Von Annette Schneider-Solis
Am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie in Halle/Saale werden seit 50 Jahren die Wirkstoffe von Pflanzen und Pilzen erforscht. Hilfe bekommen die Wissenschaftler dabei von Naturvölkern auf der ganzen Welt.
Viele schätzen Medikamente aus Pflanzen wegen ihrer schonenden Wirkung. Andere schmähen sie als unwirksam. «Es ist ein Irrtum, dass Medikamente aus Pflanzen wirksamer oder unwirksamer sind», relativiert Ludger Wessjohann. Der Professor leitet die Abteilung Natur- und Wirkstoffchemie am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie in Halle/Saale. Seit 50 Jahren werden dort Pflanzen auf ihre Wirkstoffe untersucht. Wessjohann verweist auf das hochwirksame Morphin, an das kein synthetisches Mittel heranreicht.
Der Wissenschaftler untersucht in seiner Abteilung Pflanzen und Pilze auf ihre Wirkstoffe, forscht nach Substanzen für den Einsatz in Medizin und Landwirtschaft. Im Reich der Pilze haben die Hallenser noch viel zu tun. Man schätzt, dass es weltweit viermal so viele Pilzarten gibt wie Pflanzenarten. Während von den Pflanzen jede zehnte phytochemisch untersucht ist, sind von den Pilzen gerade mal zehn Prozent überhaupt bekannt. Selbst im Wald vor der Haustür finden die Hallenser unerforschte Organismen.
Heimatliche Pflanzen dagegen sind überwiegend gut untersucht auf ihre medizinischen Wirkstoffe. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Oleander, der in der Abteilung von Wessjohann untersucht wurde. Die Giftpflanze, so der Wissenschaftler, verfügt über Antikrebswirkung. Ansonsten müssen die Forscher in die Ferne schweifen. Seit Jahren arbeitet das Institut mit Kollegen in Asien, Afrika und Südamerika zusammen.
Wie aber stößt man auf Pflanzen, die für die Nutzung als Medizinpflanze Erfolg versprechen? «Natürlich stellen wir interessante Zielorganismen zusammen», erklärt Wessjohann. «Aber man kann nicht einfach in der Bibliothek sitzen und sagen, diese Pflanze hat Erfolg, die untersuche ich jetzt mal. Wenn Sie im Wald stehen, dann findet man sie nicht einfach so.» Also tauscht man sich mit Kollegen vor Ort aus, unternimmt gemeinsame Expeditionen in den Urwald
Die Kollegen in Vietnam, Jemen, Äthiopien oder Brasilien verfügen oft über Kontakte zu Naturvölkern und ihren Schamanen. Die wiederum nutzen Jahrhunderte altes Wissen über die Wirkung bestimmter Pflanzen, ohne allerdings die Wirkstoffe zu kennen. Auch aus deren Erfahrungsschatz bedienen sich die Forscher in Halle. «Allerdings wird dieses Wissen streng gehütet. Da kommen Fremde nicht ohne weiteres heran», sagt Wessjohann.
Der Weg zum Schamanen führt über die Kollegen vor Ort, die sehr lange Kontakte pflegen und Vertrauen genießen. In Asien ist vieles schriftlich festgehalten. Und schließlich helfen auch Beobachtungen vor Ort. «Wenn ein Feld von Insekten abgefressen und nur eine Pflanze stehengeblieben ist, dann kann das ein Hinweis darauf sein, dass diese Pflanze gegen Insekten wirkt», nennt Wessjohann ein Beispiel. Und mit der Zeit bekomme man auch ein Gefühl dafür, was interessant sein könnte, ohne dass dies näher zu begründen sei.
In den Labors in Halle werden die Substanzen aus den Pflanzen in einem aufwendigen, physisch-chemischen Trennverfahren voneinander isoliert. Das dauert Monate, manchmal gar Jahre. Im besten Fall können aus den erkannten Wirkstoffen neue Medikamente entwickelt werden. Zwei Wirkstoffe gegen Krebs werden derzeit erprobt. Ein anderes Mittel, das Drogenabhängigen beim Entzug helfen soll, wird derzeit am Menschen klinisch getestet.
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