Von news.de-Redakteurin Katharina Peter - 30.03.2009, 14.23 Uhr

Altenpflegeheime: «Die Leute werden einfach ruhiggestellt»

Pflegebedürftige, die im Heim ihren Lebensabend verbringen, haben kaum Zugang zu Fachärzten. Auch werden schneller Medikamente zum Ruhigstellen verabreicht, als Menschen, die durch ambulante Pflege in ihrem eigenen Zuhause leben können.

In Altenheimen wird oft zu Beruhigungsmittel gegriffen, anstatt die Bewohner wieder auf die Beine zu kriegen. Bild: dpa

Das hat die Studie von Rolf Müller und seinem Team vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen ergeben. Um sich ein Bild machen zu können, habe man sich die Routinedaten von Krankenkassen angesehen, berichtete Müller und stellte die Ergebnisse beim Kongress «Pflegebedürftig in der Gesundheitsgesellschaft» in Halle an der Saale vor.

Betrachtet wurden alte Menschen mit Krankheiten wie etwa DemenzBei einer Demenz verlieren die Betroffenen vor allem ihr Kurzzeitgedächtnis. Aber auch das gesamte Denkvermögen, die Sprache und die Motorik sowie in einigen Formen sogar die Persönlichkeitsstruktur können in Mitleidenschaft gezogen werden. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit. , Schizophrenie, ParkinsonDie Parkinson-Krankheit ist eine langsam fortschreitende neurologische Erkrankung. Die Hauptsymptome bestehen in Muskelstarre, Muskelzittern und verlangsamten Bewegungen. Ausgelöst wird die Krankheit durch das Absterben von Zellen in einer Struktur des Mittelhirns, das den Botenstoff Dopamin herstellt. , Schlaganfall oder Herzinfarkte, die entweder in einem Altenpflegeheim oder im eigenen Zuhause ambulant gepflegt wurden. Dabei stellte sich heraus, dass bei Heimbewohnern nicht nur der Anteil von Demenzkranken besonders hoch, sondern auch, dass der Gesundheitszustand bei den stationär betreuten Hochbetagten wesentlich schlecher ist. Damit einher gehe natürlich dann auch ein höherer Bedarf an Pflege und medizinischer Betreuung, so Müller.

«Heimbewohner wurden in jedem Quartal des Jahres von einem Allgemeinmediziner betreut», so Müller. Wie häufig und welche Art von Behandlungen stattgefunden hätten, lasse sich aus den Zahlen aber nicht ablesen, erklärte Müller. Denn der Patient tauche nur einmal pro Quartal als abgerechnet auf.

Bei Krankheiten wie Parkinson oder auch Schizophrenie gelte die Richtlinie, dass Patienten mindestens einmal im Quartal einen Psychiater oder Neurologen aufsuchen sollten. Doch Heimbewohner wurden durchschnittlich nur 2,5 Mal pro Jahr von einem Fachmann betreut. «Das ist einfach zu wenig», betonte Müller.

Bei den Besuchen von Augenärzten und Orthopäden sehe die Situation noch schlechter aus. Während Heimbewohner im Schnitt ihre Augen nur 0,5 Mal im Jahr untersuchen lassen, nehmen sie den Rat eines Orthopäden sogar nur 0,2 Mal pro Jahr in Anspruch. Das sei deutlich weniger als bei Pflegebedürftigen, die ambulant betreut werden oder ältere Menschen, die noch keiner Pflege bedürfen. «Pflegebedürftige in Altenheimen können also besser gucken und können sich wunderbar bewegen?», fragte sich Müller scherzhaft.

Professor Gabriele Meyer von der Universität Witten vermutet hinter diesen Zahlen, dass Heimbewohner so viele gesundheitliche Probleme hätten, dass ein Besuch beim Augenarzt ganz hinten auf der Dringlichkeitsliste stehen könnte. Auch gibt sie zu bedenken, dass Fachärzte sich nur schwer für Hausbesuche und damit auch Besuche im Altenpflegeheim von ihren Praxen losreißen könnten. Damit sei die Betreuung nur schwer realisierbar. Zumal es vielen Heimbewohnern schwer falle, einen Facharztbesuch selbst in die Hand zu nehmen. Deshalb würden viele Belange vom Hausarzt abgedeckt.

Welche Medikamente in Altenpflegeheimen verabreicht werden

Gerade bei der Betreuung durch Orthopäden sieht Müller aber ein ganz anderes Problem: «Es steht doch immer wieder die Diskussion im Raum, wie sinnvoll eine Therapie überhaupt noch ab einem gewissen Alter und einem bestimmten Krankheitsgrad ist und inwieweit diese finanziell lukrativ ist.» Bei ambulant Betreuten liege der Schwerpunkt eher darin, die Senioren durch Therapie so selbstständig und mobil wie möglich zu bekommen, so der Sozialpolitik-Experte. Im Heim stünde dieses Ziel nicht im Mittelpunkt.

Diese These werde aber auch durch andere Ergebnisse aus der Studie unterstützt. So würden in Heimen viel mehr Psycholeptika und Sedativa verabreicht. «Die Leute werden einfach ruhig gestellt», klagt Müller an und fügte hinzu: «Die Menge an diesen Medikamenten ist einfach etwas zu viel.»

Dagegen würden Antidementiva nur sehr spärlich ausgegeben. «Es wird immer noch diskutiert, ob diese Medikamente überhaupt wirken», so Müller. «Auch legt man im Heim keinen Wert mehr darauf, dass der Patient wieder aktiviert wird.» Als positiv habe sich die medizinische und medikamentöse Versorgung von stationären Parkinson-Patienten erwiesen.

ruk

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