Sa., 26.05.12

Europäischer Tag der Depression 17.10.2008 Als wäre der Lichtschalter immer aus

Professor Hegerl (Foto)
Ulrich Hegerl kennt sich aus mit Depressionen. Bild: news.de

In Deutschland nehmen sich jährlich rund 10.000 Menschen das Leben. Etwa 90 Prozent von ihnen leiden an schweren Depressionen. Soweit muss es nicht kommen, denn die Krankheit ist behandelbar, sagt Professor Ulrich Hegerl vom Kompetenznetz Depression.

news.de: Depressionen sind scheinbar zu einer Volkskrankheit geworden. Wie erklären Sie sich dasω

Hegerl: Die Krankheit ist immer schon häufig aufgetreten. Dass die Zahlen jetzt ansteigen, liegt sicher auch daran, dass sich heute mehr Menschen Hilfe holen und dass Ärzte Depressionen besser erkennen. Früher sind in solchen Fällen eher chronische Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder andere Diagnosen gestellt worden.

news.de: «Ich fühle mich depressiv» ist ein schnell daher gesagter Satz. Woran erkennt man eine richtige Depressionω

Hegerl: Es genügt nicht, nur eine depressive Verstimmung zu haben. Jeder kennt das, wenn man mal nicht gut drauf ist, das gehört zum Leben dazu. Bei einer Depression oder sogar einer schweren Depression müssen mehrere Krankheitszeichen zusammen über einen Zeitraum von mindestens 14 Tagen auftreten. Bei depressiven Menschen ist der generelle Antrieb gestört, sie haben keinen Schwung mehr, keine Energie. Schwer depressiv Erkrankte können sich teilweise nicht mehr selbst versorgen, sie essen nicht, trinken nicht, sind unfähig, Freude zu empfinden. Es ist, als wäre immer der Lichtschalter aus. Selbst positive Erlebnisse erreichen diese Menschen nicht mehr. Sie bleiben eingemauert in ihren negativen Empfindungen.

Dazu kommt häufig Schlaflosigkeit. Man liegt grübelnd im Bett, hat Schuldgefühle. Depressive Menschen geben nicht der Gesellschaft, sondern sich selbst die Schuld an ihrem Schicksal. Und man ist hoffnungslos, denkt, man kommt aus dieser Situation nicht mehr heraus, obwohl man es früher auch geschafft hat. Der Leidensdruck wird irgendwann so groß, dass viele mit dem Gedanken spielen, sich etwas anzutun.

news.de: Der heute zum fünften Mal stattfindende Europäische Depressionstag soll mit verschiedenen Aktivitäten helfen, auf das Thema Depression aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren. In der Auftaktveranstaltung vor wenigen Tagen haben Sie zum Thema Suizid referiert. Zahlen zufolge leiden 90 Prozent all jener Menschen, die sich das Leben nehmen, an Depressionen. Was kann oder vielmehr muss noch getan werden, um diese Rate zu senkenω

Hegerl: Man muss den Betroffenen Mut machen, damit sie sich auch wirklich Hilfe holen. Außerdem müssen die vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten konsequent eingesetzt werden. Das ist oft nicht der Fall. Antidepressiva zum Beispiel lösen bei vielen Ängste aus, sie könnten abhängig werden. Aber das tun sie nicht. Es sind auch keine Happy-Pillen, die high machen. Und wir brauchen mehr Forschung, damit vorhandene Behandlungsmöglichkeiten noch wirksamer werden.

news.de: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es und wie hoch ist die Chance, von einer Depression geheilt zu werdenω

Hegerl: Es gibt heute sehr gute Behandlungsmöglichkeiten mit Antidepressiva und psychotherapeutischen Verfahren. Bei der kognitiven Verhaltenstherapie geht es zum Beispiel darum, zu erkennen, wie der eigene Tag strukturiert ist. Besteht er nur aus Verpflichtungen oder hat man auch Erholungsphasen eingebautω Außerdem haben depressiv Erkrankte oft negative Gedankenroutinen wie «Ich mache alles falsch» oder «Keiner mag mich». Das läuft ganz automatisch ab und man muss lernen, diese Gedankenmuster zu verändern. Es geht auch um soziale Kompetenz, zu lernen, in wichtigen Momenten auch mal nein zu sagen. Wer unter Depressionen leidet, ist in gesunden Phasen eher leistungsorientiert und stellt dabei zu hohe Ansprüche an sich selbst. Dadurch gerät man schnell in diese Überforderung hinein.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Sie gut gelaunt durch die dunkle Jahreszeit kommen

news.de: Welche Chancen haben Menschen in solchen Situationen, ihren Job weiter auszuführenω

Hegerl: Bei einer schweren Depression ist man nicht mehr leistungsfähig, die Patienten können sich oft ja nicht mehr selbst versorgen. Wie bei anderen Krankheiten, etwa einer Grippe, werden die Betroffenen krank geschrieben und wenn die depressive Episode durch eine konsequente Behandlung wieder abklingt, sind diese Menschen auch wieder leistungs- und genussfähig.

news.de: An wen können sich Betroffene wenden, wenn sie eine Depression vermutenω

Hegerl: Oft ist der Hausarzt erster Ansprechpartner. Um diesem die Diagnose zu erleichtern, darf man aber nicht nur über körperliche Beschwerden und Schlafstörungen berichten, sondern auch über die eigene Stimmung, die Verzweiflung und finstere Gedanken, die man hat.

