Die Droge Sex Viele leiden im Verborgenen

US-Schauspieler David Duchovny ist sexsüchtig. Auch Michael Douglas und Dustin Hoffman sollen es gewesen sein. Doch Sexsucht kommt nicht nur unter Promis vor. News.de sprach mit Kornelius Roth, der als Psychotherapeut mit Sexsüchtigen arbeitet.

Charlie Sheen, Arnie & Co
Diagnose Sexsucht?
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News.de: Herr Roth, wenn jemand mehrmals am Tag Lust auf Sex hat, ist er dann sexsüchtig?

Roth: Nein, das Verlangen nach Sex mehrmals am Tag ist zunächst einmal kein Anzeichen für eine Sexsucht. Aber alles, was Menschen Genuss bereitet, kann sie auch süchtig machen. Wenn Betroffene sich ihrem sexuellen Verlangen ausgeliefert fühlen, wenn sie immer mehr sexuelle Anreize brauchen und sich ständig zwanghaft mit Sex beschäftigen, kann eine Sexsucht vorliegen. Sie ist also nicht primär eine Frage der Menge, sondern eine Frage der Folgen, die es für Betroffene hat. Die leider Anfang 2008 verstorbene Forscherin für Verhaltenssüchte an der Berliner Charitè - Professorin Sabine Grüsser - zählte die Sexsucht zu den Verhaltenssüchten und sprach von «exzessiv belohnendem Verhalten in einer pathologischen Funktion». Meist zieht sich diese Entwicklung – wie bei der Alkoholabhängigkeit – über Jahre hin. Und wie Alkoholiker müssen Sexsüchtige die Dosis ständig steigern, um den gleichen Befriedigungswert zu erlangen. Sie sind süchtig und leiden unter ihrer Abhängigkeit.

News.de: Wie viele Sexsüchtige gibt es?

Roth: Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Denn Sexsucht ist ein Tabu-Thema; die Betroffenen sprechen nicht gerne über ihre Sucht, weil sie sich schämen. Ich schätze, dass in Deutschland eine halbe Million Menschen betroffen sind, wobei die Tendenz steigend ist. Das liegt daran, dass wir unendliche und kostenlose Möglichkeiten haben an Sexangeboten und sexuellen Dienstleistungen – vor allem im Internet, das sich innerhalb kürzester Zeit zum größten Sexshop und zur größten Sexpartnervermittlungsagentur der Welt entwickelt hat. Die Folgen, die sich daraus für Menschen und ihre Sexualität ergeben, sind noch nicht abzusehen. Es existieren Untersuchungen zur Internetsexsucht oder Cybersexsucht die vermuten lassen, daß die Zahlen noch höher liegen könnten. Mir fällt in meiner Praxis auf, dass die Betroffenen immer jünger werden. Vor ein paar Jahren waren sie im Durchschnitt Mitte 40, inzwischen habe ich viele Patienten in Behandlung, die Anfang oder Mitte 20 sind. Das sind meist Studenten, die im Internet stundenlang auf Sexseiten surfen, an nichts Anderes mehr denken können und dadurch zeitlich so gebunden sind, dass sie ihr Studium nicht schaffen und ihr Leben nicht in den Griff bekommen.

News.de: In welchen Formen kann sich Sexsucht denn sonst noch äußern?

Roth: Den Formen sind keine Grenzen gesetzt. Die einen leben ihre Sexsucht in anonymen oder bezahlten sexuellen Kontakten aus und finden über Kontaktanzeigen, Internet, in Swingerclubs oder Szenediscos mühelos einen Partner für einen One-Night-Stand. Bei den anderen stachelt die Fantasie die Begierde an – mittels Pornografie, Telefonsex oder Sexseiten im Internet. Genauso gut können auch Menschen mit klassischen Perversionen wie Exhibitionismus, Voyeurismus oder Sadomasochismus sexsüchtig werden

Lesen Sie auf Seite 2, welche Ursachen Sexsucht haben kann

News.de: Durch was wird Sexsucht ausgelöst?

