Sa., 26.05.12

Behandlungsfehler 16.12.2008 Wenn Ärzte pfuschen

 (Foto)
Jeder Griff muss sitzen, denn jeder Fehler bei einer OP kann zum Tod des Patienten führen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Eigentlich kennt man das nur aus schlechten Krankenhausserien: Ärzte vergessen Operationsbesteck oder anderes Material im Körper des Patienten. Aber das ist Alltag – auch in deutschen Kliniken.

Textbasar beta Behandlungsfehler Wenn Ärzte pfuschen Ich will diesen Text kostenlos für meine Webseite

Mal ist es ein Tupfer, der im Bauchraum vergessen wird, mal eine Schere oder ein Bauchtuch. Mal werden einem an dieser Stelle gesunden Mann versehentlich die Hoden entfernt, mal wird der falsche Zeh amputiert. Das klingt nach Horrorszenen aus einem Film, ist aber Realität.

Die EU-Kommission will deshalb die Rechte von Patienten bei medizinischen Behandlungen deutlich stärken. Das hat EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou gestern bei der Vorstellung eines Berichtes über Behandlungsfehler in europäischen Krankenhäusern angekündigt. Danach wird jeder zehnte Krankenhauspatient in Europa Opfer eines Behandlungsfehlers oder einer vermeidbaren Infektion.

«Wir erwarten, dass die Mitgliedstaaten eine Reihe von Empfehlungen umsetzen, um die Sicherheit von Patienten zu verbessern. Dazu gehört auch, dass im Falle von medizinischen Behandlungsfehlern Klagen erleichtert werden und eine Entschädigung sichergestellt wird», sagte Vassiliou.

Genaue Zahlen, wie viele Patienten Opfer von Behandlungsfehlern werden, gibt es nicht. Nach Angaben der Bundesärztekammer sollen 2006 fast 3900 Patienten erwiesenermaßen betroffen gewesen sein (in der Statistik fehlt das Land Bayern). Mehr als 10.000 Beschwerden gingen bei Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Landesärztekammern ein; dort können Patienten kostenfrei prüfen lassen, ob ihre Behandlungsfehlervorwürfe gerechtfertigt sind..

Laut Statistik der Bundesärztekammer (inklusive Bayern) wurden 2006 exakt 10.280 Anträge auf Überprüfung von Behandlungen gestellt. Von den insgesamt rund 12.000 Einzelvorwürfen (ohne Bayern) standen beanstandete Operationen mit rund 3000 an erster Stelle, gefolgt von postoperativen Therapien und Diagnostik mit jeweils rund 850 Vorwürfen. Behandlungsfehler registrierten die Kommissionen in 1913 Fällen, Behandlungsfehler und mangelhafte Risikoaufklärung ohne Schaden für den Patienten in 422 Fällen sowie Behandlungsfehler und Aufklärungsmängel mit Schaden in 1562 Fällen. In 4747 Fällen stellten die Kommissionen keinen Behandlungsfehler fest; in 52 Fällen wurde nur die Risikoaufklärung des Patienten bemängelt.

Bei den Beschwerden ging es zumeist darum, dass Diagnosen, Überweisungen und Operationen zu spät erfolgten oder dass Nachoperationen erforderlich wurden. Dementsprechend richteten sich die meisten Beschwerden gegen die Unfallchirurgie und die Allgemeinchirurgie. Die tatsächlich am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten sind laut Statistik Brustkrebs in Praxen mit 48 Fällen und Hüftgelenksarthrose in Kliniken mit 57 Fällen.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Mediziner auch nur Menschen sind

Christoph Fuch, Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, hatte jüngst um Verständnis geworben. «Überall dort, wo Menschen arbeiten, geschehen auch Fehler», sagte er. Oft seien Organisations- und Kommunikationsmängel die Ursache. Fuchs sprach sich für ein Fehlermeldesystem aus – ähnlich der Internet-Plattform www.jeder-fehler-zaehlt.de, auf der Mediziner über Fehler in Hausarztpraxen berichten, um aus den negativen Erfahrungen lernen zu können.

Fehlermeldesysteme gibt es bereits an einigen Krankenhäusern. Darin werden nach Angaben des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, einem Netz von Ärzten und Patienten, Versäumnisse registriert und analysiert, um Wiederholungen zu vermeiden. Das Bündnis schätzt, dass jedes Jahr 0,1 Prozent aller im Krankenhaus behandelten Patienten durch «unerwünschte Ereignisse» stirbt. Das entspricht einer Größenordnung von 17.000 Todesfällen im Jahr.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe hat einen anderen Wunsch: Ein einheitliches Zählsystem für Instrumente soll in Operationssälen eingeführt werden. Bisher hat jedes Krankenhaus sein eigenes Zählprotokoll, aber nicht alle erfüllen die geforderten Sicherheitsstandards. Ziel ist es, Fehler bei einer Operation zu vermeiden und die Sicherheit für Patienten und Personal zu erhöhen. Die Zählkontrolle soll nach dem Vorschlag des Verbandes stattfinden, bevor eine OP beendet sei. Damit es nicht heißt: «Der Bauch ist zu – ist alles da?».

