Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen und Kristina Pezzei
Fußballstar Sebastian Deisler lebte ein Leben, von dem andere träumen. Für seine Künste im Mittelfeld vergöttert, für seine Klugheit bewundert, um sein Privatleben beneidet. Doch dann wurde er krank - und ein prominenter Beweis dafür, dass das Leben im Luxus zur Hölle werden kann.
Das Burn-Out-Syndrom, inzwischen auch häufiger Sebastian-Deisler- oder Sven-Hannawald-Syndrom genannt, zählt zu den Hauptformen der Zivilisatosen. Darunter verstehen Ärzte alle durch ungesunden Lebensstil bedingten Zivilisationskrankheiten sowie andere Phänomene, die durch bestimmte Lebensweise beeinflusst oder ausgelöst werden.
«Die meisten gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch das Arbeitsumfeld sind im Laufe der Jahre ausgeschaltet worden, jetzt treten Lifestyle-Erkrankungen als neues Phänomen der westlichen Kulturgesellschaft auf», sagt Wolfgang Harth vom Berliner Vivantes-Klinikum. Der Begriff Zivilisatosen sei mehr ein Deckname für Erscheinungen von Depressionen hin zu Allergien und psychischen Störungen wie der Tanorexie, der Sucht nach ständiger Hautbräune: «Man wollte dem Ganzen halt einen Namen geben.»
Die unscharfe Abgrenzung macht es schwierig, Zahlen von Betroffenen zu schätzen. Klar ist: Lifestyle-Erkrankungen nehmen zu. Die Krankenkasse DAK verzeichnete zwischen 1997 und 2004 einen Anstieg der psychischen Krankheitsfälle um 70 Prozent. Vor allem bei jungen Menschen bis Mitte 30 waren die Zahlen alarmierend gewachsen. «Die Gründe liegen unseren Experten zufolge vor allem darin, dass die Anforderungen im Beruf und schon in der Ausbildung stark gestiegen sind», sagt DAK-Sprecher Frank Meiners. Dazu komme, dass Krisen nicht mehr auskuriert werden könnten - die Menschen kehrten unzureichend erholt zurück an den Arbeitsplatz und seien von vornherein anfällig.
Das Umfeld erwartet Leistung, ständige Erreichbarkeit, das Handy muss Tag und Nacht eingeschaltet sein. «Wer dann nicht lernt, Stress zu managen und mit seinen Kräften zu haushalten, gerät ins Schlingern», sagt Harth. Fehlt Urvertrauen, kommen womöglich Minderwertigkeitsgefühle dazu, und die sogenannten Leistungsträger stoßen an ihre Grenzen. Sie werden müde, antriebslos, sehen die Zukunft grundlos negativ. Menschen, die sich ihrem Beruf intensiv verbunden und verpflichtet fühlen - Manager, Ärzte, Sportler - sind besonders gefährdet.
Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein verschlimmert die Lage der Betroffenen. «Die meisten sagen: Mensch, dem Manager geht es doch toll, der hat doch alles», sagt Harth. Führungskräfte und öffentlich bekannte Personen empfänden die Bewunderung jedoch oft als erdrückende Last. Harth verweist auf den Fall Deisler. «Der kann ja nicht einmal einfach so in eine Kneipe gehen und eine Frau kennenlernen», sagt der Mediziner.
Das Gegenstück zu Deisler ist der Workaholic, der immerzu arbeitet und am freien Tag mit Kopfschmerzen im Bett liegt. «Der Körper kann sich gar nicht mehr regenerieren, er kann nicht mehr aufholen», sagt Harth. Experten sprechen auch von der Weekend-Krankheit oder von Leisure-Sickness und meinen damit eine dauernde Überbelastung, wobei der Körper selbst Entspannungsphasen nicht mehr für Reparaturvorgänge nutzen kann.
Vor ganz anderen Problemen sehen sich die gegenüber gestellt, die unter einem Paradies-Syndrom leiden. Ihnen fällt angesichts der wachsenden Zahl der Freizeitangebote schwer, noch neue, stimulierende und emotional bewegende Eindrücke zu bekommen. Die Bezeichnung galt ursprünglich Menschen im Ruhestand, die ihren Wohnsitz an die Mittelmeerküste verlagert haben. Sie sehen ihr weiteres Leben als ewig währender Urlaub, wobei sie selten Glück empfinden können, sondern psychosomatische Erkrankungen und Suchtprobleme entwickeln.
