Von news.de-Redakteurin Katharina Peter - 29.03.2009, 00.00 Uhr

Zukunft der Altenpflege: Umdenken statt immer mehr Heime

Die Gesellschaft wird älter, der Nachwuchs spärlicher. Damit nicht irgendwann alle Alten- und Pflegeheime aus den Nähten platzen, müssen sich Politik, Medizin und Pflegedienste vorbereiten. Doch die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.

Weil immer mehr Menschen pflegebedürftig werden, ist in der Pflegepolitik Umdenken gefragt. Bild: news.de

Die Zahl der Menschen mit dauerhafter Pflegebedürftigkeit und chronischen Krankheiten nimmt immer mehr zu. Mit dieser Herausforderung hat sich der Kongress «Pflegebedürftig in der Gesundheitsgesellschaft» in Halle an der Saale an diesem Wochenende auseinandergesetzt. Dem erwarteten Anstieg von Pflegebedürftigen sei nicht mit dem verstärkten Bau von neuen Pflegeanlagen die Stirn zu bieten.

Dennoch werden weiterhin in Deutschland, Schweiz und Österreich zahlreiche Bauaufträge entwickelt und andere Optionen ignoriert. Das könne aber nicht die Lösung darstellen. Stattdessen müssten verschiedene Strategien der Langzeitbetreuung im Alter entwickelt werden, waren sich die Kongressbesucher einig.

Noch vor einigen Jahren sei der Forschungsbereich Pflegewissenschaften ein Exot an den Universitäten gewesen, betonte Gabriele Hausdorf, Leiterin des Referats für Gesundheitsforschung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. In den vergangenen zehn Jahren habe sich aber im Zuge der Diskussion rund um den demografischen Wandel eine massive Veränderung vollzogen. Seit 2004 wurden fast zehn Millionen Euro in diesen Bereich gesteckt.

Hausdorf gab zu bedenken, dass die Forschung und Erhebung von Studien zwar wichtige Grundlage seien, um neue und fundierte Konzepte zu schaffen. Doch man müsse nun Sorge tragen, dass die Ergebnisse «auch an den Menschen kommen». Denn, so Hausdorf: «Forschung ist erst dann etwas wert, wenn sie einzelnen Menschen nutzt.»

Sachsen-Anhalts Kultusminister Professor Jan-Hendrik Olbertz, der selbst das Fach Pflegewissenschaften unterrichtet hat, stellte klar, dass es sich bei der Pflege nicht um eine Dienstleistung, wie etwa beim Friseur, handle und deshalb gründliche Forschung im Vorfeld betrieben werden müsse. «Menschen, die Pflege in Anspruch nehmen, sind in Not», so Olbertz.

Nicht nur die Tatsache, dass die Bevölkerung immer älter werde und damit wahrscheinlich immer mehr Menschen im Alter pflegebedürftig werden könnten, setze Politik und Forschung unter Druck, frühzeitig zu handeln. «Im Jahr 2025 werden wir ein Durchschnittsalter von 50 Jahren haben», sagte Olbertz. Derzeit seien es noch 39 Jahre. Auch hätten sich die sozialen Strukturen so sehr verändert, dass die Familie oder auch Nachbarschaftshilfe als erstes Netzwerk für die Pflege in vielen Fällen nicht mehr vorhanden seien. «Wir müssen dann dafür Sorge tragen, dass diese Menschen ihren Lebensabend in Würde begehen können», sagte Olbertz.

Man wisse heute noch nicht, ob der größere Anteil von alten Menschen wirklich auch mehr Pflegebedürftige bedeuten werde. «Werden diese zusätzlichen Jahre gesunde oder kranke Jahre?», fragte Dr. Lucy Bayer-Oglesby vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium vom Bundesamt für Statistik.

Lesen Sie auf Seite 2, welche Strategien die Lage entschärfen sollen

Deshalb müsse eine Änderung in der Struktur der Pflege stattfinden. Durch ambulante Pflege, Therapiemöglichkeiten, Prävention und andere Maßnahmen müsse erreicht werden, dass Menschen, die nur leicht pflegebedürftig seien, so lange wie möglich in ihrem eigenen Zuhause bleiben können.

Verschiedene Studien hätten nicht nur statistisch gezeigt, dass dann die bisher vorhandenen Betten in Alten- und Pflegeheimen dem demografischen Wandel gewachsen wären, auch würde dies einen enormen Anstieg in Lebensqualität, Autonomie und Würde der Hochbetagten bedeuten und sich somit positiv auf deren Gesundheit auswirken.

Bleibe aber der Umgang mit älteren Menschen gleich und verharre man in der derzeitigen Strategie, wann und unter welchen Umständen Pflegebedürftige in Heimen untergebracht werden, dann müsse man mit einem Anstieg des Bedarfs an Pflegebetten bis 2030 um etwa 90 Prozent rechnen, warnte Bayer-Oglesby. Eine Entschärfung der Situation sehe sie ganz deutlich darin, die ambulante Pflege im eigenen Zuhause zu fördern und auszubauen.

Um aber Strukturen und Netzwerke wirksam und sinnvoll aufbauen zu können, müsse ermittelt werden, welcher Pflegebedarf tatsächlich vorhanden sei und welche Pflegemethoden von den Pflegebedürftigen der verschiedenen Pflegestufen angenommen würden und Wirkung zeigten. Auch versucht die Forschung zu klären, durch welche Faktoren Pflegebedürftigkeit abgeschwächt werden kann.

Unter den Ansätzen sind auch verschiedene Präventionsstrategien. So plane man etwa eine stärkere Vernetzung mit den Ernährungswissenschaften. Schließlich könnten durch die richtige Ernährung verschiedensten Krankheiten und damit der Pflegebedürftigkeit vorgebeugt werden.

Kongressgastgeber Professor Johann Behrens gab zudem hinsichtlich der Strategieentwicklung zu bedenken, dass die Frage, ob jemand pflegebedürftig sei, sich nicht zwangsläufig über den Faktor, ob er gesund oder krank ist, entscheide. Auch Wellness, Fitness und Sicherheitsgefühl würden eine Rolle spielen. Behrens ermahnte: «Wir pflegen und waschen uns ja auch nicht nur dann, wenn wir krank sind oder um einer Krankheit vorzubeugen.»

jek

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