Sa., 26.05.12

Pestizide 08.12.2008 Trotzdem nicht auf Obst und Gemüse verzichten

Gemüsestand (Foto)
Viele Verbraucher sind verunsichert, welche Obst- und Gemüsesorten sie noch ohne Bedenken essen können. Bild: ap

Von news.de-Redakteurin Mara Schneider

Ob Weintrauben, Erdbeeren oder Paprika - immer wieder machen Meldungen über pestizidbelastetes Obst und Gemüse die Runde. Um unnötige Panikmache zu verhindern, hat die Verbraucherschutzzentrale ein neues Informationsportal gegründet.

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«Die Deutschen bekommen das mieseste Obst», ließ erst kürzlich ein Mitarbeiter der Umweltorganisation Greenpeace verlauten. Auch Zeitschriften wie Ökotest oder Stiftung Warentest vermelden beinahe in regelmäßigen Abständen, dass erneut Obst- und Gemüsesorten mit erhöhten Pestizidrückständen in deutschen Läden gefunden wurden. «Die Anfragen der Verbraucher steigen, viele sind verunsichert», erzählt Uta Viertel von der Verbraucherzentrale Sachsen.

Um eine «sachgerechte Aufklärung» zu betreiben, haben die Verbraucherzentralen der Länder ein Informationsportal im Internet eingerichtet. Dort können sich besorgte Konsumenten ausgiebig über das Thema Pflanzenschutzmittel informieren. «Wir wollen damit keine Panikmache betreiben, sondern aufklären», sagt Viertel. Denn obwohl immer wieder Rückstände von Pestiziden gefunden werden, «ist es nie gerechtfertigt, auf Obst und Gemüse zu verzichten». Dazu enthalten die Lebensmittel zu viele wichtige Vitamine und Nährstoffe.

Wie viele Rückstände von Pestiziden in Lebensmitteln höchstens enthalten sein dürfen, regelt eine EU-weite Verordnung. Diese orientiert sich unter anderem an der Referenzdosis, auch ARfD-WertDie akute Referenzdosis ist ein toxikologischer Grenzwert für Pestizide mit einer hohen akuten Giftigkeit. Diese Pestizide können schon bei einmaliger oder kurzzeitiger Aufnahme gesundheitsschädliche Wirkungen auslösen. genannt. Deren Höchstwertgrenze wird von der Weltgesundheitsorganisation und dem Bundesinstitut für Risikobewertung festgelegt. Da beide Werte nicht immer identisch sind, kann es vorkommen, dass eine Frucht laut ARfD-Wert viel zu hohe Rückstände aufweist, innerhalb der EU aber nicht vom Markt genommen werden muss, da da die offiziell gültigen Höchstwerte noch nicht erreicht wurden.

Die Grenzwerte werden unter anderem auf Basis von Tierversuchen festgesetzt, erklärt Uta Viertel. «Die dort festgestellten Werte werden noch einmal um zehn Prozent verringert, quasi als Sicherheit. Daraus ergibt sich, wie viel für den Menschen verträglich ist.» In der Vergangenheit diente dabei ein erwachsener Mensch von 60 Kilogramm als Referenzperson. Da Kleinkinder aber wesentlich empfindlicher reagieren, wurden die Zahlen mittlerweile auf den kindlichen Verbraucher angepasst. Gesundheitsexperten bemängeln jedoch, dass die Korrektur noch immer nicht weit genug gehe.

Lesen Sie auf Seite 2, was Verbraucherschützer bemängeln

Pflanzenschutzmittel verursachen nach dem Verzehr keine direkte körperliche Reaktion, können aber zahlreiche Spätfolgen auslösen. So können Pestizide Krebs verursachen, das Erbgut verändern oder das Hormonsystem auf Dauer stören. Eine Studie im Auftrag von Greenpeace und Global 2000 hat das akute und chronische Gesundheitsrisiko untersucht, das mit den 170.000 aktuell in der EU zulässigen Höchstwerten verbunden ist.

Den Ergebnissen zufolge überschreiten rund 600 EU-Werte den für Kinder zulässigen ARfD-Wert. Besonders betroffen davon sind Äpfel, Birnen und Trauben. Zudem seien manche Werte «derart großzügig festgelegt, dass bereits der einmalige Konsum kleinster Mengen gesundheitsgefährdend sein kann», schreiben die Autoren. So könnten für ein 16,5 Kilogramm schweres Kind bereits 20 Gramm Trauben schädlich sein. Insgesamt wiesen 121 der 443 untersuchten Pestizidwirkstoffe einen oder mehrere Höchstwerte auf, die von den Autoren als «potenziell gesundheitsschädigend betrachtet werden müssen».

