Von Anja Treiber
Menschen mit psychischen Erkrankungen werden oftmals ausgegrenzt und leiden so doppelt. Ein Leipziger Verein versucht dem entgegenzuwirken, indem er Betroffene und junge Menschen miteinander konfrontiert.
«Ich bin selbst psychisch krank.» Als Ingrid Haber (Name von der Redaktion geändert) diesen Satz ausgesprochen hat, herrscht absolute Stille in dem Klassenraum des Magnus-Lichtwer-Gymnasiums im sächsischen Wurzen. Die Oberstufenschüler haben die 43-Jährige als sympathische und fröhliche Betreuerin des Schulprojekts «Verrückt? Na und!» kennengelernt.
Mit diesem Bekenntnis hatte keiner von ihnen gerechnet. Ganz offen spricht Ingrid Haber über ihre Erkrankung, Suizidgedanken, Alltagsprobleme und die Therapie. Seit ihrer Kindheit leidet sie an psychischen Problemen. Heute lautet ihre Diagnose Persönlichkeitsstörung und Depressionen.
Erst seit kurzem arbeitet Ingrid Haber ehrenamtlich als «Expertin in eigener Sache» für das Schulprojekt «Verrückt? Na und!». Ziel ist die Sensibilisierung von Jugendlichen für das Thema psychische Krankheit. Außerdem sollen Vorurteile und Berührungsängste gegenüber Betroffenen abgebaut werden. Dazu gestaltet der «Experte in eigener Sache» gemeinsam mit einem Arzt, Psychologen oder Sozialarbeiter einen Schultag rund um das Thema.
Der Höhepunkt des Tages ist das «Outing» des Betroffenen, von dessen psychischen Problemen die Schüler bislang nichts ahnten. «Ich war total erstaunt über das Outing, weil sie als Betroffene ganz anders mit ihrer Krankheit umgeht, als ich das erwartet hätte», sagt die 17-jährige Christina nach dem Schulprojekt.
«Ohne die selbst Erkrankten würde das Konzept überhaupt nicht funktionieren, denn es braucht eine direkte Begegnung, um Vorurteile wirkungsvoll abzubauen», sagt Projektleiterin Manuela Richter-Werling. «Verrückt? Na und!» richtet sich an Jugendliche ab der Klassenstufe 9.
«Aktuelle Ergebnisse der Evaluation von 'Verrückt? Na und!' zeigen, dass die Schüler unmittelbar nach dem eintägigen Projekt Menschen mit psychischer Erkrankung weniger stigmatisieren», zitiert Ines Conrad, Wissenschaftlerin im Bereich Public Health der Universitätsklinik Leipzig, aus ihrer Studie. Nach drei Monaten habe dieser Effekt allerdings nicht mehr nachgewiesen werden können, fügt sie hinzu. Grundsätzlich scheine das Konzept von Aufklärung und Begegnung zwar aufzugehen, für einen nachhaltigen Einstellungswandel bei den Jugendlichen brauche es allerdings umfassendere und längerfristige Aktivitäten.
Ins Leben gerufen wurde das Schulprojekt im Jahr 2001 von dem Leipziger Verein «Irrsinnig Menschlich», einem Zusammenschluss von Ärzten, Sozialarbeitern, Psychologen, Betroffenen und Angehörigen. Derzeit belasten die größtenteils ehrenamtlichen Mitarbeiter akute Finanzprobleme. Von 2006 bis 2008 förderte die Fernsehlotterie «Aktion Mensch» den Aufbau neuer Projektgruppen in Deutschland. «Diese befristete Finanzierung ist nun ausgelaufen und es ist schwierig, an neue Gelder zu kommen», klagt Richter-Werling. Seit 2007 sei der Leipziger Verein im Gespräch mit einigen Kultusministerien und Krankenkassen. Die Verhandlungen sind langwierig. Nach Angaben der Projektleiterin muss jetzt notgedrungen auf die finanziellen Reserven zurückgriffen werden.
Das Schulprojekt «Verrückt? Na und!» war nach Angaben von «Irrsinnig Menschlich» zunächst nur als Experiment für den Raum Leipzig geplant, stieß allerdings bald in ganz Deutschland auf großes Interesse. Mittlerweile habe der Verein insgesamt knapp 30 Projektgruppen in fast allen Bundesländern und zwei Teams in Tschechien und der Slowakei gegründet. Auf diese Weise seien etwa 10 000 Schüler erreicht worden.
Auch Ingrid Haber will ihren Beitrag für «Verrückt? Na und!» leisten, um der Stigmatisierung Betroffener entgegenzuwirken. «Denn in erster Linie bin ich wie jeder andere ein Mensch, erst irgendwo ganz unten auf meiner Liste steht, dass ich psychisch krank bin», sagt sie. Von ihrem Mut und ihrer Offenheit sind die Jugendlichen des Magnus-Lichtwer-Gymnasiums in Wurzen sichtlich beeindruckt.
Mehr Infos: www.verrueckt-na-und.de, www.irrsinnig-menschlich.de
car
Ein wunderbares Projekt! Infos zu psychischen Erkrankungen liefert auch http://www.medizin-im-text.de/blog.
jetzt antwortenKommentar meldenStecken Sie sich Ihren Beitrag an den Hut ,als eine Feder und laufen Sie so rum , na da werden Sie sehr bewundert.
jetzt antwortenKommentar meldenals psychosozialer berater und coach möchte ich dem team gratulieren. die stigmatisierung menschlicher phasen der über-forderung samt ihren frau- und herrchen ist herzzerreißend. "acht ung acht sich" grüße romana. achtsamkeitstrainer,coach, integrative gesundheitspflege tcm i.a.
jetzt antwortenKommentar meldenDepressive - Phasen , na die hat doch jeder . Wer da sagt : Ich kenne es nicht ,der lügt .In der driesten Jahreszeit hat ein jeder ein Tief manchmal . Nach einem Tief , na da kommt auch wieder mal ein Hoch .Man muß ein Hobby haben , was einem viel gibt . Meine Hände müssen etwas schaffen ,dann fühle ich mich wohl,deshalb habe ich mich auch der Malerei als Hobby ausgesucht und es funktioniert . Oel- Malerei ist nicht einfach .Wenn ich nicht mehr bin , dann sind meine Bilder noch da ,ist auch nicht übel .
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