Sa., 26.05.12

Traumata 31.01.2009 Der Angriff auf die Seele

Ken Duken (Foto)
Ken Duken spielt in dem ARD-Film «Willkommen zu Hause» einen traumatisierten Soldaten, im Hintergrund: Ulrike Folkerts. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Das ICE-Unglück von Eschede, der 11. September 2001, der Amoklauf von Erfurt - wer solche Situationen hautnah erlebt, wird sie nur schwer oder nie wieder los. Etwa jeder vierte entwickelt dann ein posttraumatisches Belastungssyndrom.

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Ben ist Soldat bei der Bundeswehr und als solcher im Einsatz in Afghanistan. Dort entkommt er nur knapp einem Bombenanschlag, sein Kamerad stirbt. Zurück in der pfälzischen Heimat gibt er sich cool, sagt allen, dass er in Ordnung sei. Aber die Fassade beginnt zu bröckeln. Geplagt von Angstzuständen und einer zunehmend gefühlten Isolation gibt er sich selbst und anderen Rätsel auf.

Der Fernsehfilm Willkommen zu Hause (Montag, 2. Februar, 20.15 Uhr in der ARD) beschreibt ein Krankheitsbild, das in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist und von dem zwischen 1996 und 2006 knapp 700 Bundeswehrsoldaten (rund ein Prozent derer, die in der Zeit in einem Auslandseinsatz waren) betroffen waren. Gemeint ist das posttraumatische Belastungssyndrom (PTBS) - eine Stressreaktion, die nicht nur nach schlimmen Kriegserlebnissen bei Soldaten auftreten kann. Auch Überlebende von schweren Unfällen und Katastrophen können am PTBS erkranken. Selbst ein gravierender medizinischer Eingriff kann das Syndrom auslösen.

Der Hamburger Bundeswehrpsychiater Dr. Karl-Heinz Biesold geht von weit höheren Zahlen bei den Soldaten aus. Er schätzt den Anteil behandlungsbedürftiger Soldaten nach Auslandseinsätzen auf zwei bis fünf Prozent. Das Problem sei, so Biesold, «dass die Soldaten sich nicht eingestehen wollen, dass sie krank sind», aus Furcht, von den Kameraden verachtet zu werden.

Für Professor Dr. Volker Faust, Mitglied des Arbeitskreises Psychosoziale Gesundheit und Leiter des Zentrums für Psychiatrie an der Universität Ulm, ist das Problematische am PTBS, «dass man es den meisten gar nicht ansieht, sie leiden innerlich. Viele lassen überhaupt nichts raus, da sie ohnehin nicht erwarten, auf Verständnis zu treffen, besonders langfristig.»

Lesen Sie auf Seite 2, wie sich die Erkrankung ankündigt

Ein PTBS beginnt schleichend und typischerweise erst eine gewisse Zeit nach dem belastenden Ereignis, meist innerhalb von zwei Wochen bis sechs Monaten. Das auslösende Geschehen ist oft wie gelöscht aus der Erinnerung, kann jedoch zum Beispiel in Albträumen wieder und wieder erlebt werden. Man spricht von Nachhall-Erinnerungen oder Flashbacks.

Typische weitere Symptome sind Ängste, Depression, Gleichgültigkeit, Reizbarkeit und Schlaflosigkeit. Andererseits sind diese Menschen - was nur ein scheinbarer Widerspruch ist - dauernd auf der Hut, sozusagen ständig bereit zu einer neuerlichen Flucht. Man spricht in der Psychologie von erhöhter Vigilanz (Wachsamkeit). Typisch ist auch, dass alle Aktivitäten und Emotionen, ja sogar Worte vermieden werden, die eine Erinnerung an das schreckliche Ereignis wachrufen könnten. Drogen und Alkohol dienen als Verdrängungshilfe; quälende Selbstmordgedanken erscheinen oft als letzter Ausweg.

«Was die Umgebung vor allem mitbekommt ist eine bisher unbekannte Übererregbarkeit im Sinne übersteigerter Wachsamkeit, Anspannung, Nervosität und Schreckhaftigkeit sowie plötzliche Angstattacken, vielleicht sogar aggressive Durchbrüche - ohne Grund, jedenfalls nicht nach außen nachvollziehbar», sagt Faust.

Die Betreuung oder gar Behandlung eines PTBS ist dem Mediziner zufolge eine schwere Bürde. Vor allem brauche es Geduld und Verständnis, und zwar über längere Zeit. Die Entscheidung treffe der Betroffene, und nicht einmal er selber, sondern sein Zustand, dem er ja hilflos ausgeliefert sei.

Neben einer Gesprächstherapie empfiehlt der Experte körperliche Bewegung. Das könne den gefürchteten inneren Stau abbauen helfen. In schwereren Fällen bedürfe es aber einer stützenden psychotherapeutischen Behandlung, zu der notfalls auch Medikamente kommen dürften, vor allem gegen Schlafstörungen, innere Unruhe, Schreckreaktionen und Depressionen.

Im Film Willkommen zu Hause ringt sich Ben, gespielt von Ken Duken, am Ende auch zu professioneller Hilfe durch. Es kann gut sein, dass Deutschland sein Wissen um traumatisierte Soldaten bald noch intensiver gebrauchen wird. Wie der Abspann des Films betont, wächst die Zahl der deutschen Militäreinsätze im Ausland beständig.

Weitere Infos: www.angriff-auf-die-seele.de

car
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kommentar 1
  • 31.01.2009 15:39
 

Am Montag nach dem Spielfilm "Willkommen zurück" findet gegen 21:55 Uhr ein Chat zum Thema PTBS auf www.angriff-auf-die-seele.de statt.

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