Ärztemangel im Osten «Wir hoffen auf die Gesundheitsreform»

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Ralf Herre ist Sprecher der KV Brandenburg. Bild: news.de

Nirgends in Deutschland ist die ärztliche Grundversorgung so gefährdet wie in Brandenburg. Bei Hausärzten sind zehn Prozent der Stellen nicht besetzt. Die Situation sei bedenklich, sagt Ralf Herre von der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (58) im Interview.

news.de: Herr Herre, googelt man KV Brandenburg, lautet der erste Treffer: «Brandenburg sucht Vertragsärzte!». Wie schlimm ist die Situation?

Herre: Brandenburg hat bundesweit die wenigsten Vertragsärzte pro Einwohner. Rund 3200 niedergelassene Ärzte sorgen hier für 2,6 Millionen Menschen. Noch besorgniserregender ist das hohe Durchschnittsalter. Wir wissen jetzt schon, dass wir in den nächsten zwei bis fünf Jahren ein knappes Drittel der Vertragsärzte ersetzten müssen.

news.de: Wo fehlt es am meisten?

Herre: In ganz Brandenburg sind derzeit 170 Stellen für Hausärzte nicht besetzt. Bei 1600 Hausärzten macht das rund zehn Prozent. Das ist schon sehr bedenklich. Nehmen wir als Beispiel die Uckermark: Eigentlich müssten wir dort 102 Hausärzte haben, tatsächlich sind es nur 79. Wohlbemerkt legen wir dabei die Bedarfsplanung des Gesetzgebers zugrunde, die aus unserer Sicht viel zu niedrig angesetzt ist.

News.de: Sie fordern also eine Erhöhung der Ärztequoten?

Herre: Die Bedarfsplanung, die steuern soll, wie viele Ärzte in einer Region praktizieren dürfen, ist in unserem Fall nicht fair. Wir haben überdurchschnittlich viele ältere Menschen in unseren Krankenkassen, hier liegen wir bei sieben bis acht Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt. Mehr Geld oder mehr Ärzte erhalten wir dafür bislang nicht.

news.de: Sie halten die Vorgaben des Gesundheitsministeriums für nicht umsetzbar?

Herre: Die Bedarfsplanung basiert rein auf der Einwohnerzahl eines Landkreises. So darf pro soundso viele Bewohner ein Arzt neu aufmachen. Weil aber unsere Landkreise so groß sind, bleiben weite Landstriche unterversorgt. Die Ärzte konzentrieren sich lieber auf die Städte, kaum jemand eröffnet seine Praxis in der letzten Ecke seines Landkreises. Da hilft nur eine Einteilung in kleinere Gebiete.

news.de: Mehr Nachwuchsmediziner würde das doch aber auch nicht nach Brandenburg locken.

Herre: Nein, wahrscheinlich nicht. Zudem haben wir keine medizinische Fakultät, beziehen unseren Nachwuchs also ausschließlich aus anderen Regionen. Das ist ein großes Problem für Brandenburg.

Lesen Sie auf Seite 2, warum ausländische Ärzte keine gute Lösung sind

news.de: Kann man Ärzte nicht aus anderen Bundesländern abwerben?

Herre: Solange es uns nicht gelingt, die Honorierung der ärztlichen Leistungen auf westdeutsches Niveau zu heben, werden wir die Entwicklung nicht drehen können.

news.de: Suchen Sie auch im Ausland?

Herre: Wir haben in Deutschland sehr strenge Regeln für den Facharztabschluss. Ausländische Abschlüsse werden hierzulande selten anerkannt. Dazu kommt noch die Sprachbarriere. Ich bitte Sie, mich hier nicht falsch zu verstehen – aber die Erfahrung hat gezeigt, dass der Hausarzt eben auch erst von den Patienten angenommen werden muss.

news.de: Das bedeutet, Sie halten nicht viel davon, ausländische Ärzte nach Brandenburg zu holen?

Herre: Jeder Facharzt ist bei uns mehr als willkommen. Das Problem ist nur, dass die meisten ausländischen Ärzte, die in Brandenburg ihren Facharztabschluss nachholen, danach meist schnell weiterziehen. Für den Königsweg halte ich die Nachqualifizierung auch aus einem anderen Grund nicht: In Deutschland werden genügend Ärzte für teures Geld ausgebildet. Doch fast 25 Prozent der Absolventen kommen nicht in der Versorgung der Patienten an. Viele gehen ins Ausland, andere in die Industrie, den öffentlichen Dienst oder zu den Krankenkassen. Und dann legen wir Programme auf, um Ärzte aus anderen Ländern nachzuqualifizieren. Das ist doch aberwitzig.

news.de: Wie äußert sich der Ärztemangel für die Patienten?

