausüben wie der körpereigene Botenstoff Dopamin. Dopamin wiederum ist ein wichtiger Botenstoff im Nervensystem, der Impulse zwischen Nervenzentren, Hirnzentren und Immunsystem weitergibt. Bei Parkinsonkranken fehlt dieser Botenstoff. und gegebenenfalls L-DopaL-Dopa wird im Gehirn zu Dopamin verwandelt. ebenfalls positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Daher ist eine möglichst frühzeitige und sichere Diagnose wichtig für den Behandlungserfolg.

Mein Arzt will mir kein L-Dopa verschreiben, weil ich noch so jung bin. Was hat das mit dem Alter zu tun?

Allert: Patienten, die über Jahre mit L-Dopa behandelt werden, entwickeln als Spätkomplikation sehr häufig Dyskinesien. Das sind unwillkürliche, überschießende Bewegungen. Gerade bei jüngeren Patienten versucht man daher, die Gabe von L-Dopa so lange wie möglich hinauszuzögern. Neben L-Dopa stehen aber noch weitere Wirkstoffgruppen zur Verfügung, die Dopaminagonisten, AmantadinAmantadin kann bei der Parkinsonkrankheit zur Linderung der Symptome eingesetzt werden. Es vermindert das Zittern, die Bewegungsstörungen und die körperliche Starre. Der Wirkstoff Amantadin verringert auch solche Bewegungsstörungen, die durch Medikamente verursacht werden. oder MAO-B-HemmerMAO-B-Hemmer blockieren ein Enzym, welches das Dopamin abbaut - die Monoaminooxydase-B (MAO-B). Dadurch wird Dopamin im Gehirn angereichert. , mit denen sich die Symptome gut behandeln lassen. Dennoch ist L-Dopa die am besten wirksame Substanz, so dass dieses Medikament bei den meisten Patienten im weiteren Krankheitsverlauf zum Einsatz kommt.

Kann allen Patienten mit fortgeschrittenem Parkinson durch das Einsetzen eines Hirnschrittmachers geholfen werden?

Wojtecki: Nein, leider nicht. Generell hilft ein Hirnschrittmacher nur Patienten, bei denen vorher auch die Medikamente gewirkt haben, es im Behandlungsverlauf aber zu starken Bewegungsschwankungen gekommen ist. Außerdem müssen die Patienten in einem guten körperlichen und geistigen Allgemeinzustand sein. Ob eine Operation infrage kommt, wird also immer individuell entschieden.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Hirnschrittmacher oder eine Pumpen-Therapie?

Timmermann: Es ist sinnvoll, einen Hirnschrittmacher, eine Apomorphin- oder Duodopa-PumpeApomorphin und Duodopa sind Präparate zur Behandlung von Dysfunktionen (Bewegungsstörungen) bei Parkinson. einzusetzen, bevor schwere Komplikationen eingetreten sind. Wir wissen inzwischen, dass die Lebensqualität durch diese Maßnahmen deutlich verbessert werden kann. Da wir hier mittlerweile sehr viel Erfahrung haben, sollten diese Therapieoptionen nicht mehr nur als letztes Mittel gesehen werden.

Lesen Sie auf Seite 2, mit welchen Nebenwirkungen Parkinsonkranke rechnen müssen

Mein Vater hat seit fünf Jahren Parkinson. Jetzt hat er Halluzinationen bekommen und der Arzt hat seine Medikamente abgesetzt. Die Halluzinationen hat er immer noch, ist dazu aber auch ganz steif…

Timmermann: Auf jeden Fall sollte die Medikation Ihres Vaters umgestellt werden. Er sollte Medikamente gegen die Halluzinationen bekommen, unter deren Schutz die eigentliche Parkinsonmedikation wieder gesteigert werden kann, so dass er wieder beweglicher wird.

Mein Mann hat Parkinson und schreit nachts und schlägt um sich. Was hat das zu bedeuten?

Allert: Wahrscheinlich leidet Ihr Mann an einer REM-Schlaf-VerhaltensstörungREM steht für Rapid Eye Movement - eine Schlafphase, die unter anderem durch Augenbewegungen und lebhaftes Träumen gekennzeichnet ist. , was bei Parkinson-Patienten häufig vorkommt. In der REM-Phase träumen wir besonders intensiv, unser Körper ist in dieser Schlafphase normalerweise wie gelähmt. Parkinson-Patienten mit einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung aber agieren ihre Träume körperlich aus. Es gibt glücklicherweise Medikamente, mit denen sich diese Schlafstörung gut kontrollieren lässt.

