Von Sven Kästner
Für die ländlichen Gebiete Brandenburgs ist es eine alarmierende Zahl: Bei Herzkrankheiten liegt die Sterblichkeit um 14 Prozent höher als in Berlin-Mitte. Ursachen sind neben dem höheren Durchschnittsalter der Bevölkerung der oft weite Weg zum Arzt.
Mit dem Einsatz moderner Telemedizin will das Brandenburger Gesundheitsministerium jetzt Abhilfe schaffen. Derzeit bereitet das Land mit der Berliner Charité, dem Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik der Uni Potsdam und einigen Medizintechnikfirmen ein Pilotprojekt vor, um die Herzpatienten auf den Dörfern künftig besser betreuen zu können. Denn mittlerweile müssen manche Kranke bis zu 70 Kilometer bis zum nächsten Facharzt fahren - und wegen des Bevölkerungsschwund werden die Wege in Zukunft noch länger werden.
Das gelte nicht nur für Brandenburg, sagt Landesgesundheitsministerin Dagmar Ziegler (SPD): «Wir haben die demografischen Probleme nur als erste, künftig werden viele Regionen in Deutschland und Europa vor ähnlichen Herausforderungen stehen.»
Im weiten Umkreis von Lychen etwa gebe es nicht einen niedergelassenen Kardiologen, beschreibt Friedrich Köhler von der Charité Universitätsmedizin den Fachärztemangel in der Gegend. «Gerade bei Herzkrankheiten kann es aber lebensrettend sein, wenn bei einer Verschlechterung des Zustandes schnell medizinische Maßnahmen eingeleitet werden können.»
Seine Idee: Moderne Technik zur Übertragung der Patientendaten per Internet und «wandernde Fachärzte» sollen die Lücke füllen. Für die Kranken würde dies weniger Fahrten zu ihrem Arzt bedeuten, da sie seltener die Praxis aufsuchen müssten. «Wir verlegen einen Teil der Behandlung in deren Wohnung», sagt Köhler. Dafür müssten die Patienten einen Teil der Dinge selbst erledigen, für die bisher die Krankenschwester zuständig ist.
Dabei geht es vor allem um die Messung wichtiger Daten - vom Blutdruck über Gewicht und Blutwerte bis hin zum EKG. Mittlerweile gibt es dafür einfach zu bedienende Instrumente, mit denen auch medizinische Laien umgehen können. Ein mobiles EKG-Gerät etwa ist kaum größer als eine Zigarettenschachtel. Nach zweimaligem Knopfdruck und Auflegen auf die Brust erstellt es ein Herzschlagdiagramm. Mit einem anderen Instrument können sich Patienten an der Fingerspitze selbst Blut abnehmen, und auf Krankheitshinweise analysierten lassen.
Die Geräte sollen drahtlos mit einer kleinen Box im Haus des Kranken kommunizieren, die eine erste Auswertung der Daten vornimmt. «Werden alarmierende Veränderungen im Vergleich zu vorherigen Messungen festgestellt, funkt die Box automatisch das Telemedizin-Zentrum der Charité an», erläutert Andreas Polze vom Hasso-Plattner-Institut. Von dort aus könne dann je nach Lage eine Krankenschwester, der zuständige Hausarzt oder ein Notarzt alarmiert werden.
Bleiben die Werte im grünen Bereich, speist sie die Box nur in eine elektronische Patientenakte ein und funkt diese ebenfalls an das Telemedizin-Zentrum sowie an den behandelnden Hausarzt. Der spielt ohnehin eine wichtige Rolle in dem Modell. «Es geht nicht darum, die Präsenz der Mediziner durch Technik zu ersetzen», betont Charité-Mann Köhler. «Die Patienten bleiben bei ihrem Hausarzt. Aber zusätzlich wird ein elektronisches Sicherheitssystem gespannt.»
Die Entwickler des Systems hoffen auf eine Zehn-Millionen-Euro-Förderung aus dem Bundesgesundheitsministerium, die derzeit für zukunftsweisende Gesundheitsprojekte ausgeschrieben ist. Sollten sie im kommenden Mai den Zuschlag bekommen, könnte ein bis 2013 laufendes Testprojekt starten. Dafür würden das Land Brandenburg, die Charité und die beteiligten Firmen weitere zehn Millionen Euro bereitstellen.
Wolfgang Stiller, einer der wenigen niedergelassenen Kardiologen der Region, bewertet das Vorhaben positiv. «Das würde vor allem unseren Hochrisiko-Patienten zugutekommen, die wir so schneller herausfiltern könnten», sagte er. «Und die Dauer eines Krankenhausaufenthaltes nach einer Herzoperation könnte verkürzt werden, weil sich die Qualität der ambulanten Versorgung deutlich erhöhen würde.»