Sa., 26.05.12

Übersehene Volkskrankheit 24.11.2008 140 Menschen sterben täglich an Sepsis

Sepsis (Foto)
Viele Frühgeborene sind anfällig für Sepsis. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Mit hohem Fieber, Verwirrtheit, beschleunigter Atmung und schnellem Herzschlag kündigen sich viele Krankheiten an. Aber bei der gefährlichen Sepsis zählt jede Stunde, in welcher der medizinische Kampf gegen die tödlichen Erreger beginnt.

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Die Gliederschmerzen kamen ohne Vorwarnung. Maria Schröder (Name von der Redaktion geändert) war gerade vom Frühdienst im Krankenhaus nach Hause gekommen, als sie sich plötzlich unwohl fühlte. Eine Stunde später setzte Schüttelfrost ein, und innerhalb kürzester Zeit stiegt die Körpertemperatur der 35-Jährigen auf knapp 40 Grad Celsius. Übelkeit und Durchfälle wechselten einander ab.

«Am Abend hatte ich das Gefühl, jegliche Flüssigkeit aus meinem Körper verloren zu haben», schreibt sie auf der Homepage der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie des Universitätsklinikums Jena (www.kai.uniklinikum-jena.de). Maria Schröder wurde mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht, wo sich ihr Zustand verschlechterte. Die erste Diagnose: gastrointestinaler Infekt, die zweite: Lungenentzündung, die dritte: septischer Schock.

Für Professor Konrad Reinhart ist die Sepsis eine nahezu unbekannte Volkskrankheit. «Die Sterblichkeit steigt mit jeder Stunde ohne Antibiotika um sieben Prozent», sagt der Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Uniklinikum Jena. Die hohe Zahl der Todesfälle offenbart die großen Defizite bei Diagnose und Therapie. In Deutschland sterben jeden Tag 140 Menschen an Sepsis.

Die Sepsis wird durch Bakterien, Pilzen oder Parasiten ausgelöst und kann als Komplikation bei allen Infektionskrankheiten auftreten, wie beispielsweise bei einer Lungen- oder Mandelentzündung. Wenn es dem Körper nicht gelingt, diese Infektion auf den Ursprungsort zu begrenzen, lösen die Gifte der Krankheitserreger eine Entzündung in allen lebenswichtigen Organen des Körpers aus. Innerhalb weniger Stunden drohen diese dann zu versagen. In dieser Situation besteht trotz einer Antibiotikatherapie ohne sofortige intensivmedizinische Behandlung keine Überlebungschance.

Um der außer Kontrolle geratenen Infektion schneller und wirksamer Paroli bieten zu können, wird in Jena im nächsten Jahr ein weltweit einmaliges Zentrum zur Sepsisforschung seine Arbeit aufnehmen. «Wir brauchen völlig neue Diagnoseverfahren und Therapeutika für die Sepsis», sagt Reinhart, der auch Vorsitzender der Deutschen Sepsis-Gesellschaft ist. Bislang lief die Untersuchung der Erreger weitgehend getrennt von den Forschungen zur Abwehrreaktion des infizierten Menschen. «Wir bringen beides zusammen», sagt der Professor.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Eile geboten ist

Einmalig ist auch der interdisziplinäre Ansatz. Wissenschaftler der Universität, des Klinikums und des Leibnitz-Instituts für Naturstoffforschung und Infektionsbiologie arbeiten im «Septomics» genannten Zentrum eng zusammen. Die Ergebnisse der Grundlagenforschung im Labor sollen nach klinischen Tests schnell in anwendbare Produkte münden. «In zwei bis drei Jahren legen wir erste Ergebnisse vor», kündigte Reinhart an. Das Bundesforschungsministerium unterstützt das Vorhaben mit 15 Millionen Euro.

Eile ist geboten, denn Diagnose und Therapie laufen bis jetzt noch «wie vor hundert Jahren» ab, muss Reinhart eingestehen. Um den Erreger - Bakterien oder Pilze - zu identifizieren, werden sie in 48 bis 72 Stunden gezüchtet. In dieser Zeit können die dem Kranken verabreichten Antibiotika nur breit gestreut und nicht zielgerichtet werden. Sollten die Antibiotika nicht anschlagen, stirbt der Patient.

