Kostenfalle Fettleibigkeit Krankenhäuser müssen immer öfter improvisieren

Im Klinikalltag beginnt das Problem schon bei Kleinigkeiten: Kanülen sind zu kurz für dicke Fettschichten, Ultraschallgeräte liefern ab einer gewissen Leibesfülle keine klaren Bilder mehr. Für Kliniken sind extrem fettleibige Menschen ein absolutes Minusgeschäft.

Dicke haben Sonderansprüche (Foto)
Fettleibige Menschen verursachen enorme Kosten. Bild: dpa

Dutzende Hände wuchten den 180 Kilogramm schweren Patienten auf den OP-Tisch. Nicht auf irgendeinen, sondern auf eine Spezialanfertigung für schwere Lasten. Mit Gurten, die doppelt so lang sind wie für andere Patienten, wird der Mann fixiert.

«Bei einem normalen Patienten würde man jetzt schon problemlos den Magen sehen», sagt Chirurg Oliver Mann, als er mit einer Endoskopkamera den Bauchraum des Mannes von innen begutachtet. Verschlungene Fettmassen versperren ihm dabei die Sicht. Mühsam muss sich der Arzt zunächst mit einem am Endoskop befestigten Skalpell den Weg bis zum OP-Feld bahnen.

Es ist kein spektakulärer Eingriff, der Schwestern und Ärzte im Operationssaal 3 der Chirurgie des Universitätskrankenhauses Eppendorf (UKE) an diesem Morgen beschäftigt. Auf dem Plan steht eine eher routinemäßige Magen-Operation ­ - aber genau das zeigt, dass Kliniken mit einer wachsenden Patientengruppe ein dickes Problem haben: Immer mehr Menschen sind übergewichtig, und das erhöht den Aufwand für Behandlungen und medizinische Diagnosen erheblich. «Es ist ein großes Problem», sagt Daniel Wosnitzka, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) in Berlin.

Etwa jeder fünfte Deutsche ist extrem übergewichtig hat die im Januar dieses Jahres vorgestellte Nationale Verzehrstudie des Bundes-Ernährungsministeriums ergeben. Adipös nennen Mediziner diesen Zustand, der oft zu Diabetes, Bluthochdruck und anderen Folgeerkrankungen führt. Und die Zahl der Betroffenen steigt. Vor allem Jugendliche werden immer dicker. «Krankenhäuser müssen sich auf eine Adipositas-Welle einstellen», meint Internist Jens Aberle vom UKE.

Im Klinikalltag beginnt das Problem schon bei vermeintlichen Kleinigkeiten: Kanülen sind zu kurz für dicke Fettschichten, Ultraschallgeräte liefern ab einer gewissen Leibesfülle keine klaren Bilder mehr, und für jeden Transport sind mehr Schwestern und Pfleger nötig als üblich. Mit dem Aufwand steigen auch die Kosten. Für Kliniken seien Adipöse «ein absolutes Minusgeschäft», sagt Mann. Die Fallpauschalen der Krankenkassen deckten den hohen Aufwand für Personal und Spezialgeräte nicht, betont DKG-Sprecher Wosnitzka: «Wir sehen eine Kostenlawine auf uns zurollen.»

Lesen Sie auf Seite 2, wie die Kliniken nach einem Ausweg suchen

Vor allem große Krankenhäuser passen ihre Infrastruktur bereits für viel Geld dem Trend an. Wenn das Hamburger UKE demnächst eine neue Zentralklinik einweiht, dann werden die Tische in allen 16 Operationssälen 350 Kilo tragen, zwei sogar 450 Kilo. In anderen Bereichen hilft dagegen nur Improvisation. So nutzt das UKE den Kernspintomographen einer Pferde-Klinik, wenn Patienten nicht in eigene Geräte passen. «Solche Fälle sind aber selten», sagt Chirurg Oliver Mann.

Schwerer wiegt aus Sicht der Mediziner, dass die Behandlung von Übergewichtigen schon im täglichen Umgang ihre eigenen Tücken hat. Besonders Dicke empfinden wegen ihres Fetts weniger Schmerzen, und andere Symptome werden leicht übersehen. Auch ein höheres Narkose- und Embolie-Risiko verlangt viel Aufmerksamkeit. «Extrem adipöse Patienten reagieren anders», sagt Weiner. Man brauche «nicht nur die Ausstattung, sondern auch die Erfahrung», betont Mann.

Die Hamburger Uniklinik hat deshalb vor eineinhalb Jahren ein spezielles Adipositas-Zentrum gegründet. Chirurgen, Internisten und andere Spezialisten kümmern sich dort um die Versorgung der Hochrisikopatienten und suchen mit diesen zusammen nach Auswegen aus deren lebensbedrohlicher Situation. Denn entgegen populärer Vorurteile sei extreme Fettleibigkeit keine Frage der Ernährungs-Disziplin, erklärt Mann. Ist ein gewisses Gewicht erreicht, können Betroffene dieses gar nicht mehr aus eigener Kraft reduzieren.

In solchen Fällen greifen die UKE-Spezialisten dann trotz der schwierigen medizinischen Ausgangslage immer öfter auch zu einem radikalen Schritt: So werden an dem Zentrum jährlich bereits mehr als 100 Eingriffe vorgenommen, bei denen bei Adipösen Magenteile entfernt oder Darmabschnitte mit einem Bypass «überbrückt» werden, um die Kalorienaufnahme zu drosseln. Das sei ein letztes, aber meist erfolgreiches Mittel, um auch extrem Fettleibigen dauerhaft zu helfen.

Immer mehr Deutsche sind fettleibig. Adipositas ist die Fachbezeichnung für eine extreme Form des Übergewichts. Als Maßstab zur Einstufung dient der sogenannte Body-Mass-Index (BMI), mit dem das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht erfasst wird. Er wird berechnet, indem das Körpergewicht in Kilogramm durch die mit sich selbst multiplizierte Größe in Metern dividiert wird. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelten Menschen mit einem BMI von mehr als 30 als adipös. Menschen mit einem BMI von 25 bis 30 sind demnach übergewichtig (präadipös).

Laut Nationaler Verzehrstudie des Ernährungsministeriums sind in Deutschland derzeit zwei Drittel der Männer und rund die Hälfte aller Frauen übergewichtig, etwa jeder fünfte Bundesbürger ist adipös. Auch in anderen Industriestaaten sieht es nicht besser aus. Nach WHO-Angaben hat sich die Zahl der Betroffenen in den europäischen Mitgliedstaaten seit den 1980er Jahren verdreifacht. Die ­ Tendenz ist steigend. Zu den bedrohlichsten medizinischen Folgen der Fettleibigkeit gehören nach Expertenangaben Diabetes, Bluthochdruck und schwere Herz-Kreislauferkrankungen.

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