Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Gesundheitsportale im Internet erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Der Klick zum Cyberdoc ist zwar gratis, aber nicht immer ohne Risiko.
Das stundenlange Sitzen im Wartezimmer entfällt, Patienten können die dümmsten Fragen stellen und haben zugleich Zugriff auf aktuelle Fachinformationen: Internet-Gesundheitsportale bieten zahlreiche Medizininformationen über Krankheiten von Alzheimer bis Zöliakie, doch sind seriöse Seiten nicht immer von unseriösen zu unterscheiden. Der Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands in Köln spricht gar von «sehr viel Schrott im Netz» und warnt vor kommerziellen Anbietern, die vor allem Arzneimittel verkaufen wollen, vor Ärzten, die Ferndiagnosen erstellen, und vor Esoterikern, die mitunter gefährliche Therapien empfehlen.
Was die Internetangebote häufig gemeinsam haben, ist die mangelhafte Qualität ihrer Inhalte. Was Patienten da im World Wide Web zu lesen bekommen, darüber sei sie «sehr unglücklich», sagt Maria Eberlein-Gonska, Vorsitzende der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung in Hamburg: «Nur in den seltensten Fällen werden die Bedürfnisse der Patienten erfüllt.»
Zu diesen Bedürfnissen gehören vor allem leicht verständliche und verlässliche Informationen, mit denen Rat suchende kranke Menschen etwas anfangen können. Meistens aber würden diese mit unzähligen Ratschlägen und Hinweisen geradezu «erschlagen», bemängelt Eberlein-Gonska. Oder aber die Informationen seien so stark vereinfacht und verallgemeinert, dass ein Patient mit seinem persönlichen, womöglich sehr spezifischen Leiden kaum noch einen Mehrwert davon habe.
Auch die Stiftung Warentest rät allen, die gesundheitlichen Rat im Internet suchen, zur Vorsicht. Die Verbraucherschutzorganisation hat im Frühjahr 14 Gesundheitsportale, die Patienten bei der Suche nach dem geeigneten Krankenhaus helfen, unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Nur drei Portale haben den Test mit «gut» bestanden: der Klinikführer der Techniker Krankenkasse (tk-online.de), der Klinik-Lotse des Verbands der Angestellten-Krankenkassen (klinik-lotse.de) und der AOK-Klinikführer (aok-klinik-konsil.de).
Qualitätsmängel in der Medizin gibt es freilich nicht erst, seitdem Gesundheitsdienstleister «online» sind. Auch beim klassischen Gespräch in der Arztpraxis oder bei der Visite am Krankenbett gibt und gab es immer schon Missverständnisse. Manche Mediziner treten derart unverständlich bis blasiert auf, dass der Patient danach nicht unbedingt schlauer ist als vorher. «Unseriosität lauert überall», sagt Hilda Bastian, Ressortleiterin Gesundheitsinformation beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln. Aber offenbar in besonders hohem Maß im Internet.
Aufgrund der schier immensen Fülle an Angeboten und Informationen zum Thema Gesundheit sei es Patienten kaum noch möglich, zwischen Seriösem und Unseriösem zu unterscheiden. Und selbst wenn manche Seiten ganz offensichtlich nichts taugen und rasch wieder weggeklickt werden, ist es gemeinhin schon zu spät: «Zuminden einen Eindruck haben sie dann beim Leser schon hinterlassen», sagt Bastian.
Im schlimmsten Fall ist der Eindruck schlicht falsch. Hinter Informationen über Krankheiten stecken laut Bastian sehr häufig Pharmaunternehmen, die Betreiber von Gesundheitsseiten im Internet mitunter saftig sponsern. Falsch kann dann schon sein, bestimmte Medikamente hervorzuheben und andere Behandlungsmethoden in den Erläuterungen zu vernachlässigen oder zu verschweigen.
Bei Portalen, die Ärzte und Kliniken bewerten, sieht es kaum besser aus. Dort bestehe die Gefahr, dass Zahlen und Daten verfälscht dargestellt werden, sagt Eberlein-Gonska und nennt als Beispiel die Rate der Krankenhausinfektionen einer Einrichtung. Ein Patient könne dort nicht die tatsächliche Qualität eines Krankenhauses beurteilen, es sei denn, er verfüge über entsprechende Fachkenntnisse. Vielleicht müsse es für Patienten künftig «Volkshochschulkurse» zum Lesen der verfügbaren Informationen geben.
Wie können Laien Qualitätsberichte also realistisch einschätzen und Gehaltvolles von Humbug unterscheiden? Ganz entscheidend ist nach Ansicht von Eberlein-Gonska, dass sich zu jeder Information ein Ansprechpartner finden und auch erreichen lässt, bei dem man bei Unklarheiten nachfragen kann und verständliche Antworten erhält. Hier hilft in der Regel ein Blick ins Impressum. Um Ratgeberseiten ohne Impressum oder Impressum ohne Kontaktadresse macht man folglich besser einen großen Bogen. Im Idealfall indes landet man beim Anruf direkt bei der Abteilung für Qualitätsmanagement, die fachkundig weiterhilft, laut Eberlein-Gonska in modernen Kliniken längst «integraler Bestandteil der ärztlichen und pflegerischen Versorgung».
Ein seriöses Gesundheitsportal erklärt auch, an wen sich die Seite wendet und mit welcher Absicht. Am Ende des Informationstextes sollten zudem ein Autor und seine Qualifikationen angegeben sein. Ein gutes Erkennungsmerkmal für Seriosität sind auch Adressensammlungen von Stellen, an die sich Betroffene wenden können. Gesundheitsinformationen im Internet, die speziell für Patienten gedacht sind, sollten darüber hinaus kostenfrei und ohne Passwortschutz angeboten werden.
Der Verbund Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem (Afgis) versucht etwas Licht in den Dschungel zu bringen: mit einem Qualitätslogo, das Portalanbieter von Gesundheitsinformationen nach Bestehen eines Prüfverfahrens erhalten. Es soll Usern zeigen, dass das Angebot geprüft und vertrauenswürdig ist. Durch Mausklick auf das Logo, das jährlich neu beantragt werden muss, gelangt man zu Hintergrundinformationen über den Anbieter, die in einer anbieterunabhängigen Datenbank von Afgis abgelegt sind. Das Prüfverfahren basiert auf international anerkannten Web-Standards und ist weltweit einmalig. Etwa 100 Organisationen wie Krankenkassen, Ärztevereinigungen und Berufsverbände sind dem vom Bundesgesundheitsministerium initiierten Verbund angeschlossen.
Und was, wenn man diesen Aufwand scheut und im Netz nur mal schnell nach Omas besten Rezepten gegen Erkältung schauen will? Schließlich macht das Stöbern auf bunten Seiten im Internet ja auch Spaß. Hilda Bastian rät, wenigstens stets ein gesundes Maß an Skepsis beim Surfen zu bewahren. Und im Zweifelsfall kann man ja immer noch seinen Arzt oder Apotheker fragen - anstatt die User «Sternschnuppe388» und «Hustenlöser» im Gesundheits-Chat.