Dass dies öfters vorkommt als den Ärzten lieb ist, gab Klaus Schönleben, Leiter der chirurgischen Abteilung des Klinikums der Stadt Ludwigshafen, jüngst bei einem Symposium zum Thema Patientensicherheit zu. Selbst in seinem Haus seien schon Tücher, Klemmen, Zangen und Kompressen vergessen worden, räumte er ein.

Lesen Sie auf Seite 3, welchen Ärzten die meisten Behandlungsfehler vorgeworfen werden

In einer Langzeituntersuchung hat der Detmolder Rechtsanwalt Franz Michael Petry unerwünschte Ereignisse aus mehr als 1000 Kliniken bundesweit ausgewertet. Seine Firma, der Ecclesia Versicherungsdienst, berät Krankenhäuser in Versicherungsfragen. Zwischen 1996 und 2005 gab es der Studie zufolge 546 Fälle, in denen die Versicherung haften musste. Am häufigsten war das Bauchtuch vergessen worden, das zur Abdeckung der Wunde dient. Petrys Fazit: Es gibt keine Regel, wem und wann solche Fehler am ehesten unterlaufen. Große Krankenhäuser sind ebenso betroffen wie kleine, öffentliche ebenso wie private.

Petry hält das Durchzählen von Instrumenten und Material vor und nach der Operation für keinen «narrensicheren Schutz vor dem Vergessen». Er empfiehlt ein mehrstufiges Kontrollsystem: Zum einen sollte der Operateur den zu operierenden Patienten persönlich kennen. Dadurch lasse sich ausschließen, dass Patienten verwechselt werden. Auch ein Namensbändchen am Arm könnte helfen, den Patienten auf dem OP-Tisch zweifelsfrei zu identifizieren. Petry empfiehlt zudem genaue OP-Checklisten, die mehrere Beteiligte abzeichnen müssen. Und schließlich: Zählkontrollen vor und nach der OP sollten ernst genommen werden.

Rund 10.000 Fälle landen in Deutschland jährlich vor Gericht oder bei den medizinischen Diensten der Krankenversicherer, weil Patienten sich falsch behandelt fühlen. Am häufigsten werden nach Angaben der Bundesärztekammer Chirurgen Fehler vorgeworfen. Es folgen Orthopäden, Internisten und Gynäkologen.

Anlaufstellen für betroffene Patienten sind die Patientenberatung der Berliner Verbraucherzentrale (www.verbraucherzentrale-berlin.de), der Bundesverband der Medizingeschädigten (www.akmg.de), der Deutsche Patienten Schutzbund (www.bag-notgemeinschaften.de) und das private Netzwerk Medizingeschädigter (www.geburtsschaden.de).

Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kommentar 1
  • 17.12.2008 08:56
 

Na , dann auf zu einer Operation , die Hauptsache ich habe kein Skapell darin im Körper zum Schluß . Na , zur Rechenschaft müssen sie gezogen werden . In anderen Berufen werden Menschen auch zur Rechenschaft gezogen !Ich hoffe doch , daß diese Ärzte kein Sonderstatus bekommen . Bärbel Elstermann

jetzt antwortenKommentar melden
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Kommentar  
Ihr Name
Ihre Emailadresse
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'

Behandlungsfehler: Wenn Ärzte pfuschen » Gesundheit » Nachrichten

URL : http://www.news.de/gesundheit/745318112/wenn-aerzte-pfuschen/1/

Schlagworte:

