Sa., 26.05.12

MCS 15.10.2008 Wenn der Körper gegen Gerüche rebelliert

Wenn der Körper gegen Gerüche rebelliert. (Foto)
Für MCS-Patienten wird jeder Geruch zur Qual. Bild: dpa

Von Lore Seeger

Erschöpfung, Konzentrationsschwäche, Atemwegsprobleme. Wer dauerhaft solche Symptome verspürt, leidet vielleicht an MCS. Der Auslöser sind tägliche Umwelteinflüsse wie Parfüms, Reinigungsmittel oder auch der Geruch von Möbeln und Druckerfarbe.

Kaum jemand kann sich heute im Alltag noch Chemikalien und Duftstoffen entziehen. Zu Kosmetika und Reinigungsmitteln kommen häufig die Ausdünstungen von Bodenbelägen, Tapeten und Möbeln sowie Kopierern und Druckern.

Die meisten Menschen bemerken diesen Chemikaliencocktail nicht, doch für besonders empfindliche Menschen wird er zur Qual. Toleriert der Körper die täglichen Umwelteinflüsse nicht, können sie krank machen und zu einer mehrfachen Unverträglichkeit von Chemikalien, kurz MCS (Multiple Chemical Sensitivity), führen. Hilfe suchen viele Betroffene aus ganz Deutschland in der Umweltklinik der rund 2500 Einwohner zählenden nordfriesischen Gemeinde Breklum.

Zunächst ist es noch unbemerkt, das Holzschutzmittel oder der Teppichkleber, doch plötzlich tauchen Symptome wie Erschöpfung, Konzentrationsschwäche und Atemwegsprobleme auf. Auch teure Parfüms in edlen Flakons, die Wohlgeruch verbreiten sollen, können hochsensible Menschen in die Knie zwingen.

«MCS-Patienten fühlen sich anhaltend schlecht mit unterschiedlichen Schmerzen, die mehrere Organe betreffen können. Etwa das Herz-Kreislaufsystem, den Magen-Darm-Bereich oder die Atmung. Diese Schmerzen können so stark sein, dass sie die Erkrankten in den Suizid treiben», berichtet Eberhard Schwarz, ärztlicher Direktor der Breklumer Umweltklinik. Einige Patienten verglichen die Beschwerden mit einer schweren Grippe, andere hätten ein Gefühl, als bewegten sie sich im Nebel.

«In Deutschland reagiert fast jeder siebte Mensch mit Unverträglichkeiten auf bestimmte Dinge. Etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung und damit rund 80.000 gelten als hochsensibel», schätzt Schwarz. Verlässliche Zahlen liegen nach Aussage von Oliver Grieve, Pressesprecher des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen in Schleswig-Holstein, nicht vor. Für die Weltgesundheitsorganisation sei MCS eine unspezifische Überempfindlichkeit, erklärt Grieve.

Nach den Berichten der Umweltklinik haben viele Betroffene eine lange Odyssee hinter sich, bis ihre Chemikaliensensibilität diagnostiziert wurde. Die Patienten kämen im Durchschnitt erst nach mehr als achtjähriger Erkrankung zu ihnen. Oft würden sie als Hypochonder abgestempelt oder auch für Simulanten gehalten, denn häufig merke man diesen Menschen nicht an, wie schlecht es ihnen gehe. Schließlich sind Schwindel, Benommenheit und Konzentrationsschwäche nicht sichtbar, wie etwa ein Hautausschlag bei einer allergischen Reaktion.

Die Betroffenen stoßen bei den Mitmenschen mit der Bitte, auf Duftstoffe zu verzichten, größten Teils auf Unverständnis. Um den Symptome auslösenden Faktoren - wie beispielsweise Parfüm, Deo und Haargel - zu entgehen, geraten die Erkrankten nicht selten in die soziale Isolation. Somit zählt Schwarz die gesellschaftliche Akzeptanz zu einem Kernproblem dieser Erkrankung.

MCS sei als Krankheitsbild bekannt, als Berufskrankheit aber nur sehr schwer durchzusetzen. Die Auslöser der Symptome sind nicht immer eindeutig auszumachen. Ihre Suche kommt der Stecknadel im Heuhaufen gleich. Untersuchungen der Umweltklinik haben ergeben, dass es überwiegend umweltmedizinisch relevante Einflüsse waren, unter denen diese Menschen litten. «Oft waren die Patienten langfristig einer niedrigen Belastung beispielsweise von Holzschutzmitteln im eigenen Haus, Lösungsmitteln am Arbeitsplatz, Schimmelpilzen oder Zahnfüllungen ausgesetzt», sagt Schwarz.

Bei der Behandlung geht es zunächst darum, die verursachenden Stoffe so weit wie möglich zu meiden. Das therapeutische Konzept wird auf den Körper und die Psyche abgestimmt und stärkt die soziale Kompetenz des Patienten. Ziel ist es, die Erkrankten so weit zu stabilisieren, dass sie den Alltag wieder bewältigen und in den Beruf zurückkehren können. Die Klinik in Breklum-Riddorf hat seit 20 Jahren Erfahrung in der Umweltmedizin. Sie gehört zu den Fachkliniken Nordfriesland und verfügt über eine Ambulanz, eine stationäre Abteilung und einen Rehabilitationsbereich. Derzeit laufen Überlegungen für den Aufbau eines Instituts zur Erforschung dieser komplizierten und noch Rätsel aufgebenden Erkrankung.

car/news.de/dpa
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