Trotz der vorhandenen Rückstände warnen die Verbraucherschützer davor, gänzlich auf Obst und Gemüse zu verzichten. Zu hoch sei die Bedeutung der Vitamine und Nährstoffe für den menschlichen Organismus. 250 Gramm Obst und 400 Gramm Gemüse lautet die Richtlinie für den täglichen Verzehr. «Gleichwohl muss jede Anstrengung unternommen werden, Lebensmittel so rückstandsarm wie möglich auf den Markt zu bringen», heißt es auf der Ratgeberseite.

Lesen Sie auf Seite 3, was der Lebensmitteleinzelhandel unternimmt

Ein wichtiges Mittel sind regelmäßige Lebensmittelkontrollen. Dies ist Aufgabe der Bundesländer – und funktioniert Viertel zufolge dementsprechend nicht überall gleich gut. Generell wird risikoorientiert kontrolliert, das heißt, es werden vor allem von jenen Produkten Proben genommen, bei denen hohe Rückstandsgehalte vermutet werden. Proben von frischem Obst und Gemüse werden meist bei Großhändlern und landwirtschaftlichen Erzeugern genommen und anschließend im Labor untersucht. Sind die zulässigen Höchstwerte überschritten, drohen Bußgelder oder Strafverfahren.

Verbraucherschützer kritisieren jedoch die lange Dauer zwischen der Entnahme der Proben, dem Vorliegen der Ergebnisse und der letztlich folgenden Reaktion der Behörden. Befindet sich tatsächlich gesundheitsgefährdende Ware im Handel, ist es meist zu spät, diese wieder zurückzurufen.

Mittlerweile haben zahlreiche Ketten des Lebensmitteleinzelhandels ihren Zulieferern hausinterne Höchstwerte auferlegt, die unterhalb der gesetzlich vorgeschriebenen liegen. Die Werte von Metro, Aldi, Rewe, Tengelmann und Edeka liegen den Verbraucherzentralen zufolge bei 70 Prozent der gesetzlichen Höchstmenge, bei Lidl sind sogar nur bis 30 Prozent des Wertes erlaubt.

Lesen Sie auf Seite 4, wie Sie möglichst wenig Pestizide zu sich nehmen

Folgende Empfehlungen haben die Verbraucherzentralen aufgestellt, damit der Verzehr von Obst und Gemüse so gesund wie möglich bleibt:

Abwechslungsreich essen. Viele Gemüsesorten sind kaum oder nur wenig belastet. Vielfalt auf dem Speisezettel verringert nicht nur die Belastungssituation, sondern bietet wertvollere gesundheitsfördernde Pflanzeninhaltstoffe und mehr Genuss.

Heimische Sorten, die Saison haben, bevorzugen. Pflanzen, die unter optimalen Umweltbedingungen wachsen, sind vitaler und benötigen weniger chemischen Pflanzenschutz. Einheimische Produkte der Saison sind zudem eine umweltschonendere Wahl als Ware, die über weite Strecken importiert wird. Manche Produkte müssen bei langen Transportstrecken zusätzlich vor dem Verderb geschützt werden.

Ja zum ökologischen Anbau. Ökologisch erzeugte Produkte sind weitgehend rückstandsfrei und oft nicht teurer als konventionell angebaute Produkte.

Obst und Gemüse gründlich waschen. Das Schälen von Äpfeln und Birnen ist nicht notwendig und nicht empfehlenswert, da damit wertvolle Inhaltsstoffe verloren gehen.

Lebensmittel garen. Vielfach werden Pestizidrückstände unter hohen Temperaturen besser abgebaut. Achten Sie dabei aber auf nährstoffschonendes Garen. Gemüse sollte nur kurz und schnell bei anfänglich hohen und dann niedrigen Temperaturen gedünstet werden.

Nach dem Schälen von Zitrusfrüchten, Bananen und Mangos die Hände waschen. Damit wird die Übertragung von Rückständen von der Schale auf das Fruchtfleisch vermieden. Die Früchte können auch schon vor dem Schälen abgewaschen und abgerieben werden, das verringert zusätzlich die mögliche Aufnahme über die Haut.

Niederländisches Gemüse ist besser als sein Ruf. Viele Gemüsesorten holländischer Herkunft wie Tomaten, Paprika, oder Gurken sind rückstandsarm.

Bei Salaten die äußeren Blätter entfernen. Die inneren Blätter sind rückstandsärmer als die äußeren. Eisbergsalat ist zudem nach bisherigen Untersuchungen weniger belastet als Kopfsalat.

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