Ausgrenzung Mobbing ist Schulalltag

Mobbing ist nicht nur ein Ausdruck von Neid und Eitelkeiten in Managerbüros. Auch Kinder und Jugendliche sind Opfer von Ausgrenzung und systematischer Schikane. Das kann Auswirkungen auf Körper und Seele haben.

Mobbing: Hinsehen und Gleichgesinnte suchen (Foto)
Worte sind manchmal härter als Schläge: Wird ein Schüler gemobbt, schauen die Klassenkameraden oft weg. Bild: dpa

Dem Gemobbten steht dabei oft eine Gruppe von Schülern gegenüber, die ihn morgens, nachmittags und manchmal auch nachts am Telefon schikaniert, missachtet, austrickst oder bloßstellt.

Als Schwächerer schafft es das Opfer meist nicht, allein aus der Situation herauszukommen. Können Außenstehende helfen? Mitschüler, die Mobbing in ihrer Klasse beobachten, stehen oft vor der Frage: «Was passiert, wenn ich mich für meinen gemobbten Mitschüler einsetze?» Schließlich besteht das Risiko, selbst das nächste Opfer zu sein.

Diese Fragen beschäftigen viele Schüler, sagt Frank Schallenberg, Diplom-Sozialpädagoge aus München. Im Jugendinformationszentrum der Landeshauptstadt bietet er jungen Menschen eine «Mobbing-Beratung» an. «Eine Mobbing-Situation wird immer von der ganzen Klasse mitgetragen», sagt Schallenberg. Für die einen geschehe das jedoch bewusster als für die anderen. Letztendlich seien aber neben dem gemobbten Schüler alle Mitschüler Leidtragende und die gesamte Klassenkultur betroffen. «Das Wichtigste ist, dass man die Mobbingsituation nicht zulässt.» Eine aktive Reaktion der Mitschüler sei das A und O.

Doch diese Reaktion bleibt oft aus: Viele Mitschüler, die scheinbar unbeteiligt den Schultag hinter sich bringen oder sogar Teil der Gruppe der Mobber werden, handelten aus der Not heraus so, sagt Torsten Gottschall, Diplom-Sozialpädagoge beim Mobbingnetzwerk-Nord in Kiel. «Es ist schlichtweg die Angst, das nächste Mobbingopfer zu werden.» Daher sei die Gruppe, die sich mit dem Gemobbten identifiziert, Mitleid hat und ihm hilft, oft sehr klein. Der Kreis der aktiven Mobber, der Mitläufer, die zu den Starken und Beliebten gehören wollen, und derjenigen, die einfach wegsehen, sei oft deutlich größer.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Klassenkameraden helfen können

Doch Wegsehen ist genau der falsche Weg. Mitschüler sollten aktiv werden und zum Klassen- oder Vertrauenslehrer oder sogar dem Schulleiter gehen. Das rät auch Willi Wieland, Mediator im Verband Freier Psychotherapeuten aus Kassel. «Nur im Verbund mit Vorgesetzten und mit Unterstützung der Klassengemeinschaft kann es gelingen, das Opfer zu schützen.» Bei Mobbing gehe es immer um Macht und Schwäche. Da die Mobber in der Regel als Gruppe auftreten, sollte man ihnen zum eigenen Schutz auch als Gruppe entgegentreten. «So hat man eine realistische Chance, die Mobber einzuschüchtern», sagt Wieland.

Alexander Hemker aus Hamburg wurde selbst jahrelang gemobbt, bis er der Situation durch einen Schulwechsel ein Ende setzte. Der 17-Jährige hat mit Freunden unter www.schueler-gegen-mobbing.de ein Netzwerk für Betroffene im Internet aufgebaut. Auch er rät Mitschülern, unbedingt den Kontakt zu Lehrern zu suchen. Denn als Betroffener hat er die Erfahrung gemacht, dass Lehrer eine gemobbte Einzelperson weniger ernst nehmen. «Wenn Mitschüler was sagen, hat das mehr Wirkung.»

Neben dem Schritt in die Öffentlichkeit gibt es noch einen weiteren Weg, gemobbten Mitschülern zu helfen: «Ein persönliches Gespräch mit dem Betroffenen ist wichtig», sagt Torsten Gottschall. Denn ein Gemobbter steht meist alleine da und fühlt sich hilflos. «Da ist es wichtig zu spüren, dass es Menschen gibt, die für einen da sind», sagt er. Um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen, empfehle es sich, das Gespräch so zu legen, dass die Täter nichts davon mitbekommen. Ein Telefonat sei dafür genauso gut wie ein Gespräch nach der Schule.

Netzwerk für Betroffene: www.schueler-gegen-mobbing.de Mobbing als Unterrichtsthema fordernMobbing findet oft unterschwellig statt. Es wird häufig kaum von der Umwelt wahrgenommen oder ignoriert. Willi Wieland, Mediator aus Kassel, rät deshalb, Mobbing generell mehr zu thematisieren. «In Schulen und Jugendgruppen sollte viel mehr über Mobbing gesprochen werden», sagt er. Dadurch würden die Schüler für Anzeichen sensibilisiert. Außerdem sinke die Hemmschwelle, selbst einzugreifen. «Schüler sollten das Thema selbst beim Lehrer anbringen.»

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