Oder man geht direkt zum Facharzt beziehungsweise lässt sich dahin überweisen. Das kann ein Nervenarzt oder ein Psychiater sein. Eine erste Orientierung liefert auch ein Selbsttest auf den Internet-Seiten des Kompetenznetzes Depression unter www.kompetenznetz-depression.de.

news.de: Wie hoch sind die Chancen, dass eine Depression vom Hausarzt erkannt wirdω

Hegerl: Da gibt es leider große Unterschiede. Einige Kollegen widmen sich diesem wichtigen Thema sehr intensiv, bilden sich fort und nehmen Depressionen ernst. Andere fühlen sich unwohl, wenn sie in ihrer Praxis plötzlich das Thema Selbsttötung auf dem Tisch haben. Weil sie das beunruhigt, machen sie einen großen Bogen darum. Aber die meisten Hausärzte kennen ihre Patienten gut und werden in der Lage sein, eine schwere Depression zu erkennen.

news.de: Der Herbst hat begonnen, es ist dunkel, die Tage werden kürzer. Wie kann man jetzt gedrückter Stimmung vorbeugenω

Gut ist, regelmäßig Sport zu treiben, idealerweise an der frischen Luft. Wichtig ist auch, soziale Kontakte zu pflegen und sich nicht zu sehr zurückzuziehen. Einfach ein bisschen auf sich achten, angenehme Dinge machen und sich bewusst Gutes tun sowie nicht zu lange schlafen. Das ist sicher ein gutes Rezept, um gut gelaunt durch die dunklere Jahreshälfte zu kommen.

Das Interview führte news.de-Redakteurin Mara Schneider.

Professor Ulrich Hegerl (55) ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig, Sprecher des Kompetenznetzes Depression, Suizidalität sowie Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Leserkommentare (3) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Felicitas
  • Kommentar 3
  • 13.06.2010 23:21
 Antwort auf Kommentar 2

mir weiterhelfen können oder wollen, weil zu viel Bürokratie im Wege steht, oder es keine Therapieplätze gibt. Wer wie ich nach einem Burnout einfach nur schnelle und unkomplizierte Hilfe möchte wird in der Servicewüste Deutschland sehr schnell Ernüchterung erfahren. Es scheint so, als wäre selbst in den Köpfen mancher Mediziner und vor allem der Krankenkassen nicht angekommen,dass es sich hierbei um Krankheiten handelt, die behandelt werden müssen und nicht um Lappalien, die man einfach aufschieben kann, oder würden Sie einen blutenden Menschen einfach sich selbst überlassen und wegschicken?

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  • Felicitas
  • Kommentar 2
  • 13.06.2010 23:12
 

Die Aussage, man solle sich doch Hilfe holen, bringt mich immer wieder zum schmunzeln. Wie bitte soll ein depressiver Mensch damit zurecht kommen, wenn er, meist nach langem Schweigen den Mut fast, sich an seinen Hausarzt etc. zu wenden und man dann doch nur mit einer Überweisung in der Hand da steht. Als Betroffene muss ich sagen, dass ich seit ca. einem Jahr auf einen der sehr raren Therapieplätze warte und ich mich um jede Auskunft, jeden Anruf, jedwege Organisation selbst kümmern musste. Ich habe mindestens 6 Ärzten am Telefon oder persönlich von meinen Problemen berichtet und keiner hat

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  • Kommentar 1
  • 14.08.2009 17:44
 

"Von oben herab", sehr geehrter Herr Professor, dies hilft am wenigsten bei einer Depression. "Man muß den Betroffenen Mut machen...." In einer Depression ist den meisten nicht mehr bekannt, was eigentlich Mut ist. Nein, i c h muss sehen, das ein Problem vorliegt und das schlimmste von allen Hilfen ist es, jemanden in der Depression wie ein Kind zu behandeln. Ich finde es ist richtiger, es als eine Störung anzusehen, die kurzfristig in eine Krankheit übergeht. Recht haben sie mit der Aussage, dass die Depression immer den Auslöser hat, alles richtig zu gestalten. Depressiv zu sein hat aus unserer Geschichte immer noch ein Stigma bei allen tollen Artikeln. Ich habe immer die Niederländer bewundert mit ihrem "traurigen Prinz", er war eben so in seiner Rolle. Verglichen habe ich die Depression immer mit der Szene aus dem "Boot". Einfach sich durchsacken lassen, hat den Preis das eigene Boot wieder unter Mühen flott zu machen zu müssen.

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