Von news.de-Redakteurin Mara Schneider
Anne Scheidereiter leidet an einer schweren Form von Epilepsie. Jeder Anfall könnte für die 18-Jährige tödlich sein. Doch die bisher lebensnotwendige 24-Stunden-Überwachung durch die Eltern hat ein Ende, seit Hündin Bea ins Leben der Familie getreten ist.
Bea ist ein Epilepsiehund. Ähnlich wie für Blinde werden die Vierbeiner seit wenigen Jahren auch für Epileptiker ausgebildet. Kanadische Neurologen haben 2003 herausgefunden, dass 15 Prozent aller Hunde, die mit einem Betroffenen zusammenleben, dessen Anfälle erahnen können – teilweise mehrere Stunden im Voraus – ohne jemals darauf trainiert worden zu sein. Befragt wurden am Alberta Children's Hospital in Calgary 60 Familien mit epileptischen Kindern, in deren Haushalt auch Hunde lebten. Die Tiere machten ihre kleinen Patienten demnach oft durch häufiges Lecken oder Winseln auf einen drohenden Anfall aufmerksam oder bewahrten sie vor Verletzungen, indem sie sie etwa daran hinderten, eine Treppe hinunter zu steigen. Es gab keinen einzigen Fehlalarm.
Anne Scheidereiter aus Etelsen bei Bremen hatte im Alter von sechs Monaten ihren ersten Anfall. Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Form der frühkindlichen Epilepsie. Seitdem hat die heute 18-Jährige mehrere Anfälle täglich. Sie läuft blau an, beginnt stark zu zucken, oft klappt ihr ganzer Körper zusammen und sie bekommt kaum noch Luft. Manchmal kommen diese Anfälle so plötzlich, dass die Eltern Mona und Jens Scheidereiter ihre Tochter in den vergangenen Jahren buchstäblich keine Sekunde aus den Augen lassen konnten. Annes eineiige Zwillingsschwester Sophie, die ebenfalls an Epilepsie litt, starb als Vierjährige während eines Anfalls. Danach saß Anne häufig vor dem Spiegel, merkte offenbar, da fehlt jemand. Die Sorge, dass auch bei ihr ein Anfall tödlich endet, ist groß.
Dennoch war für Jens und Mona Scheidereiter schnell klar, dass ihre Tochter nicht allein bleiben sollte. Zwar stellten die Ärzte bei Sophies Obduktion fest, dass die Epilepsie vererbbar war. «Aber es hieß damals, die Wahrscheinlichkeit, dass es ein weiteres Kind trifft, sei gering», erinnert sich Mutter Mona. «Von außen betrachtet haben wir sicher russisches Roulette gespielt, aber es war für uns auch eine Form der Trauerverarbeitung. Und wir hatten riesiges Glück.» Sowohl Pia, die ein Jahr nach Sophies Tod geboren wurde, als auch Emma zeigten keine Anzeichen der Krankheit.
«Anne lebt nun schon länger, als uns die Ärzte damals vorhergesagt haben», erzählt Mona Scheidereiter weiter. Ihre Tochter hat aufgrund der vielen Anfälle allerdings extreme Entwicklungsdefizite, ist sprachlich auf dem Niveau einer Zweijährigen und muss je nach Tagesform im Rollstuhl sitzen. Die Möglichkeiten der Schulmedizin sind mittlerweile ausgereift. «Wir haben viel versucht. Anne hat sogar einen Hirnschrittmacher, dadurch hatten wir neue Hoffnung geschöpft. Aber jetzt geht nichts mehr, auch die Medikamente helfen nur noch bedingt», erklärt die Mutter. Doch es gab vor wenigen Jahren einen Lichtblick im Leben der Familie – der kam auf vier Pfoten daher und hieß Bea. Mittlerweile ist die Labradorhündin vier Jahre alt.
«Seit Bea bei uns ist, ist Anne freier geworden. Sie kann uns jetzt auch mal wegschicken, allein sein. Das genießt sie richtig. Und wir können wieder durchschlafen. Das ging früher nicht, weil die Anfälle oft auch nachts auftreten», sagt Mona Scheidereiter. Obwohl Anne beim Schlafen an einen Herz-Atem-Monitor angeschlossen ist, sind ihre Anfälle nicht immer hörbar. Tritt einer auf, beginnt Beas Job. Sie verständigt die Familie mit lautem Gebell, stupst den Lichtschalter an, schnappt sich die Tupperdose mit den Medikamenten, die Annes Leiden lindern und wartet, bis ihre Eltern oder die Geschwister zur Stelle sind.
