Von news.de-Redakteurin Mara Schneider
Im Juni 2002 hat die Weltgesundheitsorganisation Europa zur poliofreien Zone erklärt. Aber die Gefahr ist noch nicht gebannt, denn die Viren sind in beliebten Touristenländern noch immer sehr aktiv.
Mit dem Programm zur Polioeradikation hat die Weltgesundheitsorganisation schon 1988 die Ausrottung der Kinderlähmung auf ihre Agenda gesetzt. In vielen Ländern war die Aktion erfolgreich. 1994 erhielt Amerika als erster Kontinent das Zertifikat «poliofrei», der westpazifische Raum mit Japan und Korea folgte 2000 und auch in Europa gilt das Virus seit 2004 als ausgerottet. Der letzte bekannte Fall wurde 1998 im Süden der Türkei gemeldet. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt.
Der Global Polio Eradication Initiative zufolge erkrankten in diesem Jahr bereits mehr als 1400 Menschen an Polio (Stand: Oktober 2008). Im vergangenen Jahr betrug die Zahl der Neuinfektionen 1315. Besonders aktiv sind die Viren in Nigeria, Indien und Pakistan. «Die Gefahr, dass das Virus durch Reisende auch bei uns wieder eingeschleppt wird, ist groß», warnt Margit Glasow, Pressesprecherin des Bundesverbandes Polio. Einige Länder haben ihren Status «poliofrei» in der Vergangenheit bereits wieder verloren, weil der Erreger von außerhalb eingeschleppt wurde.
Und die Ansteckungsgefahr ist groß, da sich Poliomyelitis-Viren durch Tröpfchen- und Schmierinfektion verbreiten. Betroffene klagen zunächst vor allem über Müdigkeit, hohes Fieber und Lähmungserscheinungen, da die Viren muskelsteuernde Nervenzellen des Rückenmarks befallen. Bei einigen bleiben die Lähmungen dauerhaft bestehen, können bei ungeimpften Personen sogar zum Tod führen. Vor allem Kinder zwischen drei und acht Jahren erkranken an Polio, daher spricht man im Volksmund auch von Kinderlähmung. Die Folgen können Gelenkschäden sein, Deformation der Gliedmaßen und Wachstumsverzögerungen.
Erwachsene leiden vor allem unter den Spätfolgen, dem Post-Polio-Syndrom (PPS). «Ihre Lebensqualität nimmt enorm ab, manche landen im Rollstuhl», sagt Glasow. Zurzeit leben in Deutschland noch rund 60.000 Menschen, die vor Einführung der Impfung an Kinderlähmung erkrankten. Bis zu 40 Prozent von ihnen leiden nach Angaben des Bundesverbandes Polio heute an PPS, das Jahrzehnte nach überstandener Krankheit auftreten und sich beispielsweise durch starke Müdigkeit oder neu einsetzende Lähmungserscheinungen mit Muskelschwund und Schmerzen äußern kann.
Der einzig wirksame Schutz gegen Polio ist die Impfung. 1962 als Schluckimpfung eingeführtt, wird der Wirkstoff mittlerweile gespritzt. Die Immunisierung wird in Deutschland von der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut für alle Kinder bis zum 18. Lebensjahr empfohlen. Die erste Impfung findet normalerweise bereits im Säuglingsalter statt, sollte zwischen dem 9. und 13. Lebensjahr erstmals und dann alle zehn Jahre aufgefrischt werden.
In Gedenken an den Entdecker der Poliomyelitis-Viren, den amerikanischen Arzt und Immunologen Jonas Salk (1914-1995), wird jährlich am 28. Oktober, seinem Geburtstag, der Welt-Polio-Tag begangen. Sein 1955 in den USA zugelassener Impfstoff drängte binnen kurzem die Verbreitung der Krankheit in den USA auf ein Fünftel zurück.