Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Tumorschmerzen sind scharf, stechend und schier unerträglich. So beschreiben es Krebspatienten. Doch nur die wenigsten bekommen Hilfe oder nehmen sie in Anspruch. Das zu ändern, haben sich die Organisatoren des 1. Nationalen Tages gegen den Tumorschmerz vorgenommen.
Eine europäische Studie mit mehr als 12.000 Patienten in zwölf Ländern aus dem Jahr 2002 förderte erschreckende Ergebnisse zutage: Etwa zwei Drittel aller Krebspatienten in Europa leiden trotz ärztlicher Behandlung unter chronischen Schmerzen, jeder Dritte wünscht sich deshalb sogar einen schnellen Tod. Mehr als 30 Prozent der befragten Tumorpatienten gaben außerdem an, dass ihr Arzt keine Zeit gehabt hatte, mit ihnen über den Schmerz zu sprechen. Deutschland hatte an der Studie nicht teilgenommen. Spezialisten sehen die Ergebnisse aber als übertragbar an.
Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) ist Deutschland in Sachen Schmerztherapie sogar Schlusslicht in Europa. «Dass es mit der Versorgung von Tumorschmerzpatienten bei uns im europäischen Vergleich eher schlechter aussieht, kann man zum Beispiel am MorphinverbrauchMorphin wird in der Medizin als eines der stärksten bekannten natürlichen Schmerzmittel (Analgetikum) eingesetzt. ablesen», erklärt Dr. Stefan Wirz, Sprecher des Arbeitskreises Tumorschmerz der DGSS und Chefarzt der Abteilung Anästhesie, Interdisziplinäre Intensivmedizin, Schmerztherapie, Palliativmedizin am Katholischen Krankenhaus im Siebengebirge in Bad Honnef. «Deutschland befindet sich mit 20 Kilogramm pro Jahr und Millionen Einwohnern an hinterster Stelle.» Zum Vergleich: Dänemark verbraucht bis zur vierfachen Menge an OpiatenOpiate sind natürliche Substanzen, die im Opium vorkommen und eine schmerzstillende Wirkung haben. .
«Opiate werden immer noch zu Unrecht mit passiver Sterbehilfe in Verbindung gebracht», sagt Wirz. Da müssten Vorurteile abgebaut werden. Er sieht das Problem unter anderem in einer mangelnden Ausbildung der Ärzte, die seit der neuen Approbationsordnung ihr Studium abschließen können, ohne je mit dem Thema Schmerztherapie in Berührung gekommen zu sein.
Auf der anderen Seite seien die Patienten nicht ausreichend informiert. Wirz weiß von Ängsten Krebskranker, die Schmerzmittel ablehnen, weil sie befürchten, süchtig davon zu werden. Andere hätten Bedenken gegen mögliche Nebenwirkungen wie Verstopfung oder Übelkeit. «Viele verdrängen den Schmerz, weil sie denken, das muss so sein», sagt der Tumorspezialist.
Man muss den Schmerz aber nicht ertragen. Darauf macht die DGSS am Nationalen Tag gegen den Tumorschmerz aufmerksam. 14 Experten stehen Patienten von 13 bis 14.30 Uhr unter einer kostenlosen Hotline - 0800-5837837 - für Fragen rund um das Thema Tumorschmerz zur Verfügung.
Wie viele Menschen in Deutschland unter Tumorschmerz leiden, können Experten nur schätzen. «Leider fehlen verlässliche Zahlen, die es erlauben würden, entsprechende Versorgungsstrukturen politisch einzufordern», klagt Wirz. Er vermutet, dass in Deutschland zwischen 200.000 und 500.000 Patienten betroffen sind.
In etwa 80 Prozent der Fälle stehen die Schmerzen in direktem Zusammenhang mit dem Tumor: Der Krebs oder seine Metastasen wachsen und reizen umliegende Schmerzrezeptoren oder Nerven. Daneben gibt es aber auch Schmerzen als Folge von Begleiterkrankungen oder Komplikationen wie etwa Thrombosen, Pilzinfektionen oder Hautgeschwüren - oder auch als Nebenwirkung der Therapie. So kann es als Folge einer Chemotherapie in manchen Fällen zu Entzündungen oder Nervenerkrankungen kommen.
Während Männer am häufigsten an Prostatakrebs erkrankten, stehe bei Frauen Brustkrebs an erster Stelle, erklärt die DGSS. Gerade diese Tumorarten führten zu schnell stark werdenden Schmerzen, da sie häufig Knochenmetastasen bilden. Wirz macht Krebskranken Mut: «Wir können Tumorschmerzen heute in über 90 Prozent der Fälle wirksam behandeln.» Dazu müssten die Patienten nur konsequent nach den Richtlinien der modernen Schmerztherapie behandelt werden. «Wenn die Beschwerden aber nicht rechtzeitig therapiert werden, können sie ein Leben lang anhalten, selbst wenn der Krebs besiegt wurde.»
Die medikamentöse Schmerztherapie orientiert sich an dem Stufenplan der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dabei werden zu Beginn der Therapie sogenannte Nicht-OpioideOpioid ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe natürlicher und synthetischer Substanzen, die morphinartige Eigenschaften aufweisen. eingenommen. Bei anhaltenden Tumorschmerzen werden leichte Opiate verabreicht; gegen heftige Tumorschmerzen wirken starke Opiate wie Morphin. Die Angst vor einer Abhängigkeit ist laut Wirz unbegründet, vorausgesetzt, die Medikamente würden kontrolliert eingenommen.
Die Ängste haben nach der Erfahrung des Mediziners oft auch andere Ursachen. Dies herauszufinden, sei eine Aufgabe der behandelnden Ärzte. Doch oft fehle im Klinikalltag die Zeit für ein Gespräch. «Wenn ein Tumorpatient den Wunsch zu sterben äußert, ist das meist ein Hilfeschrei», sagt Wirz.
Informationen zum Thema Tumorschmerz gibt die DGSS natürlich nicht nur heute; Informationen und Kontaktmöglichkeiten finden Patienten im Internet unter www.dgss.org.
kat/news.de
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