Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Finn ist ein fürsorglicher Freund. Er bringt seinem Frauchen Simone Oberenzer Saft und das Blutzuckermessgerät, wenn es ihr nicht gut geht. Und wenn es ganz schlimm kommt, öffnet der Labrador-Mischling die Wohnungstür und klingelt bei der Nachbarin.
Simone Oberenzer ist vor zwei Jahren auf den Hund gekommen. Die 27-jährige Osnabrückerin leidet seit ihrer Jugend an Typ-1-Diabetes und muss immer darauf achten, dass ihr Blutzuckerspiegel nicht unter einen bestimmten Wert sinkt. Denn sonst droht Unterzuckerung, in der Fachsprache auch Hypoglykämie genannt.
Für die Hypos, wie Diabetiker die Unterzuckerungen nennen, gibt es unterschiedliche Ursachen. Entweder hat der Diabetiker nicht genug oder zu spät gegessen, hat sich körperlich angestrengt oder zu viel beziehungsweise zu früh Insulin gespritzt. «Die Hypos treten unerwartet auf und können vor allem nachts zu einer tödlichen Gefahr werden», sagt Simone Oberenzer.
Erste Anzeichen sind Schweißausbrüche, Zittern, Herzklopfen, Kopfschmerzen oder Konzentrationsschwäche. Wird nicht rechtzeitig eingegriffen, entsteht ein Zuckermangel im Gehirn. Die Folgen sind Seh- und Sprachstörungen, Schwindel, Aggressivität, Krämpfe oder Bewusstlosigkeit.
Simone Oberenzer muss bei Unterzuckerung sofort Cola, Limonade oder Fruchtsaft trinken oder einige Traubenzuckerplättchen essen. Der darin enthaltene Zucker kann rasch vom Körper verwertet werden. «In der Uni wurde das zum Problem», erzählt die ehemalige Lehramtsstudentin. Ihre Professoren legten ihr nahe, das Studium zu unterbrechen, bis sie ihre Unterzuckerung in den Griff bekommen habe. Auch war die Rede davon, dass sie keine Chance auf einen Arbeitsplatz hätte, wenn sie immer unkontrolliert unterzuckern würde.
«Ich war ziemlich am Boden», sagt Simone Oberenzer. «Ich wollte das Examen machen und ins Leben starten.» Doch stattdessen traute sie sich kaum noch vor die Tür, aus Angst, sie könnte jeden Moment unterzuckern und ins Koma fallen, ohne es vorher zu bemerken.
Dass Simone Oberenzer nichts vollends verzweifelte, hat sie ihrem Verlobten, der Amerikaner ist, zu verdanken. Er erzählte ihr, dass es in den USA speziell ausgebildete Hunde gibt, die riechen können, wenn Diabetiker unterzuckern. Simone Oberenzer rief sofort sämtliche Behindertenbegleithunde-Organisationen in Deutschland an, aber niemand wusste etwas von diesen Hunden.
Also nahm die junge Frau Kontakt zu Ausbildern in den USA auf, kratzte ihr Geld zusammen und flog in die Vereinigten Staaten, um im Ausbildungszentrum «Prodigal Service Dogs» in Helena im US-Bundesstaat Alabama die Techniken für die Ausbildung von Diabetikerwarnhunden zu erlernen.
Diabetikerwarnhunde werden nach dem Vorbild der Drogenspürhunde ausgebildet. Sie riechen die Unterzuckerung im Atem und Schweiß ihres Besitzers. Der Hund muss den typischen Geruch allerdings erst kennen lernen. Dazu misst der Diabetiker regelmäßig seinen Blutzucker und haucht den Hund bei einem Wert von 60 (normal sind 100) an. Finn hat gelernt, Simone Oberenzers Hand zu lecken, sobald sie unterzuckert. Bei Überzuckerung stupst er ihren Arm.
Seit kurzem bietet die ehemalige Theologie-Studentin die Ausbildung in einer Hundeschule in Osnabrück an. Für 18 Monate Hypo-Riechtraining zahlt man rund 6000 Euro, wobei mit einer finanziellen Unterstützung der Krankenkassen derzeit nicht zu rechnen ist. «Das ist viel Geld», gibt Oberenzer zu. Aber sie betont gleichzeitig, dass Ausbildungen für Hunde, zum Beispiel für Rollstuhlfahrer, bis zu 20.000 Euro kosten.
Nicht jeder Vierbeiner ist für die Ausbildung zum Diabetikerwarnhund geeignet. «Hunde, die einen ausgeprägten Jagdinstinkt haben, könnten ihren Besitzer für einen Hasen im Feld im Stich lassen», sagt Simone Oberenzer. Auch dominante und sture Hunde wie Terrier und Beagle seien nicht geeignet.
Mit Rassen, die einen starken Menschenbezug haben, die sensibel, aufmerksam und intelligent sind, hat sie dagegen gute Erfahrungen gemacht. Dazu zählen zum Beispiel Collies, Pudel oder Lagotti Romagnoli, die in Italien als Trüffelsuchhund eingesetzt werden. Und natürlich Labradors wie Finn. Ein Leben ohne ihn kann sich Simone Oberenzer nicht mehr vorstellen. Manchmal vergisst sie sogar, dass sie Diabetes hat.