Von Angelika Bruder
In der Nacht zum Sonntag wird uns eine Stunde gestohlen. Das bedeutet Dauerstress für die innere Uhr. Besonders Frühaufsteher leiden unter der Diskrepanz zwischen innerer und sozialer Zeit. Zudem steigert die Änderung das Herzinfarktrisiko.
Am Sonntag beginnt in der Europäischen Union die Sommerzeit und damit für Millionen Menschen monatelanger Stress. Denn die eine Stunde, die am letzten Märzwochenende gestohlen und erst Ende Oktober zur Winterzeit wieder zurückgegeben wird, fehlt selbst Frühaufstehern, wie eine großangelegte Studie der Münchner Universität gezeigt hat.
«Wir waren selbst überrascht, wie stark die Effekte sind», sagt der verantwortliche Forscher Till Roenneberg. Noch lasse sich über die Auswirkungen der Zeitumstellung auf die Gesundheit nur spekulieren. Eine Untersuchung in Schweden hat aber gezeigt, dass in den ersten drei Tagen nach der Umstellung die Fälle von Herzinfarkten signifikant - um etwa 25 Prozent - ansteigen.
Die Ergebnisse der Münchner Wissenschaftler nach Auswertung der Fragebögen von rund 55.000 Menschen sind verblüffend. Trotz Industrialisierung orientieren sich 82 Prozent der Männer und Frauen in Deutschland an Sonnenauf- und Sonnenuntergang. «Das heißt nicht, dass die Menschen mit der Sonne aufstehen. Aber ihre innere Uhr richtet sich danach», sagt Roenneberg. Lediglich die Bewohner von Großstädten mit mehr als 300.000 Einwohner sind nicht so «sonnengetaktet». Dort sei der Anteil an künstlichem Licht zu groß.
Für die Untersuchung schnitten die Chronobiologen die Deutschlandkarte in Längsscheiben und stellten fast, dass die innere Uhr der Menschen tatsächlich auf die «echte» Ortszeit, also den wirklichen Sonnenstand, eingestellt ist. Bewohner eher östlicher Gegenden waren statistisch um genau den Zeitraum früher dran, den die Sonne dort früher als im Westen aufgeht. So wirbt etwa auch das Bundesland Sachsen-Anhalt mit diesem Ergebnis und nennt sich das Land der Frühaufsteher.
Unabhängig vom Stand der Sonne unterscheiden die Experten aber auch verschiedene, genetisch festgelegte Schlaf-Wach-Typen. Die frühen Schläfer, sogenannte Lerchen, liegen am liebsten deutlich vor Mitternacht im Bett und stehen früh auf. Die späten, sogenannte Eulen, habe eine Vorliebe dafür, erst deutlich nach Mitternacht ins Bett zu gehen, und würden am liebsten erst nach 8 Uhr aufstehen.
Der jeweilige Typus ist angeboren. Er kann aber unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Außerdem variiert er im Laufe des Lebens. Während kleine Kinder häufig schon früh wach sind, können Jugendliche vielfach erst spät einschlafen und sind entsprechend morgens müde. Mit zunehmendem Alter kehrt sich das wieder um - bis zur sogenannten senilen Bettflucht, wie der Berliner Chronobiologe Achim Kramer erklärte.
Rund 60 Prozent der Deutschen sind «Eulen». Das liege auch daran, dass die meisten Menschen sich vorwiegend in geschlossenen Räumen aufhalten: «Wenn man zuwenig natürliches Licht bekommt, wird man eulenhaft», so Kramer. Für die «Eulen» gibt es aber schon ohne Zeitumstellung eine Diskrepanz zwischen innerer und sozialer Zeit. Schließlich richten sich weder Schul- noch Arbeitszeiten nach den inneren Uhren. Durch die Sommerzeit wird diese Lücke noch größer: «Der soziale Jetlag ist für viele Menschen ein unglaublicher Stress», betont Roenneberg.
Anders als landläufig erwartet, stellt sich das Zeitgefühl der meisten Menschen nur sehr langsam um - wenn überhaupt: «Das biologische Timing der späten Chronotypen bleibt einfach auf Normalzeit, während all ihre sozialen Aktivitäten um eine Stunde vorgestellt werden. Aber selbst die innere Uhr früher Chronotypen stellt sich bei Beginn der Sommerzeit nicht vollständig um», erklärt der Münchner Professor.
Während bekannt ist, dass sich beispielsweise Fernreisen zu Zielen mit stark unterschiedlichen Sonnenzeiten auf Leiden wie etwa Depressionen auswirken können, ist über Langzeiteffekte der saisonalen Störung durch die zwei Zeitumstellungen noch wenig bekannt. «Ganz generell darf man auch kleine Veränderungen in einem biologischen System nicht unterschätzen», sagt Roenneberg.
Um die Umstellung wenigstens etwas zu erleichtern, rät Roenneberg dazu, sich möglichst viel an der frischen Luft in natürlichem Licht aufzuhalten. «Wenn man in den ersten zwei Stunden nach dem Aufstehen an natürliches Licht kommt, hilft das schon», meint auch Kramer. Dauerhaft umstellen kann man seinen Rhythmus aber nicht. «Das verhindern unsere Gene», betont der Berliner Professor.
kat/car