Um im Arbeitsalltag zu bestehen, wäre jeder fünfte Arbeitnehmer bereit, Pillen zu schlucken. Rund zwei Millionen gesunde Bundesbürger haben schon einmal Leistung und Laune mit Medikamenten gesteigert.
Noch schockierender ist allerdings, dass bereits 800.000 Arbeitnehmer stimmungsaufhellende oder leistungssteigernde Medikamente gezielt und regelmäßig als Doping einnehmen. Das geht aus einer von der Krankenkasse DAK heute veröffentlichten Studie hervor. Damit einher geht der überproportionale Anstieg psychischer Krankheiten in den vergangenen zehn Jahren. Ihr Anteil am Krankenstand stieg von 6,6 auf 10,6 Prozent.
«Insbesondere chronischer Stress in der modernen Arbeitswelt ist ein ernsthafter Risikofaktor für seelische Krankheiten», sagte DAK-Chef Herbert Rebscher. Der Krankenstand im Jahr 2008 blieb insgesamt auf einem niedrigen Niveau. Er stieg von 3,2 im Vorjahr geringfügig auf 3,3 Prozent. Ein DAK-Versicherter fehlte im Schnitt 11,9 Tage 2008; im Jahr davor waren es 11,5 Tage.
Fünf Prozent der Beschäftigten haben als Gesunde schon einmal mit leistungsstärkenden Mitteln nachgeholfen. Von diesen zwei Millionen «dopen» 800.000 Menschen laut DAK regelmäßig, um am Arbeitsplatz leistungsfähig zu sein. Vier von zehn nehmen ihre Medikamente täglich bis mehrmals wöchentlich ein. Dabei neigen Männer eher zu aufputschenden und konzentrationsfördernden Präparaten, Frauen bevorzugen beruhigende Mittel gegen depressive Verstimmung oder Ängste. «Männer frisieren ihr Leistungspotenzial - Frauen polieren ihre Stimmungen auf», sagte Rebscher.
Zu den Medikamenten, mit denen vorzugsweise gedopt wird, gehören Antidepressiva, Mittel gegen Demenz und gegen Aufmerksamkeitsstörungen. Am auffälligsten sei die nicht bestimmungsgemäße Verordnung des Wirkstoffes Piracetam, das gegen hirnorganisch bedingte Leistungsstörungen wie Demenz wirkt, heißt es.
Methylphenidat gegen das «Zappelphilipp-Syndrom» (ADHS) wird ebenso ohne entsprechende Diagnose zur Konzentrationssteigerung eingesetzt wie die Psychostimulanzien Modafinil und Fluoxetin. Auch der Betablocker Metoprolol wird nicht nur gegen Bluthochdruck, Herzinsuffizienz oder Migräne verwendet, wie es der Beipackzettel empfiehlt.
Die Studie ergab weiter, dass Beschäftigte mit hohem Stresspotenzial, einem unsicheren Arbeitsplatz oder starker Konkurrenz Doping im Job für vertretbarer halten als Arbeitnehmer mit weniger Leistungsdruck. Die DAK warnte vor langfristigem Nebenwirkungs- und Suchtpotenzial. Kurzfristige Nebenwirkungen sind unter anderem Kopfschmerzen, Übelkeit, Anstieg des Blutdrucks und Gewichtsabnahme.
car/ruk