Von Laura Vöhringer
Wenn ein Musiker samt Cello im Wartezimmer sitzt, ist das für Ärztin Anke Steinmetz ein normaler Anblick. Ihr Patient wird ihr sogar etwas vorspielen. Doch es geht nicht um den Musikgenuss, sondern um seine schmerzende Rückenmuskulatur.
Am Institut für Musikermedizin Berlin-Brandenburg helfen Mediziner Profi-Musikern, die durch ihren Beruf schmerzhafte Gesundheitsprobleme bekommen haben: vom Muskelschmerz bis zum Bandscheibenvorfall. Institutsleiter Anke Steinmetz vergleicht deren körperliche Belastung gern mit Leistungssport. Muskeln und Sehnen werden oft sehr einseitig beansprucht. «Deshalb brauchen Musiker eine besondere ärztliche Behandlung», sagt die 37-Jährige.
Steinmetz weiß, wovon sie spricht. Sie hat selbst Geige studiert - und Medizin. Lange Zeit war sie sich nicht sicher, ob sie auf Dauer in der Medizin arbeiten will. Heute kann sie beides verbinden. Und für Musiker ist es wichtig, dass die Ärztin versteht, wovon sie sprechen.
Der 39 Jahre alte Cellist im Sprechzimmer spielt seit seinem fünften Lebensjahr. Anfang Februar stand er vor einem wichtigen Konzert. Doch plötzlich streikte sein Körper. Es fing mit Rückenschmerzen an, dann konnte er seinen linken Arm nicht mehr richtig bewegen. Telefonieren oder Kaffeetasse anheben - nichts ging mehr.
«Das Cello» ist ein typischer Fall für Anke Steinmetz. Bei einer Überbeanspruchung können Rückenmuskeln verkrampfen und Bewegungen zur Qual werden. Viele Musiker werden aber erst durch heftige Schmerzen auf die Überlastung oder Fehlhaltung aufmerksam. Bei Streichern ist meist die Halswirbelsäule betroffen. Klavierspieler und Gitarristen können ihre Fingerbewegungen nicht mehr gezielt steuern und Bläser bekommen Probleme mit der Mundmuskulatur. Auch Lampenfieber und Aufführungsangst seien nicht selten.
Musikern mit Gesundheitsproblemen sitzt schnell die Existenzangst im Nacken. Chronische Schmerzen können im schlimmsten Fall Berufsunfähigkeit bedeuten. Deshalb seien Musiker bei Therapien besonders motiviert, habe die Ärztin die Erfahrung gemacht.
Der Bedarf an Fachbetreuung ist groß. In Deutschland gibt es nach Angaben der Deutschen Orchestervereinigung mehr als 10.000 Musiker allein im Orchesterbetrieb. Neben bekannten Zentren für Musikermedizin in Hannover und Dresden bieten Spezialeinrichtungen in München, Berlin, Frankfurt und Freiburg ihre Dienste an. Meistens sind sie an Musikhochschulen angesiedelt.
In Vorlesungen wird versucht, sowohl bei Musik- als auch bei Medizinstudenten, das Bewusstsein für Gesundheitsprobleme von Musikern zu schärfen. «Vorsorge ist wichtig», sagt Anke Steinmetz. Der Grundstock werde bereits in der Kindheit gelegt. Wer nicht auf eine körpergerechte Haltung beim Spielen und die passende Instrumentengröße achte, könne später unangenehme Folgen spüren.
Beim Cellisten hatte die Behandlung bereits Erfolg. Sein Arm hat sich durch Ruhephasen, Physiotherapie und Muskelaufbau so gut erholt, dass er wieder spielen kann. Ein Biofeedbackgerät, das die Muskelspannung misst, verrät ihm, wenn er zu sehr verkrampft. Das Gerät piept dann schrill.
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