30 Tage ohne Uhr Der «innere Tag» hat 25 Stunden

Nun lebe ich schon 30 Tage ohne Uhr. Doch falls mich mal jemand nach der Zeit fragen sollte, bin ich gut vorbereitet. Ich werde sagen: «Da muss ich auf meinen Suprachiasmatischen Nukleus hören. Aber er könnte eine Stunde nachgehen.»

Innere Uhr (Foto)
Im Gegensatz zu dieser äußeren Uhr handelt es sich bei der inneren Uhr um einen Nervenknoten. Bild: dpa

Obwohl ich beinahe durchgängig ohne Uhr lebe, habe ich trotzdem das Gefühl, nicht zu stark aus dem Zeitraster zu geraten. Nur eins ist sicher. Abends werde ich etwas später müde. Bemerkt habe ich es dadurch, dass meine Nachbarn nicht mehr zu hören sind, wenn ich nachts im Bett liege. Und wenn ein Haus voller Studenten-WGs von Stille umhüllt ist, dann muss es schon sehr spät sein.

Diese Erkenntnis passt zu einer wissenschaftlichen Studie aus den 1960er Jahren, bei der Freiwillige vier Wochen lang in einem Keller des oberbayerischen Klosters Andechs lebten, ohne in Kontakt mit der Uhrzeit oder dem Tageslicht zu kommen. Die Wissenschaftler um Professor Jürgen Zulley wollten herausfinden, ob Menschen unter diesen Umständen völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Das Ergebnis: Schlafen und Wachen sowie der Verlauf der Leistungskurve verhielten sich in einem ähnlichen Rhythmus wie zuvor. Daraus schlossen die Forscher, dass es tief in uns drin eine innere Uhr geben muss, die den Ausstoß des Schlafhormons Melatonin und des Stresshormons Kortisol steuert.

Bei den Studien in Andechs entdeckten die Forscher noch etwas: Zwar hielten sich die Wach- und Schlafzeiten die Waage, doch verschob sich das Zubettgehen der Teilnehmer jeden Tag etwa um eine Stunde nach hinten. Der Tag im Keller pendelte sich bei den Menschen ohne Licht auf etwa 25 Stunden ein. Diese Erkenntnis, dass der «innere Tag» erst nach 25 Stunden wieder von vorn beginnt, passt also genau zu meiner Wahrnehmung. Ich hatte ja auch das Gefühl, abends ohne Uhr länger munter zu sein.

Nach der Erklärung der Forscher ist es die Sonne, die die innere Uhr immer wieder auf einen 24 Stunden-Tag abgleicht. Demnach wird jeden Morgen, wenn das Tageslicht fünf- bis achtmal heller ist als die Raumbeleuchtung, unsere innere Uhr quasi eine Stunde vorgestellt.

Sie sitzt übrigens im Kopf über der Kreuzung der beiden Sehnerven. Wissenschaftler haben in Tierversuchen festgestellt, dass es sich dabei um einen winzigen Nervenknoten handelt. Die Signale der Außenwelt erhält die innere Uhr über die Augen. Ihre Anweisungen gelangen dann über die Nervenbahnen weiter an die Zirbeldrüse im Zwischenhirn, die das Melatonin produziert. Übrigens haben die Forscher diesem Nervenknoten den Namen Suprachiasmatischer Nukleus gegeben.

Wenn nun aufgrund der Zeitumstellung in der Nacht zwischen Sonnabend und Sonntag die richtige Uhr eine Stunde vorgedreht wird, dann bedeutet das für den Suprachiasmatischen Nukleus am Morgen eine Verschiebung von gleich zwei Stunden. Und das ist Stress pur.

mas

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