Auch die klinische Diagnostik arbeitet nach überholten Methoden. Blutdruck, Atmung und die Zahl der weißen Blutkörperchen werden überprüft. Ein sepsisspezifischer Anzeiger fehlt leider im Blut. «Die Pharmaindustrie hat Milliarden Euro bei der Suche nach einem wirksamen Medikament in den Sand gesetzt», bedauert der Professor. «Nach über 30 negativen Studien hat es nur ein Medikament zur Marktreife gebracht.»

Lesen Sie auf Seite 3, wie Sepsis entsteht

Auslöser für eine Sepsis kann eine Blutvergiftung sein. Sie kann sich selbst aus einer harmlosen infektiösen Entzündung entwickeln. Wenn das Immunsystem versagt, können die aggressiven Erreger über den Blutkreislauf in schlecht geschützte Körperregionen wie Bauchhöhle, Gehirn oder Lunge eindringen. Die eigentliche Todesursache ist das Versagen lebenswichtiger Organe. Die Intensivmedizin kann kritische Phasen mit Nierenersatztherapie, Kreislauftherapie und Gerinnungstherapie überbrücken. Überlebende leiden häufig unter Muskelschwäche und Nervenschäden.

Die Zahl der an Sepsis Erkrankten wird nach Angaben der Deutschen Sepsisgesellschaft in den nächsten Jahren stetig zunehmen, weil mit dem medizinischen Fortschritt auch die Zahl der Gefährdeten mit geschwächtem Immunsystem wächst. Denn: Große Operationen werden auch bei hochbetagten Menschen vorgenommen. Immer kleinere Frühgeborene überleben. Krebs wird mit immer aggressiveren Therapien behandelt. Begleiterkrankungen wie Diabetes und Lebererkrankungen nehmen zu.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Aufmerksamkeit, die die Medizin der Sepsis widmet. Die Krankheit wird «völlig übersehen», kritisiert der Jenaer Arzt Frank Brunkhorst. «Das Bewusstsein für das Krankheitsbild ist auch unter Ärzten gering.» Eine Studie des Kompetenznetzwerkes SepNet hat zutage gefördert, dass es noch deutliche Differenzen zwischen den anerkannten Standardtherapien und stationseigenen Praktiken gibt. Manche Klinik therapiert, wie sie es für richtig hält.
Lesen Sie auf Seite 4, wo Sie Hilfe finden

Um die beste Klinik zur Behandlung der Sepsis zu finden, entwickelt die Sepsisgesellschaft derzeit ein Zertifikat für Kliniken. 50 Intensivstationen deutscher Krankenhäuser arbeiten zurzeit mit SepNet zusammen, sagt Professor Reinhart. Die Liste ist auf der Website der Sepsis-Gesellschaft nachzulesen: www.sepsis-gesellschaft.de.

Maria Schröders Zustand war zeitweise kritisch. Ihre Nieren versagten, sie wurde ins künstliche Koma versetzt. Doch sie hatte Glück: Die Behandlung schlug an. Nach zehn Tagen wurde sie wieder in die Normalstation verlegt. Aber die Sepsis hatte ihre Spuren hinterlassen. «Selbst Radio hören oder nur ein paar Zeilen lesen, war schnell zu viel. Zudem litt ich unter Reizhusten und Ekelgefühl, vor allem vor Plastikgeruch, und manche Bewegungen waren lange Zeit schmerzfrei nicht möglich», beschreibt Maria Schröder ihre damalige Situation.

Erst nach vier Monaten konnte sie wieder in ihren Berufsalltag zurückkehren. Weitere sechs Monate später fühlte sie sich das erste Mal wieder so leistungsfähig wie vor dem septischen Schock. Die Ursache konnte niemals geklärt werden. «Aber der Verdacht liegt nahe, dass es sich um das Toxic-Shock-Syndrom im Zusammenhang mit der Menstruation handelte», glaubt Maria Schröder.

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