Abdeckung , Aber , Abteilung , Achim Petry , Aktionsbündnisses , Alltag , Androulla , Angaben , Anlaufstellen , Arm , Arthen , Ärzte , August Aber , Ausgewertet , Ausschließen , Bau Stadt , Bauch , Bauchraum , Bayern , Bayern-Barometer , Beendet , Behandelt , Behandelten , Behandlungen , Behandlungsfehler , Behandlungsfehlern , Bemängelt , Berichtes , Berlin Patienten , Berliner , Berufsverband , Beschwerden , Beteiligte , Betroffen , Betroffene , Beyoncé10 , Brustkrebs , Bundes , Bundesverband , Bundesweit , Cher , Chirurgen , Christoph Bäumler , Christoph Dabrowski , Christoph Driessen , Christoph Fellner , Christoph Geyer , Christoph Grunenberg , Christoph Hagel , Christoph Hausel , Christoph Hemlein , Christoph Keller , Christoph Klenzendorf , Christoph Knasmüllner , Christoph Koschel , Christoph Maria , Christoph Martin , Christoph Moritz , Christoph Rohmer , Christoph Sauser , Christoph Schaub , Christoph Siefkes , Christoph Stölzl , Christoph Ullmann , Christoph Unger , Claudia Arthen , Claudia Enkelmann , Claudia Garde , Claudia Hauschild , Claudia Häusler , Claudia Heger , Claudia Hellmers , Claudia Hoffmann , Claudia Kern , Claudia Lahm , Claudia Lindner , Claudia Lux , Claudia Nemat , Claudia Neumann , Claudia Rath , Claudia Tambussi , Claudia Tanja , Claudia Weiss , Clinton Aber , Dementsprechend , Deutlich , Deutsche , Deutschen , Deutschland , Diagnosen , Diagnostik , Diensten , Dirk Kleine , Emil Berliner , Empfehlungen , Entfernt , Entspricht , Ereignisse , Erfahrungen , Erforderlich , Erfüllen , Erleichtert , Ernst August , Ernst Bach , Ernst Fuchs , Ernst Lieb , Ernst Ludwig , Ernst May , Ernst Mosch , Ernst Moschs , Erwarten , Erwiesenermaßen , EU-Kommission , EU-Kreisen , EU-kritisch , EU-kritischen , EU-Label , EU-Minister , EU-Ministern , EU-Ratspräsident , EU-Ratsvorsitzende , EU-Reformvertrag , EU-Verträge , Europa , Exakt , Falsch , Falsche , Fazit , Fehler , Fehlt , Fest , Film , Firma , Folgen , Franz Arnold , Franz Fehrenbach , Franz Josef , Franz Obst , Franz Pesch , Franz Schiewer , Franz Schopper , Franz Trojan , Franz Xaver , Fritz Fuchs , Fuchs , Fühlen , GE , Gefolgt , Geh , Genaue , Gericht , Geschehen , Gesunden , Geworben , Ging , Gingen , Gr , Gynäkologen , Haften , Hans Christoph , Haus , Heißt , Helfen , Helios Kliniken , Hendrik Große , Hoden , Hüftgelenksarthrose , Infektion , Inklusive , Insgesamt , Instrumente , Instrumenten , Internet-Marktstudie , Internet-Plattform , Internisten , Jahr , Jeweils , Jon Christoph , Jones Aber , Josef Ernst , Kaiser Franz , Katharina Zeh , Kennen , Kennt , Klagen , Klaus Barbie , Klaus Baur , Klaus Brüggemann , Klaus Büchner , Klaus Doubek , Klaus Eck , Klaus Eichhorn , Klaus Engel , Klaus Ernst , Klaus Gerster , Klaus Hagl , Klaus Krüger , Klaus Marschall , Klaus Probst , Klaus Schäfer , Klaus Wittmann , Kleine , Klingt , Kliniken , Klinikums , Kommissionen , Kompressen , Kontrollsystem , Körper , Krankenhaus , Krankenversicherer , Krankheiten , Land Aber , Land Brandenburg , Land Chong , Land Egidius , Land Garantien , Land Hinweise , Land Indonesien , Land Menschen , Land Nachrichtensender , Land Schauer , Land Somalia , Land Stadt , Land Unwetter , Land Willkommen , Landen , Landes , Lasse Sobiech , Leiter , Lene Mykjåland , León Franz , Lernen , Lich , Lieb , Ludwigshafen , Maik Franz , Marc Lieb , Marie Kleine , Mario Petry , Material , Max Ernst , Mediziner , Medizinischen , Menschen , Michael Fuchs , Mitgliedstaaten , Mykjåland , Negativen , Netz , Netzwerk , News , Öffentliche , OP , OP-Tisch , Operateur , Operation , Operationen , Opfer , Patienten , Patientenberatung , Pers , Personal , Persönlich , Petry , PR , Praxen , Private , Prozent , Prüfen , Rechte , Rechtsanwalt , Regel , Reihe , Richter Beschwerden , Richter Franz , Richter Klaus , Rita Ernst , Sch , Schere , Schlichtungsstellen , Schönleben , Schutz , Sebastian Ernst , Seien , Shehzad Angaben , Sicherheit , Sicherheitsstandards , Sprach , Stadt , Statistik , Stelle , Stipe Aber , Stirbt , Studie , Symposium , Team Aber , Thema , Therapien , Thomas Franz , Tücher , Tupfer , Umsetzen , Unerwünschte , Unfallchirurgie , Ursache , Ursel Aber , User , Usern , Vassiliou , Verbandes , Verbraucherzentrale , Vergessen , Vermeiden , Versicherung , Versicherungsfragen , Vorschlag , Vorstellung , Wiederholungen , Wilfried Klaus , Wolfgang Franz , Wunde , Wunsch , Zahlen , Zeh , Zehnte , Ziel , Zumeist ,
Wir empfehlen
Anzeige
Facebook
Twitterbox
Follow Us!
Anzeige