Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 08.11.2008, 00.07 Uhr

Magen-Darm-Tag: Wenn der Bauch rebelliert

Durchfall, Bauchkrämpfe, Verstopfung und Blähungen machen vielen Menschen zu schaffen. Werden keine organischen Gründe dafür gefunden, lautet die Diagnose oft Reizdarm oder Reizmagen. Ärzte und Wissenschaftler machen heute am Magen-Darm-Tag auf die weit verbreitete Krankheit aufmerksam.

Darmkrebs ist in Deutschland bei Frauen und Männern die zweithäufigste Krebserkrankung. Bild: news.de

«Organisch sind Sie gesund.» Diesen Satz bekommen Patienten mit einem Reizmagen oder Reizdarm häufig von ihrem Arzt zu hören, obwohl sie immer wieder unter Druck im Oberbauch, Völlegefühl, Aufstoßen, schmerzhaften Blähungen oder Stuhlunregelmäßigkeiten leiden. In Deutschland sind 15 Millionen Menschen von den funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen betroffen. Weil die genauen Ursachen für die Empfindlichkeit von Magen und Darm bis heute nicht eindeutig geklärt sind, ist es für die Erkrankten oft schwer, mit ihrem Leiden ernst genommen zu werden.

«Obwohl keine organische Erkrankung vorliegt, haben Reizmagen- und Reizdarmpatienten oft erhebliche Beschwerden und sind in ihrer Lebensqualität stark einschränkt», erklärt der Gastroenterologe Professor Dr. Gerald Holtmann, stellvertretender Vorsitzender der Gastro-Liga und Leiter des Magen-Darm-Tages 2008. Ähnlich Migräne-Patienten, deren Gehirn besonders aktiv auf Reize reagiert, haben Menschen mit Reizdarm oder Reizmagen eine gesteigerte Schmerzempfindlichkeit des Verdauungstraktes.

«Wir wissen, dass erbliche Faktoren bei der Entwicklung eines Reizmagens oder Reizdarmes eine Rolle spielen», erläutert Holtmann. «Bei manchen Patienten tritt die Schmerzempfindlichkeit nach einem Infekt des Magen-Darm-Traktes auf, zum Beispiel nach einer Magen-Darm-Grippe oder einer Salmonellen-Infektion.» Auch psychische Faktoren wie Stress haben einen Einfluss. Wenn sich im Büro die Aktenberge türmen, das Telefon ständig klingelt und der Terminkalender kaum noch Zeit zum Erholen lässt, ist das nicht nur ein Martyrium für das Gehirn und die Psyche, sondern auch für die Verdauungsorgane.

Was Wissenschaftler über die Ursache wissen

Wissenschaftler wissen mittlerweile auch, warum das so ist: Magen und Darm stehen über nicht willentlich zu beeinflussende Nervenbahnen mit dem Gehirn in Verbindung. Die Experten sprechen bereits vom Bauchhirn. Der Fachausdruck ist enterisches Nervensystem von griechisch enteron für Darm.

Das gesamte Verdauungssystem - Speiseröhre, Magen und Darm - ist umhüllt von mehr als 100 Millionen Nervenzellen und damit mehr Neuronen als im gesamten Rückenmark zu finden sind. Dieses zweite Gehirn, so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, ist quasi ein Abbild des Kopfhirns. Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich. Und das Nervensystem steuert die Magenbewegungen und die Sekretion der Magensäure.

Zwischen dem Großhirn, zuständig für Gedanken und Gefühle und dem Magen-Darm-Nervensystem bestehen zahlreiche Verbindungen, die Wechselwirkungen hervorrufen können. Stress und zwischenmenschlicher Ärger in Familie oder Beruf, Trauer oder Verlustängste führen zu Konfliktspannungen, die sich auf den Magen auswirken können.

Und so wundert es kaum noch, dass besonders der gestresste Jungmanager oder die Sekretärin mit der täglichen Dauerbelastung von Beruf und Kind oder der vor einer wichtigen Prüfung stehende Schüler oder Student regelmäßig unter dem Aufruhr im Bauch leiden müssen.

Denn trotz vieler Errungenschaften reagiert der moderne Mensch auf Belastungssituationen immer noch wie seine urzeitlichen Vorfahren. Blitzschnell mobilisiert der Organismus alle verfügbaren Kraftreserven für eine Notfallreaktion. Egal ob diese Reaktion vor Jahrtausenden durch ein wildes Tier oder heute durch die negative Kritik eines Vorgesetzten ausgelöst wird.

Die von außen oder innen (zum Beispiel negative Gedanken) kommende Bedrohung führt zu einer ungeheuer schnellen Abfolge von Nervenübertragungen und Hormonfreisetzungen. Magen und Darm verlieren im wahrsten Sinne des Wortes die Nerven. Das führt zu einer schlagartigen Veränderung der Verdauungstätigkeit. Die schaltet nämlich auf Sparflamme, weil das Blut aus dem Magen-Darm-Trakt gezogen und den Muskeln zur Verfügung gestellt wird.

Was gegen die Beschwerden hilft

Eine Heilung der funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen ist zurzeit noch nicht möglich. Die Behandlung von Reizmagen und Reizdarm ist komplex; sie ist darauf ausgerichtet, die Symptome zu lindern und die beschwerdefreien Phasen zu verlängern. Viele Betroffene haben deshalb eine Ärzteodyssee hinter sich. Als Therapie hilft häufig eine gezielte Ernährungsumstellung. Vorübergehend können auch spannungs- oder schmerzlösende Medikamente eingesetzt werden. In bestimmten Fällen hilft eine Psychotherapie.

Im Zentrum der Veranstaltungen zum Magen-Darm-Tag steht daher neben der Entstehung von Reizmagen und Reizdarm die richtige Diagnosesicherung. Insbesondere wird auf die wichtige Differentialdiagnose der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen eingegangen. Ein weiterer Themenschwerpunkt sind die Therapieoptionen. Neben etablierten medikamentösen Therapien werden auch nicht-medikamentöse Therapien vorgestellt. «Es gibt sehr viel versprechende Therapieansätze mit Probiotika oder Phytotherapeutika. Aussichtsreich sind auch psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlungsansätze. Leider werden diese oft nur unzureichend genutzt», sagt Holtmann.

Die Veranstaltungen zum Magen-Darm-Tag können im Internet auf www.gastro-liga.de unter Termine abgerufen werden. Außerdem legt Gastro-Liga ihre Ratgeber «Was Sie schon immer zum Reizdarmsyndrom wissen wollten», «Reizmagen - ein häufiges Krankheitsbild» und «Chronisch entzündliche Darmerkrankungen: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa» neu auf. Die Broschüren können gegen Einsendung eines mit 1, 45 Euro frankierten DIN A5-Rückumschlages kostenlos bei der Gastro-Liga, Friedrich-List-Straße 13, 35398 Gießen, bestellt werden.

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