Von Claudia Füßler
Seit einem Jahr besuchen Ingrid Vintrici und ihre Dogge Bella die Bewohner des Altenpflegeheims St. Johann in Freiburg. Seitdem hat sich die Stimmung der Senioren enorm verbessert - und tierische Begleiter gehören mittlerweile zum Konzept der Einrichtung.
Bella ist nicht schüchtern. Ohne zu zögern geht die knapp einen Meter große Dogge auf die alte Dame zu, die vor ihr auf dem Sofa sitzt. Sie stupst mit der Nase gegen den Oberschenkel der Frau und legt ihr den Kopf aufs Bein: «Streichel mich!», scheint sie zu sagen. Die alte Dame tut ihr den Gefallen und krault Bella ausgiebig, dabei strahlt sie übers ganze Gesicht. «Bella liebt nichts mehr als Menschen», sagt Ingrid Vintrici, die Hundebesitzerin. «Sie geht auf jeden zu und fordert ihre Streicheleinheiten ein.»
Seit knapp einem Jahr kommt Ingrid Vintrici mit Bella regelmäßig ein- bis zweimal pro Woche ins Freiburger Altenwohnheim St. Johann. Die 65-Jährige war auf der Suche nach einer Beschäftigung für ihre Dogge und wurde in dem Seniorenwohnheim schnell fündig. Der Haus- und Pflegedienstleiter Luigi Palmisciano unterstützt seit mehr als vier Jahren die Idee, Haustiere ins Heim zu holen. «Mir ist aufgefallen, wie positiv es sich auf die Stimmung auswirkt, wenn Menschen, die hier einziehen, ihre Tiere mitbringen dürfen», sagt der 42-Jährige.
Es begann mit Hasen und Meerschweinchen, die im Garten von St. Johann ein Gehege mit viel Auslauf bekamen und von den Bewohnern umsorgt wurden. Nicht nur, dass sie die Tiere ausgiebig streichelten, die alten Menschen besorgten auch Futter für das Kleinvieh. «Plötzlich haben sich Bewohner, die sonst sehr zurückgezogen sind, geöffnet», sagt die Sozialpädagogin Silvia Herder. Unruhige Menschen seien durch den Kontakt zu den Tieren ruhiger geworden.
Weil die Heimleitung die psychologischen und sozialen Vorteile der Tierhaltung erkannte, gehört sie inzwischen zum Konzept. Hasen und Meerschweinchen, ein Streifenhörnchenpaar und Wellensittiche wohnen nun dauerhaft in St. Johann. Die Tiere werden aktiv in die Pflege der alten Menschen einbezogen. Ein Besuch bei den Streifenhörnchen steht genauso auf der Tagesordnung wie eine Streichelstunde bei den Kaninchen. Bettlägerige Bewohner erhalten auf ihrem Zimmer Besuch von ihrem Lieblingstier.
Die Pfleger haben festgestellt, dass die Tiere auch den Kontakt zu anderen Menschen erleichtern: Angehörige haben ein Thema, über das sie sprechen können. Und aus dem benachbarten Kindergarten kommt immer häufiger Besuch, der den Tieren genauso gut tut wie den Senioren.
In vielen Senioreneinrichtungen in Deutschland sind Tiere aus Hygienegründen und aus Angst vor Lärm oder Mehrarbeit fürs Personal nicht gestattet. Tatsächlich sind Reinigung und Pflege der Tiere aufwendig, und die Impfungen kosten Geld. «Doch das Resultat rechtfertigt den Mehraufwand», sagt Palmisciano. Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter profitierten gleichermaßen von einer entspannteren und lebendigeren Atmosphäre. Inzwischen haben zahlreiche Studien die positiven Effekte von Tieren auf die Gesundheit vor allem älterer Menschen bestätigt, auf Tiere gestützte Therapien sind anerkannt.
Weil der Betreuungsaufwand für einen hauseigenen Hund zu groß wäre, gibt es in St. Johann feste Tage, an denen Hunde zu Besuch kommen. Einer von ihnen ist Bella. Sie hat keine Angst vor Rollstühlen, und weil sie so groß ist, müssen sich die Senioren nicht bücken, wenn sie die Dogge streicheln wollen. Wenn Bella kommt, sitzen die alten Damen und Herren pünktlich und voller Erwartung im Aufenthaltsraum. Die dreieinhalb Jahre alte Dogge nimmt sich für jeden ausgiebig Zeit, schmust und lässt sich kraulen.
«Anfangs hatten einige Bewohner Angst vor Bella, weil sie so groß ist», sagt die Besitzerin. «Doch das hat sich schnell gelegt, als sie gesehen haben, dass sie eine ganz Liebe ist.» Mittlerweile ist Bella eine Attraktion im Altenheim.
Weil es auch Bewohner gibt, die ihr Zimmer nicht verlassen können, machen manche Hunde Hausbesuche. Die Golden-Retriever-Hünding Kira zum Beispiel ist mit ihrem Frauchen Claudia Richter immer montags zu Gast bei Christa von Puttkamer. «Das sind für mich die wichtigsten Termine überhaupt», sagt die Seniorin.
Heimleiter Palmisciano ist sich sicher, mit seinem Konzept der Tiere im Heim auf dem richtigen Weg zu sein. «Das ist ein guter Ansatz, um Menschen zufriedenzustellen und glücklich zu machen.» Und er hat Pläne: «Auch für weitere Tiere haben wir hier noch Platz.» Die nächsten Dauergäste in St. Johann sollen Ziegen sein.
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