Ich leide unter übermäßigem Harndrang und schaffe es häufig kaum zur Toilette. Gibt es Medikamente, die mir helfen können?

Allert: Übermäßiger Harndrang kann ein Symptom der Parkinsonkrankheit sein. Es gibt Medikamente, mit denen die Beschwerden günstig beeinflusst werden können. Diese Medikamente sollten Sie nach Rücksprache mit einem Neurologen und einem Urologen einnehmen.

Sind begleitende Therapien sinnvoll?

Wojtecki: Ja, unbedingt. Begleitende Therapien sind genauso wichtig wie Medikamente. Menschen mit Parkinson haben Anspruch auf Begleittherapien wie Krankengymnastik, Sprach- und Ergotherapie und sollten diese Möglichkeiten auch nutzen. Mit gezielten Übungen können so die Bewegungsfähigkeit, die Mimik und die Alltagskompetenz verbessert werden. Auch eine sportliche Betätigung wie Wandern oder Schwimmen ist sehr empfehlenswert.

Ich bin noch relativ jung und habe zwei kleine Kinder zu versorgen. Welche finanzielle Unterstützung kann ich erwarten, wenn ich meinen Beruf nicht mehr ausüben kann?

Friedrich-Wilhelm Mehrhoff: Menschen, die aufgrund einer chronischen Krankheit oder Behinderung ihren Beruf nicht mehr ausüben können, haben bereits vor Vollendung des 65. Lebensjahres Anspruch auf Rentenzahlungen. Allerdings gilt hier der Grundsatz: Reha vor Rente. Es wird also zuerst geprüft, ob Sie durch Rehabilitationsmaßnahmen Ihren Beruf weiter ausüben können. Außerdem müssen Sie bei einer Frührente, die vor dem 63. Lebensjahr beginnt, Abschläge in Kauf nehmen. Liegt Ihre Rente unterhalb der Bemessungsgrenze, haben Sie Anspruch auf Grundsicherung.

Welche Vorteile hat es für mich, wenn ich einen Schwerbehindertenausweis beantrage?

Mehrhoff: Schwerbehinderten Menschen wird vom Gesetzgeber eine ganze Reihe von Vergünstigungen zum Nachteilsausgleich eingeräumt. So haben diese Anspruch auf Maßnahmen zur Unterstützung am Arbeitsplatz, Vorteile bei der Einkommenssteuer und eine ganze Reihe weiterer Vergünstigungen, wie zum Beispiel die Freifahrt im öffentlichen Personenverkehr. Den Schwerbehindertenausweis können Sie bei den Versorgungsämtern beantragen.

Wo finde ich Kontakt zu anderen Betroffenen?

Pohl: Die Deutsche Parkinson Vereinigung hat etwa 450 Regionalgruppen und Kontaktstellen im ganzen Bundesgebiet. Hier können Sie sich mit anderen Betroffenen austauschen. Die Adressen finden Sie über unsere Internetseite www.parkinson-vereinigung.de. Telefonisch erreichen Sie uns Montag bis Freitag von 8 bis 14 Uhr unter der Rufnummer (0 21 31) 740 270.

Auf die Fragen antworteten: Rechtsanwalt Friedrich-Wilhelm Mehrhoff, Geschäftsführer der Deutschen Parkinson Vereinigung (dPV), Neuss; Karin Pohl, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit dPV, Neuss; Professor Dr. Lars Timmermann, Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Köln; Dr. Niels Allert, Neurologisches Reha-Zentrum Godeshöhe, Bonn, und Dr. Lars Wojtecki, Klinik für Neurologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

car/pr.nrw/fme

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ralf Theurer
  • Kommentar 1
  • 13.06.2012 12:24

Nicht jedes Zittern der Hände ist bereits ein Hinweis für das Vorhandensein von Parkinson. Es kann sich auch um einen Essentiellen Tremor (ET) handeln, von dem in Deutschland über 4 Millionen Menschen betroffen sind. Diese überwiegend erbliche Krankheit unterscheidet sich ganz wesentlich vom Parkinson, sodass es die Aufgabe eines erfahrenen Neurologen ist, möglichst schon im Anfangsstadium der Krankheit eine genaue Unterscheidung zu treffen, was bis auf seltene Zweifelsfälle auch möglich ist.

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