Von news.de-Redakteurin Anwen Roberts
Zum Auftakt der internationalen Tuberkulose-Fachtagung in Peking hat Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), erneut vor den globalen Gefahren der Krankheit gewarnt.
Tuberkulose (TB) gilt als die Infektionskrankheit mit den meisten Todesopfern weltweit – obwohl sie in Deutschland und anderswo in Europa fast ausgerottet ist. Doch in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie China und Indien steigt die Zahl der TB-Fälle besonders schnell an, während die hohe Rate der Tuberkulose-Neuinfektionen in vielen afrikanischen Staaten vor allem auf die Immunschwächekrankheit Aids zurückgeführt wird.
Schätzungen zufolge werden mittlerweile knapp 20 Prozent der Neuerkrankungen durch «multiresistente» Bakterienstämme ausgelöst, von denen wiederum ein Zehntel als völlig unbesiegbar und nicht therapierbar gilt. Nicht die Fallzahlen insgesamt, sondern der steigende Anteil resistenter Erreger sei die «wahre Alarmglocke», sagte Chan heute während der Konferenz, an der 27 Staaten aus aller Welt teilnehmen. Chan warnte vor allem Entwicklungsländer vor dem «Pulverfass» Tuberkulose.
Neue Aufklärungs- und Seuchenkontrollprogramme sollen weltweit neue Wege zur Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheit aufzeigen, in Peking wird konkret diskutiert: Was genau ist wirkungsvolle Prävention, wie sollen Ansteckung und Ausbreitung der Krankheit verhindert werden, welche Maßnahmen können in Ballungsräumen genau wie auf dem Dorf zum Einsatz kommen?
Die Bill & Melinda Gates-Stiftung hat zugesagt, Programme zur Seuchenprävention in China mit rund 25 Millionen Euro zu unterstützen. Der chinesische Gesundheitsminister Chen Zhou sagte, dass die Gates-Geldspritze verstärkt in neue Diagnoseverfahren und Tests investiert werden solle. Auch ungewöhnliche Anti-Epidemien-Ideen werden in Peking verhandelt, selbst die abwegigsten.
Wissenschaftler des renommierten US-Forschungsinstituts MIT hatten angeregt, die chinesische Tuberkulose-Rate mit einem einfachen Belohnungssystem zu drosseln: Per SMS sollen TB-Kranke einem Gesundheitszentrum die pünktliche Einnahme ihrer Medikamente bestätigen, dann erhalten sie eine kostenlose Gutschrift auf ihr Handy. Grund für die schnelle Ausbreitung von Erregerstämmen sind eben auch die komplizierte Behandlung, in der Patienten bis zu 25 Tabletten täglich einnehmen müssen.
Vielleicht ist auch in neuen Kommunikationsformen eine Lösung in Sicht: Im vergangenen November hatte Google mit der Einrichtung des Grippe-Rechners «Flu Trends» von sich reden gemacht, ein Landkarten-Mashup, in dem Online-Suchabfragen etwa nach Grippemedikamenten einem Grippe-Infektionsgebiet räumlich zusortiert werden.
Seit Mitte letzten Jahres hat China nach eigenen Angaben mehr Internetnutzer als die USA, rund 250 Millionen User – bei rund anderthalb Millionen TB-Fällen in China pro Jahr wäre die Schwarmintelligenz chinesischer Internet-User wohl mindestens so aussagekräftig wie die Grippe-Kartensuche.
kat