Auch die Nebenwirkungen von Schönheitsidealen zählen zu den Zivilisatosen. Bekannt sind etwa das Dorian-Gray-Syndrom, das die krankhafte Suche nach ewiger Jugend beschreibt, und die Tanorexie - eben jene Sucht nach Hautbräunung. «Unser Kulturphänomen, unsere Normen und Ideale machen viele Lifestyle-Erkrankungen aus», sagt Harth. «Eine gebräunte Haut gilt als schön, auch wenn sie völlig unnatürlich ist; den Menschen wird Erfolg und Spaß im Leben zugeschrieben.» Wieder spielen psychische Störungen eine Rolle: Menschen, die sich den Normen widerstandslos unterwerfen, leiden an Minderwertigkeitsgefühlen.
Auch das Sissi-Syndrom gehört zu dieser Gruppe. Es wurde erstmals 1998 beschrieben und ist benannt nach der österreichischen Kaiserin Elisabeth (Sissi, 1837 bis 1898), die an einer depressiven Störung litt, gleichzeitig jedoch einen übermä0igen Schönheitskult betrieb.
Ein dritter Bereich von Krankheitsbildern sind Hypochonder, die unter vermeintlichen Umweltgiften leiden. Betroffene klagen über Kopfschmerzen, Augenbrennen, Nasenlaufen, Müdigkeit und Herzrasen oder Atemnot - obwohl es dafür keinen medizinischen Grund gibt. Beim Sick-Building-Syndrom etwa werden Ausdünstungen aus Gebäuden und Innenräumen für die Beschwerden verantwortlich gemacht. Manche schreiben Ekzeme dem neuen Waschmittel zu oder sind der festen Überzeugung, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden: an Aids oder Syphilis etwa. «Andere wieder trauen sich kaum mehr in die Natur, weil sie krankhafte Angst vor Zecken haben», sagt Harth.
Flucht in Lifestyle-Phänomene sind auch in anderen Kulturen zu beobachten. Wenn der Stress überhandnimmt, ziehen sich viele Japaner aus Gesellschaft und Familie für mindestens sechs Monate zurück, schließen sich regelrecht ein und versuchen, Leistungsdruck und Konsumzwang zu entfliehen. Hikkomori heißt die Flucht in die Sicherheit der eigenen vier Wände. Ein epidemisch, ebenfalls in Asien auftretendes Massenphänomen mit bis zu 300 Erkrankungen in wenigen Tagen ist das Koro-Syndrom. Es beschreibt die plötzliche, große Angst bei Männern, ihr Penis könne sich komplett in den Körper zurückziehen.
Dass die vielfältigen psychischen Störungen neuerdings unter dem Begriff «Lifestyle-Erkrankungen» zusammengefasst werden, hat nach Ansicht Harths vor allem einen Vorteil: Er erlaubt Betroffenen, ihre Krankheit leichter einzugestehen und sie gesellschaftlich akzeptiert zu machen. Heißt eine Depression nicht mehr Depression, sondern Deisler-Syndrom, klingt das schon fast wie ein schmückendes Attribut.
Wie allen psychischen Störungen gilt: Nur wer seine Probleme eingesteht, dem kann geholfen werden. «Gerade bei Männern gibt es noch unglaublich viel zu tun», berichtet Harth. «Ihnen fällt es nach wie vor viel schwerer als Frauen, die Notwendigkeit einer therapeutischen Behandlung einzugestehen.»
Harth hatte zahlreiche Patienten im Sprechzimmer, die im Zuge der Behandlung einen radikalen Schnitt in ihrem Leben machten. Sie kündigten ihre leitende Stellung, gaben den Beruf völlig auf und suchten sich neue Perspektiven. Von Sebastian Deisler ist gar nichts mehr zu hören.
car
diese angeblichen krankheiten gibt es doch erst, seit es namen dafür gibt. und ärzte, die sich mit der angeblichen behandlung eine goldene nase verdienen! solche pseudo-diagnosen kosten das gesundheitssystem milliarden. und den meisten betroffenen wäre wohl mit einem guten freundeskreis und einer gesellschaft, in der nicht alle werte flöten gegangen sind, mehr geholfen.
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