Muss die 18-Jährige tagsüber im Rollstuhl sitzen, bringt Bea heruntergefallene Sachen wie Trinkflaschen oder Taschentücher zurück zu der Jugendlichen. «Apportieren ist die Lieblingsaufgabe von Bea», berichtet Mona Scheidereiter. Das sei bei vielen Labradorhunden so. Dennoch dauerte es lange, bis das Zurückholen von Gegenständen oder das Ein- und Ausschalten des Lichtes bei dem Vierbeiner in Fleisch und Blut übergegangen waren. Drei Jahre trainierte die Familie täglich. «Ganz wichtig am Anfang war, dass Bea die Anfälle von Anne toleriert und nicht erschreckt wegrennt», erklärt die Mutter. Auch der Beschützerinstinkt durfte nicht so intensiv sein, dass die Hündin im Falle eines Anfalls niemanden mehr an das Mädchen heran ließ. «Die Anfälle müssen für das Tier etwas ganz Tolles sein», fasst Mona Scheidereiter das Ziel der Ausbildung zusammen.
Ist die Hündin engagiert und macht, was die Scheidereiters von ihr erwarten, gibt es hinterher eine Belohnung. Dafür stehen im Haus der Scheidereiters überall Dosen mit Leckerlies. Auch Anne trägt einen Beutel mit Hundesnacks bei sich. Wann Bea davon jedoch etwas bekommt, entscheidet die 18-Jährige selbst. «Anne ist seit jeher sehr distanziert, was Bea betrifft, ignoriert sie meistens, läuft auch mal einfach an ihr vorbei», erzählt Mutter Mona. Dieses Verhalten sei aber genau richtig, auch wenn es für normale Menschen schwer nachvollziehbar ist. «Je weniger Anne mit dem Hund kommuniziert, desto aufmerksamer ist er und lernt, die Belohnungen noch mehr wertzuschätzen», erklärt sie.
Nicht immer verlief in den vergangenen Jahren alles nach Plan. «Wir haben Bea als Welpen zu uns geholt. Als sie später in die Pubertät kam, hat sie alles gemacht, nur nicht das, was sie sollte», erinnert sich die Mutter. Auch die beiden jüngeren Kinder Pia (13) und Emma (10) stellten zunächst ein Problem dar, wollten viel mit dem neuen Haustier spielen und schmusen. Bea aber musste Anne als primären Bezugspunkt anerkennen. Selbst das Bellen, um die Familie zu alarmieren, fiel der Hündin zunächst schwer, denn Labradore geben von Natur aus seltener Laut als andere Rassen. So bellte die Familie dem Vierbeiner in der Anfangsphase häufig etwas vor – jedes Wuff im Gegenzug war ein Erfolgserlebnis.
Mittlerweile ist Beas Ausbildung zum Epilepsiehund abgeschlossen. Rund 12.000 Euro hat die Familie in Anschaffung, Training, Hundeschule und Zubehör investiert. Von der Krankenkasse gab es keine Unterstützung. «Wir haben alles mögliche eingereicht, aber da Anne nicht blind ist und auch nicht dauerhaft im Rollstuhl sitzt, wurde uns finanzielle Förderung verweigert», berichtet Mona Scheidereiter. Hilfe kam lediglich von der Gemeinde, die Bea von der Hundesteuer befreit hat.
Da die Scheidereiters deutschlandweit zu den wenigen Familien zählen, die sich einen Epilepsiehund zulegt haben, gibt es mittlerweile zahlreiche Anfragen von Menschen mit ähnlichem Vorhaben. «Wenn wir ihnen dann aber erzählen, dass die Ausbildung tagtägliche Arbeit erfordert, sind viele abgeschreckt. Die meisten denken, sie holen sich einfach einen Hund und dann wird alles besser. Damit setzen sie aber viel zu viel voraus», weiß Mutter Mona. Sie geht nach wie vor ein- bis zweimal wöchentlich mit Bea in die Hundeschule und übt auch daheim täglich mit dem Vierbeiner, damit dieser nicht «den Spaß verliert».