Roth: Sexsucht kann vielfältige Ursachen haben. Der Grundstein wird oft in der Kindheit gelegt. Die meisten Sexsüchtigen wurden als Kind alleine gelassen, sexuell missbraucht oder geschlagen, sie waren dem Streit der Eltern ausgesetzt oder wurden in Familien groß, in denen Sex tabuisiert und Zärtlichkeit abgelehnt wurde. Die Kinder flüchten in die heile Welt ihrer Tagträume, um dem Alltag zu entfliehen. In der Pubertät beginnen sie diese Fantasietätigkeit zu sexualisieren. Hinter der Sexsucht stecken also meist ungelöste Konflikte, sie dient den Betroffenen dazu, seelische Verletzungen auszugleichen, schmerzhafte Gefühle von Wertlosigkeit, Einsamkeit und innerer Leere zu verdrängen oder das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung zu stillen. Die Betroffenen geraten in einen Teufelskreis, aus dem sie trotz negativer Folgen für ihr eigenes Leben und das ihres Umfeldes nicht mehr heraus können.

News.de: Welche negativen Folgen meinen Sie?

Roth: Zum Beispiel die emotionalen Folgen wie Scham- oder Schuldgefühle, Angst vor Bloßstellung oder Entdeckung, Depressionen und Selbstmordgedanken. Sexsucht hat natürlich auch Auswirkungen auf eine Partnerschaft. Wenn jemand fremd geht oder sich sexuelle Anreize aus dem Internet holt, dann kränkt das den Partner in der Regel. Vereinsamung kann auch eine Folge sein, denn viele Sexsüchtige ziehen sich zurück und vernachlässigen Freunde und Bekannte. Manche gefährden ihren Arbeitsplatz, indem sie ihre Sucht dort ausleben. Sexsüchtiges Verhalten kann darüber hinaus auch finanzielle oder gar rechtliche Konsequenzen haben, man denke nur an sexuelle Belästigung oder sexuelle Nötigung. Und schließlich setzen Sexsüchtige ihre Gesundheit aufs Spiel. Sie neigen dazu, sich beim Geschlechtsverkehr nicht zu schützen, und riskieren dabei, eine Geschlechtskrankheit zu bekommen.

Lesen Sie auf Seite 3, wie Betroffene vom Sex loskommen

News.de: Wie können Betroffene einen Weg aus der Abhängigkeit finden?

Roth: Das Ziel ist für den Betroffenen eine gesunde, wirklichkeitsnahe und - wenn eine Partnerschaft gelebt wird - beziehungsorientierte Sexualität. Um das zu erreichen, müssen Betroffene wie beim Alkoholismus von ihren sexuell süchtigen Verhaltensweisen abstinent leben. Man kann nicht den Kühlschrank voller Bier haben und trocken sein wollen. Sexsüchtigen wird eine Abstinenzphase von ein bis drei Monaten empfohlen. Um das Erreichen zu können muss er sich seiner Suchtmittel entledigen. Der eine muss dafür die Adressen von Sexkontakten löschen, der andere den privaten Internetzugang abmelden, der nächste auf seine Pornosammlung oder auf Sexspielzeug verzichten. Dies kann einen sexuellen Entzug auslösen – mit Ängsten, Selbstzweifeln, Depressionen und Wutausbrüchen. Manche schaffen dies allein mithilfe von Selbsthilfegruppen. Andere begeben sich in psychotherapeutische Behandlung und setzen sich dort mit den negativen Gefühlen und Erlebnissen auseinander, die sie vorher mit ihrer Sexsucht unterdrückt haben.

News.de: Wie sind die Erfolgsaussichten einer Therapie?

Roth: Die sind ganz gut. Vor allem dann, wenn jemand dazu bereit ist, sein Verhalten als süchtig zu erkennen. Leider gibt es in Deutschland anders als in den USA nur wenige Ärzte und Psychotherapeuten, die Erfahrung mit der Behandlung von Sexsucht haben und eine qualifizierte Therapie anbieten können. Ein Problem ist auch, dass die Krankenkassen das zwanghafte Bedürfnis nach Sex nicht als Krankheit anerkennen und dass Betroffene selbst bei Medizinern auf Unkenntnis stoßen. Einer meiner Patienten hat in einer Klinik nach Hilfe gefragt. Ein Arzt gab ihm zur Antwort: «Sexsucht gibt es doch gar nicht!».

Das Interview führte Claudia Arthen.

Kornelius Roth, geboren 1952, ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Seit 1981 beschäftigt er sich mit Sucht und Traumata, zuerst als Arzt in einer psychosomatischen Klinik, später in seiner eigenen Praxis in Bad Herrenalb, in der er sich unter anderem auf die Arbeit mit Sexsüchtigen
spezialisiert hat.
Er ist Autor des Buches «Sexsucht. Krankheit und Trauma im Verborgenen» (Christoph Links Verlag, Berlin) und Mitglied einer amerikanischen Fachgesellschaft für Sexsucht und zwanghaftes Sexualverhalten.

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