Herre: Der Termin beim Hausarzt dürfte kein großes Problem sein, nach zwei bis drei Stunden Wartezeit wird man im Regelfall behandelt. Viel schwieriger ist es, einen Termin beim Augenarzt zu bekommen. Im Durchschnitt liegen wir hier bei vier bis fünf Monaten. Dazu kommen in ländlichen Regionen 40 bis 50 Kilometer Anfahrtsweg.

news.de: In den letzten Jahren ist der Eindruck entstanden, dass es sich dabei um ein ostdeutsches Problem handelt. Oder liegt die Problematik eher im Gegensatz von Stadt und Land?

Herre: An erster Stelle ist es ein Ostproblem. Schon zu DDR-Zeiten gab es hier nicht so viele Ärzte wie in der BRD. Dann nehmen wir seit der Wende Jahr für Jahr deutlich weniger Geld ein als die Westländer. Trotz des Risikostrukturausgleichs zwischen den Kassen stehen uns 30 Prozent weniger Finanzmittel als vergleichbaren Bundesländern in Westdeutschland zur Verfügung. Mittlerweile gibt es aber auch Regionen in den alten Bundesländern, gerade in Norddeutschland, in denen es zu bröckeln beginnt – das ist allerdings mit unserer Situation noch längst nicht vergleichbar.

Lesen Sie auf Seite 3, wie der Ärztemangel behoben werden könnte

news.de: Mitte der 1990er Jahre sprach man noch von einer Ärzteschwemme. Wie konnte das so schnell kippen?

Herre: Von der Schwemme sprachen nur Leute, die die Sache sehr oberflächlich betrachtet haben oder die nur die alten Bundesländer im Blick hatten. Wir haben schon 1997 vor einem Ärztemangel gewarnt. Da wurden wir noch belächelt.

news.de: Dennoch ist die Zahl der Ärzte seit Mitte der 1990er Jahre um 16 Prozent auf mehr als 310.000 gestiegen. Wenn in Brandenburg Ärztemangel herrscht, muss es doch in anderen Regionen Deutschlands einen Überfluss an Ärzten geben?

Herre: Diese Interpretation der nackten Zahlen vernachlässigt die Realität. Zum einen ist die Bevölkerung älter geworden, damit fallen mehr Behandlungen an. Außerdem müssen Ärzte nun viele neue Leistungen erbringen, die früher Aufgabe der Krankenhäuser waren. Wir setzen heute zum Beispiel ambulant Herzschrittmacher ein.

news.de: Aber eine Überversorgung in großen Städten wie München ist doch nicht zu leugnen?

Herre: Klar gibt es in München und Hamburg eine Überversorgung. Doch wir von der Kassenärztlichen Vereinigung können niemanden zwangsevakuieren. Also muss man Steuerungsmechanismen entwickeln. Da haben wir derzeit nur die Bedarfsplanung, die so nicht mehr zeitgemäß ist.

news.de: Sie plädieren für eine Abschaffung der Bedarfsplanung?

Herre: Nein, ich halte eine gewisse Regulierung für sinnvoll. Wir haben den Auftrag, flächendeckend zu versorgen. Wenn wir die Bedarfsplanung aufheben, dann wird die Konzentration von Ärzten in den Ballungsgebieten weiter zunehmen bei gleichzeitiger Ausdünnung auf dem Land. Wir halten zwei Dinge für sinnvoll: Zum einen müssen die Einteilungsgebiete kleiner, zum anderen die Honorare in den ländlichen Regionen gravierend angehoben werden.

news.de: Wieso zahlen Sie eigentlich nicht einfach mehr pro Behandlung, wie das ihre Kollegen in Bayern machen?

Herre: Das stimmt, in Bayern erhalten die Ärzte 25 bis 30 Prozent mehr. Dort nehmen die Kassen aber auch deutlich mehr Geld ein - aufgrund höherer Gehälter, weniger Arbeitsloser und auch weniger alter Menschen.

news.de: Wenn es die Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen ist, die flächendeckende Versorgung zu gewährleisten – warum wird dann in gut versorgten Ländern mehr gezahlt als in schlecht versorgten?

Herre: Bisher ist es noch so, dass die westdeutschen Bundesländer, denen es deutlich besser geht, bestimmen, wo es langgeht. Das ist der föderalen Struktur der Bundesrepublik geschuldet. Sie müssen sich nur die Mehrheiten ansehen – Bayern allein hat zum Beispiel 20.000 Ärzte. Da werden wir einfach überstimmt. Die Schere zwischen ärmeren und reicheren Ländern muss aber geschlossen werden. Wir setzen hier große Hoffnungen in die Gesundheitsreform. Es muss mehr Geld für die ambulante Behandlung in den Osten fließen, dann haben wir auch wieder mehr junge Ärzte.

Das Interview führte news.de-Redakteur Frank Meinzenbach.

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