Die Zukunft des Operierens Heilen mit Roboterhand

Da Vinci im Einsatz: Der operierende Arzt sitzt scheinbar teilnahmslos neben dem OP-Tisch. (Foto)
Da Vinci im Einsatz: Der operierende Arzt sitzt scheinbar teilnahmslos neben dem OP-Tisch. Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Wenn eine verrückte Idee alles auf den Kopf stellt, kann nur das US-Militär dahinterstecken. Oder Da Vinci. Nein, es geht nicht ums Internet, sondern um Medizin. Roboter Da Vinci sollte Soldaten von der Heimat aus operieren. Nun ist er zivil im Einsatz.

Er heißt Da Vinci, ist aber nicht mit dem berühmten Leonardo verwandt. Aber der legendäre Erfinder, Künstler und Mediziner hätte den heutigen Da Vinci mit Sicherheit erfunden. Es handelt sich um einen OP-Roboter, der sozusagen durchs Schlüsselloch operiert. Minimalinvasiv, nennt das die Medizin.

Da es in der Zeit von Leonardo Da Vinci (1452 bis 1519) zu früh für einen OP-Roboter war, haben die Amerikaner vor etwa 20 Jahren den technischen Da Vinci erfunden, genau genommen das US-Militär. Der Roboter war ursprünglich dazu auserkoren, Soldaten im Kampfgebiet ferngesteuert von der Heimat aus zu operieren.

Auch die amerikanische Weltraumbehörde Nasa hatte damals bei der Entwicklung mitgewirkt. Deren Ziel war es, Astronauten auf langen Weltraumflügen von Experten auf der Erde aus operieren zu können. Beide Projekte sind jedoch gescheitert. Weder das Militär noch die Nasa haben das Problem der Zeitverzögerung bei der Signalübertragung lösen können.

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Aber wie so oft kommen die milliardenschweren Forschungsausgaben des Militärs irgendwann der Zivilgesellschaft zugute, und so war es auch dieses Mal. Seit Anfang des Jahrtausends erobert Da Vinci die Krankenhäuser weltweit, und das trotz seines staatlichen Preises von 1,8 Millionen Euro.

In Deutschland gibt es etwa 30 Kliniken mit einem Da Vinci, Tendenz steigend. Die Uniklinik Dresden hat sich ihren OP-Roboter vor drei Jahren zugelegt. Vor allem die Urologen operieren mit dem Gerät zwei bis drei Mal pro Woche, mittlerweile haben auch die Gynäkologen Gefallen an Da Vinci gefunden.

Vor jeder OP wird Da Vinci über den Patienten geschoben und die Instrumente an die Roboterarme montiert. Anschließend wird der Roboter wie bei einer laparoskopischen Operation, bekannt als Schlüssellochchirurgie, in den Bauchraum des Patienten eingeführt. Der Operateur sitzt daneben an einer Steuerkonsole und blick auf einen Monitor, der ein dreidimensionales Bild liefert. «Man sitzt quasi im Bauch des Patienten und kann alles sehr exakt operieren», erklärt der Chefarzt der Urologie, Professor Manfred Wirth.

Die Bewegungen des Arztes werden in einer Relation von 5 zu 1 umgesetzt. Die Instrumente lassen sich dadurch ganz präzise führen, minimales Zittern der Hände wird nicht übertragen. Nach der Operation bleiben wie bei der herkömmlichen laparoskopischen OP nur winzige Narben zurück.

Da Vinci eigne sich bei vielen Operationen mit engen Platzverhältnissen, sagt Manfred Wirth. Die Instrumente bei einer Roboter-OP seien viel flexibler als die Instrumente der Schlüssellochchirurgie und ließen sich steuern wie eine Hand. «Im Gegensatz zu normalen Instrumenten hat man sieben Freiheitsgraden, man kann alles besser umfahren», erklärt Wirth. Aus diesem Gründen ist er der Meinung, dass die Roboter-OP in den nächsten Jahren die laparoskopische Operationsmethode verdrängen werde.

Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. In den USA werden bereits 70 Prozent aller Prostatakrebs-Operationen mit Da Vinci ausgeführt, bei weniger als einem Prozent wird noch die Schlüssellochchirurgie angewandt. Der Rest sind offene Operationen.

Nachteile sind die hohen Kosten. Eine OP mit Da Vinci koste etwa 2500 Euro zusätzlich, sagt Dr. Marc-Olliver Grimm, Facharzt für Urologie am Uniklinikum. Das liege an den hohen Preisen für die Instrumente. Patienten könnten selbst entscheiden, ob sie eine OP mit Da Vinci wünschen oder lieber eine der herkömmlichen OP-Methoden. Die Mehrkosten gebe das Krankenhaus aber nicht an die Patienten weiter, wie es teilweise in anderen Kliniken der Fall sei, sagt Grimm. Letztlich bleibe die Klinik somit auf den Mehrkosten sitzen. Denn auch die Krankenkassen hätten sich bisher verweigert, sie zu übernehmen.

Die Technologie des heutigen Da Vinci wird ständig weiterentwickelt. Der amerikanische Hersteller Intuitive Surgical arbeitet gerade an einer Technologie, mit der der Arzt in der Lage sein soll, die Festigkeit und Flexibilität von Gewebe zu ertasten. In Fachkreisen wird sogar darüber spekuliert, dass China an einer Da-Vinci-Kopie bastelt. Dieser soll auch die ferngesteuerte OP beherrschen.

car/iwi/news.de

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