Sa., 26.05.12

Alzheimer 10.10.2008 «Es gibt ein Leben nach der Diagnose»

Von News.de-Redakteurin Claudia Arthen

Zuerst wollte Christian Zimmermann nicht wahrhaben, dass etwas nicht stimmte. Er arbeitete ungenau, machte Fehler. Nach zwei Zusammenbrüchen und ausführlichen Untersuchungen dann die Diagnose: Alzheimer – im Alter von 56 Jahren.

«Ich war wie gelähmt», sagt Christian Zimmermann. «Mir kam es so vor, als habe jemand mein Hirn ausgeschaltet.» Lange habe es gedauert, bis er die Krankheit akzeptiert habe. «Es schmerzt ja nicht, aber das Wissen, dass man es nicht aufhalten kann, ist das Schlimmste», berichtet der Unternehmer über die zwei Jahre zurückliegenden Erlebnisse.

Der Münchner teilt das Schicksal Alzheimer mit rund 660.000 Menschen in Deutschland. Alzheimer ist eine Demenz-Erkrankung, die schleichend beginnt. Die ersten Symptome sind Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit. Betroffene finden beispielsweise den Weg vom Bäcker nach Hause nicht mehr. Sie verlieren nach und nach ihr Gedächtnis, die Worte gehen ihnen aus, Erinnerungen werden gelöscht.

Nach Angaben der Vorsitzenden der Alzheimer-Gesellschaft, Heike von Lützau-Hohlbein, rollt eine riesige Lawine von Alzheimer-Kranken auf die Gesellschaft zu. Jährlich erkranken 200.000 bis 250.000 Menschen neu an Demenz, zu der auch die Vaskuläre Demenz in Folge von Durchblutungsstörungen des Gehirns gehört. Aufgrund der hohen Lebenserwartung ist bis 2050 mit 2,6 Millionen Kranken zu rechnen. Derzeit sind es 1,1 Millionen. Von Lützau-Hohlbein beklagt, dass «wir uns oft nur auf die späte Phase der Krankheit konzentrieren». Aber es gebe eine lange Zeit davor. Wenn die Diagnose frühzeitig gestellt werde, könnten die Betroffenen noch lange ein relativ normales Leben führen. «Dazu können Medikamente beitragen, aber ganz wesentlich sind auch soziale Teilhabe und Unterstützung», sagt die Vorsitzende der Selbsthilfeorganisation.

Christian Zimmermann hat der Rückhalt seiner Familie sehr geholfen. Noch befindet er sich im Frühstadium der Krankheit, kann den Alltag einigermaßen selbstständig bewältigen. Freunde und Bekannte wissen, dass er Alzheimer hat. «Vergesse ich zum Beispiel meine Geldbörse oder die Einkäufe im Supermarkt, trägt die Verkäuferin sie mir hinterher», erzählt er. In seine Spiegelbau-Firma, die inzwischen von Frau und Tochter geleitet wird, geht er nur noch zu Besuch. Einmal hätten drei Mitarbeiter ratlos vor einer Aufgabe gestanden, da sei er dazugekommen und habe gesagt: «Das macht ihr jetzt so und so». Da hätten sie gestaunt, wie er Wissen aus seinem Langzeitgedächtnis herübergerettet und damit für den Fortgang der Arbeit gesorgt habe. «Ich bin noch wer. Ich kann noch was», habe er damals gedacht.

Wie Christian Zimmermann werden zwei Drittel der Erkrankten von ihren Angehörigen betreut – häufig bis zur Selbstaufgabe und ohne Unterstützung. Christel Bienstein, Wegbereiterin der universitären Pflegeausbildung in Deutschland und Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke, beklagt eine unzureichende Versorgung Demenzkranker auf dem Land. Hilfsangebote fehlten ebenso wie Tagespflegeplätze, Fachärzte oder Beratungsstellen. Und in den Altenheimen sei das Personal überfordert. An den Nachmittagen müssten vielerorts im Schnitt zwei Pfleger 25 Betroffene betreuen, schildert Bienstein. Das sei nicht einmal ausreichend zur Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Alzheimer entsteht

