Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Von Schwindelanfällen, Schlafstörungen oder Tagen, an denen er sich nur einfach meschugge fühlt, bleibt auch Dr. Peter Göbel nicht verschont. Der Geowissenschaftler hat ein Buch über das Leiden geschrieben, das er mit nahezu jedem zweiten Deutschen teilt: die Wetterfühligkeit.
Die Wetterfühligkeit ist eine wahre Volkskrankheit geworden. Für schätzungsweise 50 Millionen Menschen zwischen Nordsee und Alpen, besteht ein enger Zusammenhang zwischen Wetter und Gesundheit, stellt Dr. Peter Göbel fest. Sie klagen beim Umschwung von gutem zu schlechtem Wetter oder bei extrem hohen und niedrigen Temperaturen über Kopfschmerzen, Migräne, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen oder Konzentrationsschwierigkeiten und Narbenschmerzen. Jede Wetterlage ist dann die falsche. Ist es zu warm, soll es kälter werden, ist es zu kalt, sehnt man sich nach Hitze.
«Vor allem Mitteleuropäer sind wetterfühlig», sagt der Geowissenschaftler, der sein Wissen in einem Buch zusammengefasst hat (Wenn das Wetter krank macht). «Das mag damit zusammenhängen, dass das gemäßigte Klima unserer Breiten von Natur aus mehr schont als durch Reize fordert.» Ein meistens unterforderter, untrainierter Organismus reagiere dann auf gelegentliche Herausforderungen umso stärker, so Göbels Erklärung. Er unterstreicht, dass die Wetterfühligkeit kein Phänomen unserer Zeit ist. Martin Luther, Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Wolfgang von Goethe litten offenbar unter Wetterstress. Goethe machte aus der Not eine Tugend: «Gerade die feinsten Köpfe haben am meisten von den schädlichen Wirkungen der Luft zu leiden», soll er einmal gesagt haben.
Der Klimaexperte unterscheidet zwischen Wetterfühligkeit und Wetterempfindlichkeit. Letztere ist eine Befindlichkeitsstörung, bei der bestehende Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Rheuma und Asthma durch das Wetter verstärkt werden. Anders ist es bei der Wetterfühligkeit. «Wer wetterfühlig ist, bemerkt sogar kleinste Veränderungen des Wetters mit Unbehagen und fühlt sich krank. Wetterfühlige Menschen sind wider Willen Wetterfrösche», sagt Göbel. Sie spürten das Wetterereignis schon Stunden und Tage vor dem Datum, an dem es eintreffe, - so wie Möwen an der Küste den nahenden Sturm spüren und sich dann flugs in sicherere Gewässer zurückziehen.
Was die Ursachen der Wetterfühligkeit angeht, stochern die Wissenschaftler noch im Nebel. Ein Ansatz ist die Reaktion des menschlichen Organismus auf die Spherics, die auch als Knistern und Knacken im Radio - vor allem auf Mittelwelle - ankündigen. Diese elektromagnetische Strahlung entsteht, wenn Luftmoleküle stark aneinander reiben, was besonders bei aufziehenden Gewittern und dem Aufeinandertreffen von warmen und kalten Luftmassen geschieht. Da der Mensch ein besonders guter Leiter für elektromagnetische Impulse ist, zeigen sich bei vielen Menschen im Vorfeld eines Wetterumschwungs die typischen Symptome der Wetterfühligkeit. Die Spherics treten allerdings nur vor einem Wetterumschwung auf und sind danach verschwunden. Die Beschwerden der Menschen dagegen dauern meist an.
Für Göbel gibt es noch einen weiteren Erklärungsansatz: kurzfristige Luftdruckschwankungen, die nicht genügend Zeit zur Anpassung lassen. Sie entstehen, wenn sich unterschiedliche Luftmassen übereinander schieben – zum Beispiel die trockenwarme des Föhns in der Höhe über die feuchtkalte am Boden. Es kommt zu Schwingungen, die unbewusst wahrgenommen werden und Änderungen der Herzfrequenz und des Blutdrucks bewirken.
Jeder kann für sich herausfinden, ob er wetterfühlig ist - indem er ein Tagebuch führt und darin Beschwerden und Wetterlagen einträgt. Die stärksten Beschwerden treten laut Göbel auf, wenn zwei unterschiedliche Fronten über Mitteleuropa hinwegziehen: die Warmfronten (die auf Wetterkarten mit halbkreisförmig gezahnten Linien dargestellt sind) und die Kaltfronten (bei denen die Zähne dreieckig sind). Göbel unterscheidet danach grob zwei Typen von Wetterfühligen: die Warmfronttypen und die Kaltfronttypen.
Wenn eine Warmfront durchziehe, verfinstere sich der Himmel, und der Warmfronttyp klage über Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Wenn sich dagegen am Himmel mächtige Haufenwolken, oft verbunden mit Gewitter und Sturm, entwickelten, sei nicht nur die Schichtung der Atmosphäre labil. Dann machen dem Kaltfronttyp vor allem Kreislaufprobleme zu schaffen.
Da Wetterfühligkeit ein Indiz für ein Ungleichgewicht des Organismus ist, ist sie weniger eine Krankheit, die es zu therapieren gilt, sondern eher ein Symptom, dass auf eine grundlegendere Störung hinweist. Göbel rät: «Wer häufiger unter den charakteristischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Schwindel leidet, sollte sie in jedem Fall ärztlich abklären lassen.» Und: sich keinesfalls hinter dem warmen Ofen verstecken. Besser sei es, das Wetter selbst als eine natürliche und kostenlose Medizin zu nutzen.
«Denn ein kühler Wind stärkt die Abwehrkräfte, ein Sonnenbad (in Maßen genossen) bildet einen Schutz gegen die UV-Strahlung und fördert die Produktion von Vitamin D, das verschiedenen Erkrankungen vorbeugt», zählt Göbel auf. Zudem bringe Licht die Psyche und den Kreislauf in Schwung. Wer sich regelmäßig bei Wind und Wetter an der frischen Luft bewege, gewöhne seinen Körper an die Reize der wechselnden Witterung und könne das Wetter mit seinen eigenen Waffen schlagen.
Dr. Peter Göbel: Wenn das Wetter krank macht. Humboldt-Verlag, 160 Seiten, 12,90 Euro, März 2009.
Bei diesem Wetter da kann man schon verzweifeln.Dies geht einem ja richtig aufs Gemüt.Wer hält denn die Sonne gefangen ?
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