Viele Kinder leiden an einem gestörten Essverhalten und stopfen aus Frust immer mehr in sich rein. news.de sprach mit Ernährungsberaterin Karin Wagner über die Folgen von Übergewicht und über die Möglichkeiten, Kinder für gesundes Essen zu begeistern.
news.de: Frau Wagner, warum sind unsere Kinder zu dick?
Wagner: Meist kommen mehrere Ursachen zusammen, zum Beispiel falsche Ernährung und vor allem zu wenig Bewegung. Die Kinder sitzen lieber vor dem Computer und dem Fernseher als draußen zu spielen. Meist beginnt die kritische Phase, wenn sie in die Grundschule kommen. In der Kindertagesstätte oder im Kindergarten ist Toben angesagt, in der Schule sitzen die Kinder fast den ganzen Vormittag. Hinzu kommt, dass in vielen Städten nicht genügend Bewegungsmöglichleiten angeboten werden. Dazu zählen Grünanlagen, ein geringes Angebot an Spielflächen am Wohnort, aber auch sichere Fahrradwege, auf denen die Kinder mit ihrem Rad gefahrlos zur Schule fahren können. Des Weiteren spielt auch die Werbung eine Rolle. Viele Lebensmittel die für Kinder beworben werden enthalten viel Zucker und/oder Fett.
news.de: Ab wann gilt ein Kind als zu dick?
Wagner: Um das festzustellen, zieht man wie bei den Erwachsenen auch bei Kindern den Body Mass Index (BMI) zu Rate: Körperwicht in Kilogramm geteilt durch Körperlänge zum Quadrat. Aber anders als bei Erwachsenen wird der BMI bei Kindern und Jugendlichen nach alters- und geschlechtsspezifischen Perzentilen beurteilt. Am Ergebnis kann man dann ablesen, ob ein Kind normalgewichtig, übergewichtig oder fettleibig (adipös) ist. Liegt der Wert unterhalb der 90. Perzentile, ist ein Kind normalgewichtig, liegt es zwischen der 90. und 97. Perzentile, spricht man von Übergewicht. Und ab der 97. Perzentile liegt Adipositas vor. Unter www.mybmi.de können die Ausgangswerte - Größe, Gewicht, Alter und Geschlecht - eingegeben werden, wodurch sofort der BMI und die Perzentile berechnet wird.
news.de: Ab wann sollten Eltern alarmiert sein und professionelle Hilfe für ihr Kind aufsuchen?
Wagner: Eltern von Kleinkindern sollten die regelmäßigen Untersuchungen bei den Kinderärzten auf jeden Fall nutzen und im Verdachtsfall nachfragen, ob ihr Kind normal- oder übergewichtig ist. Problematisch ist allerdings, dass vielen Eltern gar nicht bewusst ist, dass ihr Kind übergewichtig ist. Sie halten das Gewicht ihres Kindes für normal und sind dann erstaunt, wenn sie vom Kinderarzt auf das Übergewicht ihres Kindes aufmerksam gemacht werden.
news.de: Sind dicke Kinder ein Symptom dafür, dass mit unserer Gesellschaft grundsätzlich etwas schief läuft?
Wagner: Es hilft wenig, über Schuldzuweisung zu sprechen. Wir alle müssen uns unserer Vorbildfunktion bewusst werden. Vor allem natürlich die Eltern, die oftmals ihren Lebensstil, ihr Ess- und Bewegungsverhalten mit verändern müssen, um ihr übergewichtiges Kind dauerhaft zu helfen. Je jünger die Kinder sind, desto mehr sind sie darauf angewiesen, was die Mutter einkauft und kocht. Auch im Freizeitverhalten sollten die Eltern als Vorbild fungieren. Es ist einfacher, einem Kind einen Fernseher ins Zimmer zu stellen als gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen. Neben den Eltern spielt auch das nähere Umfeld - die Erzieher, Lehrer, aber auch die Lebensmittelindustrie und die Medien - eine Rolle. Je mehr wir alle an einem Strang ziehen, desto mehr können wir erreichen. Das ist vor allem deshalb so wichtig, weil Übergewicht auch gesundheitliche Konsequenzen hat.
news.de: ... die bereits im Kindesalter zu spüren sind.
Wagner: Das stimmt. Übergewichtige Kinder kommen nicht nur schneller außer Puste. Sie entwickeln auch häufiger Erkrankungen, die normalerweise erst bei Erwachsenen auftreten. Dazu zählen erhöhte Cholesterinwerte, die Fettleber, der Bluthochdruck, Gelenkprobleme aber auch der Diabetes-Typ II, der so genannte Alters-Diabetes. Hinzu kommt, dass dicke Kinder gehänselt werden, weniger Selbstbewusstsein und Kontaktschwierigkeiten haben. Im Schulsport werden sie bei Mannschaftssportarten als letzte gewählt, und diesen Frust gleichen sie oft wieder mit Essen aus – leider mit zu fettem und zu zuckerhaltigem Essen.
news.de: Wie bekommt man Kinder dazu, weniger und so gesunde Sachen wie Salat, Gemüse und Obst zu essen?
Wagner: Indem man in erster Linie selber auf diese Lebensmittel zurückgreift und Obst und Gemüse immer wieder, in verschiedenen Variationen anbietet. Eltern können zudem, mit ihren Kindern einen Geschmackswettbewerb zu machen. Dabei werden den Kindern die Augen verbunden, und sie müssen raten, welches Gemüse sie gerade essen: Zucchini, Möhren oder Brokkoli. Viel Spaß macht auch gemeinsames Kochen. Den Kindern schmeckt es einfach besser, wenn sie beim Zubereiten geholfen haben. Im Übrigen geht es nicht darum, den Kindern das geliebte Fastfood zu verbieten oder sie zu zwingen, weniger zu essen. Auch ein Hamburger ist durchaus erlaubt, wenn er statt mit Pommes mit einem Salat kombiniert wird. Kinder sollten vielmehr dazu gebracht werden, anders und abwechslungsreicher zu essen. Und die Erwachsenen sollten es ihnen vormachen.
news.de: Wie würden Sie einen Essensplan für einen Tag zusammenstellen?
Wagner: Zum Frühstück empfehle ich etwas braunes, weißes und buntes aufzutischen. Dabei steht Braun für Müsli und Getreideprodukte wie Mischbrot – bitte kein Sandwich- oder Weißbrot, Weiß für Milch und Milchprodukte wie Milch, Kakao und Joghurt. Und Bunt für Bananen, Tomaten und Gurken, mit denen das Frühstücksbrot belegt werden kann. Mittags lässt sich prima wechseln zwischen Fleisch, Fisch und z.B. einem Gemüseauflauf oder einer selbst belegten Pizza, natürlich mit gekochten Schinken belegt anstelle von Salami. Und abends eignen sich Salate und selbst gemachte Gemüsestreifen mit Dips, um das Brot farbenfroher zu gestalten.
Das Interview führte Claudia Arthen
Die Düsseldorfer Ernährungsberaterin Karin Wagner ist Fachfrau für Adipositas (Fettsucht) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Mehr Infos: www.ernaehrung-wagner.de