Auch mehr als 100 Jahre nachdem Alois Alzheimer als erster die Symptome als eigenes Krankheitsbild beschrieb, sind Demenzerkrankungen nicht heilbar. Dem Neurologen waren verräterische Eiweißablagerungen – Plaques – im Gehirn einer verstorbenen Patientin aufgefallen. «Bei Alzheimer-Patienten schrumpft das Gehirn, es vertrocknet regelrecht», erklärt der Münchner Molekularbiologe Christian Haass. Auslöser der unheilvollen Kaskade, die Schritt für Schritt zum Absterben der Nervenzellen führt, ist ein kleines, klebriges und giftiges Eiweiß, das Beta-Amyloid, das sich im Hirn der Patienten verklumpt und Plaques bildet.

Die derzeitigen Behandlungsstrategien setzten an der Endstrecke der Krankheit an, erläutert der Münchner Arzt und Forscher Alexander Kurz. Neue therapeutische Prinzipien versuchten nun, früher in den Prozess des allmählichen Nervenzelluntergangs durch die Plaques einzugreifen. Aber nach Ansicht von Kurz wird die Entwicklung neuer, wirksamerer Arzneimittel noch einige Jahre dauern. «Wir brauchen eine Behandlung, die die Krankheit an der Wurzel packt», sagt Christian Haass. Die derzeitigen Therapien im Kampf gegen das Vergessen seien nur begrenzt wirksam. Sie zögerten das Fortschreiten von Alzheimer zwar hinaus, könnten den Krankheitsverlauf aber nicht stoppen. Diese Therapiemöglichkeiten sollten dennoch unbedingt genutzt werden, möglichst in Verbindung mit geistigem Training und körperlicher Aktivität, rät der Experte.

Erst kürzlich war bekannt geworden, dass Forscher aus Halle einen Wirkstoff entwickelt haben, der das Entstehen der Eiweißablagerungen in den Gehirnzellen fast vollständig unterbinden soll. Im Tiermodell sind mit dieser Methode bereits Erfolge erzieht worden. Haass gibt jedoch zu bedenken, dass noch viele Frage offen sind. In der Vergangenheit seien schon viele Studien mit erfolgversprechenden Substanzen abgebrochen worden, weil bei einem Teil der Patienten erhebliche Nebenwirkungen aufgetreten seien. Gemeint sind unter anderem die Schutzimpfungen gegen Alzheimer, die 2006 an Probanden getestet wurden – mit ernüchterndem Ergebnis: 18 der 372 Patienten erkrankten plötzlich an Hirnhautentzündung.

Im Durchschnitt dauert eine Alzheimer-Erkrankung sieben Jahre. Im Endstadium können viele Patienten nicht mehr kauen und schlucken und sind bettlägrig. Der Tod tritt aufgrund von Atmungsproblemen oder Infektionen ein.

Christian Zimmermann verdrängt Gedanken an das grausame Ende seiner Erkrankung. Er versucht, die positiven Seiten zu sehen. «Es gibt auch ein Leben nach der Diagnose Alzheimer» sagt er. Er plane bereits den Urlaub im nächsten Jahr und spiele jetzt Theater, wozu er früher zu schüchtern gewesen sei. Wenn er nur stöhnen und darauf warten würde, bis wirksame Medikamente auf dem Markt seien, wäre viel Lebenszeit vergeudet. «Das ist meine Zeit, und ich mach es mir schön, so lange wie möglich. Ich brauche durch diese Krankheit vor nichts auf der Welt mehr Angst zu haben.»

Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • helmut gronau
  • Kommentar 1
  • 03.04.2011 15:30
 

Wenn ich an einem anstrengenden Tag nicht genug Flüssigkeitszufuhr habe,kann dann auch eine Demenzerkrankung zum Ausbruch kommen?Ich hatte starke Kopfschmerzen ,konnte mich nicht mehr an gewisse Daten erinnern(welches Jahr,welcher Tag,Geburtstage,Uhrzeit).Das war um ca23uhr.Die Erinnerung kam im Laufe des nächsten Tages wieder zurück.Laut Diagnose war es kein Schlaganfall,aber auch keine Demenz.Trotzdem habe ich des öfftern Kurtzzeit Gedächnislücken.

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