Von Christina Sticht
Seine erste Klavierstunde hatte Gerhard Beyer mit 58 Jahren. Nach einem Schlaganfall probierte der Ingenieur eine neue Therapie. Durch die Fingerübungen am Keyboard soll er seine Bewegungsfähigkeit zurückerlangen.
Nach einem Schlaganfall konnte Beyer, der aus Ilten bei Hannover stammt, seine rechte Körperhälfte kaum noch bewegen, der Arm hing schlaff herunter. In der Rehabilitation wurde er ihm die Klavier-Therapie angeboten. Beyer war skeptisch. Doch nach nur drei Monaten verblüfft ihn der Erfolg. «Ich hätte es nicht für möglich gehalten», staunt Beyer, «aber das Spielen verbessert die Bedienfähigkeit der Finger enorm».
Das neue «Musikunterstützte Training» für Schlaganfallpatienten ist als Gemeinschaftsprojekt der Hochschule für Musik und Theater Hannover und der Uni Magdeburg entwickelt worden. Nun soll es in Reha-Einrichtungen in ganz Deutschland etabliert werden. Denn Studien belegen: Die Übungen am Klavier und an Trommeln erzielen bessere Heilungseffekte als Krankengymnastik und Ergotherapie allein. «Die Musik spricht unterschiedlichste Hirnareale an und lässt sie zusammenspielen», erklärt die Psychologin und Musikpädagogin Sabine Schneider. Für ihre Doktorarbeit begleitet sie 77 Patienten. Sie konzipierte das Training mit dem Medizinprofessor Thomas Münte und dem Leiter des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin, Prof. Eckart Altenmüller.
Schneider lässt Beyer mit seiner beeinträchtigten rechten Hand Tonfolgen spielen, danach sind einfache Kinder- und Volkslieder an der Reihe. Der Ingenieur, der sich selbst als unmusikalisch bezeichnet, strengt sich an, das Tempo zu halten. «Das war ein Fehlgriff», kommentiert er ärgerlich einen falschen Ton. Die Selbstkontrolle durch das Hören sei ein großer Vorteil der Therapie, die gleichzeitig Feinmotorik, Konzentrationsfähigkeit und die Gedächtnisleistung schule, erläutert die Therapeutin. Durch das Singen am Schluss jeder Sitzung werden sogar Sprachstörungen behandelt.
200.000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen Schlaganfall. Der Hirnschlag ist die dritthäufigste Todesursache. Für einen Großteil der Patienten kommt das neue Training in Frage. Aber bei Multipler Sklerose, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen könnten Betroffene davon profitieren, ist Schneider überzeugt.
In Hannover will Gerhard Beyer weiter diszipliniert am Keyboard üben. Zwar ist er sich bewusst, dass eine Beeinträchtigung bleiben wird. «Aber mein großes Ziel ist es, wieder zu arbeiten», sagt der 58-Jährige.
kat/ruk