Von Mascha Brichta
Die meisten Rückenschmerzen sind bedingt durch die Bandscheibe. Bei einem Vorfall raten die Ärzte meist zu einer Operation. Doch in vielen Fällen besteht kein Grund zur Panik: Der Körper heilt sich selbst.
Es traf sie heftig und unerwartet: Als die 38-jährige Elke Kaufer aus Dresden im vergangenen Jahr ihren Sohn hochheben wollte, schoss ihr ein stechender Schmerz in den Rücken.
«Es war furchtbar, ich konnte mich kaum noch bewegen», erinnert sie sich. Ihr Hausarzt tippte auf einen Bandscheibenvorfall und überwies sie zum Radiologen. Dieser bestätigte nach Aufnahmen mit Computer- und Magnetresonanz-Tomographen einen Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule.
Rückenschmerzen gelten in Deutschland als Volkskrankheit: «80 Prozent aller Deutschen sind wegen eines Rückenleidens mindestens einmal im Leben in Therapie», sagt der Orthopäde Martin Marianowicz aus München, Vorsitzender der deutschen Sektion des World Institut of Pain mit Sitz im US-Bundesstaat Texas. Allerdings können die Schmerzen viele Ursachen haben. Ein Bandscheibenvorfall sei eher die Ausnahme. «Nur in zehn Prozent der Fälle ist ein Vorfall für die Beschwerden verantwortlich.» Daher sei eine sorgfältige Diagnostik und exakte Schmerzbestimmung wichtig.
Grundsätzlich ist die Wirbelsäule sehr belastbar und hält selbst großem Druck stand. Das gilt auch für die 23 Bandscheiben. Diese faserknorpeligen Verbindungen zwischen den einzelnen Wirbelkörpern dienen der Stoßdämpfung. Im Laufe des Lebens nutzen sie sich aber ab. Der Faserring, der jede einzelne Bandscheibe umgibt, kann brüchig werden, ähnlich wie bei einem Fahrradschlauch. Bei einem Bandscheibenvorfall reißt der Ring und entlässt seinen gallertartigen Kern in das umgebende Gewebe: Die Bandscheibe «fällt vor».
«Ein Bandscheibenvorfall ist eine ganz normale Verschleißerscheinung unserer Wirbelsäule, die man bei fast jedem Über-30-Jährigen nachweisen kann», sagt Nils Graf Stenbock-Fermor, Vorsitzender des Deutschen Orthopäden-Verbandes in Köln. Doch nicht jeder Vorfall verursacht Schmerzen: «Es kommt darauf an, wohin der Kern rutscht», erläutert Stenbock-Fermor. Wenn ein Nerv bedrängt wird oder der Vorfall gegen das Rückenmark drückt, könne dies heftige Beschwerden verursachen. Später sind auch Rücken- und Beinschmerzen möglich, die durch den Druck auf die Nervenwurzel entstehen.
Die Schmerzen können eine Woche, aber auch bis zu zwei Jahren anhalten. Dennoch besteht kein Grund zur Panik: «Der Körper heilt sich selbst. Ein Bandscheibenvorfall besteht zu 95 Prozent aus Wasser, das im Laufe der Zeit abtransportiert wird», sagt Stenbock-Fermor. Bis es soweit ist, kann den meisten Patienten mit entzündungshemmenden, schmerzstillenden Medikamenten und Physiotherapie geholfen werden, ergänzt Bettina Zieseniß, Schmerztherapeutin aus Hamburg.
Die Beschwerden sollten dabei unbedingt ausreichend gelindert werden, um der Entstehung eines sogenannten Schmerzgedächtnisses vorzubeugen: Wenn Schmerzen länger als drei Monate anhalten, können die sensiblen Nervenzellen diese erlernen und dann selbst harmlose Reize als Schmerz missdeuten. Um gar nicht erst in einen solchen Teufelskreis zu geraten, empfiehlt Zieseniß den zeitlich begrenzten Einsatz geringer Dosen Psychopharmaka. Diese unterstützen die schmerzhemmenden Systeme im Gehirn und beugen so der Entstehung eines Schmerzgedächtnisses vor.
Daneben ist Bewegung der Schlüssel zur schnellen Genesung. Stenbock-Fermor rät Betroffenen, so bald wie möglich regelmäßige Spaziergänge zu machen und gelenkschonenden Sport zu betreiben. Er empfiehlt einen konsequenten Aufbau der Rückenmuskulatur an Geräten. Denn allein die Muskeln seien in der Lage, den Nerv und die Bandscheiben zu schützen.
Eine Operation ist dagegen nur sehr selten notwendig. «Allein wenn messbare Schädigungen der Nerven vorliegen, die sich etwa in Taubheitsgefühlen oder Problemen beim Wasserlassen äußern, muss der Vorfall operiert werden», sagt Marianowicz. Dies sei aber nur bei vier Prozent aller Betroffenen der Fall. Bei allen anderen könne ein operativer Eingriff vermieden werden.
Auch Elke Kaufer entschied sich gegen eine Operation und ist seit einigen Monaten schmerzfrei. Sie findet im Nachhinein viel Positives an ihren Erfahrungen als Bandscheibenpatientin. Die eigenen Grenzen könne sie jetzt viel besser achten. Und: «Ich habe gelernt, den Selbstheilungskräften meines Körpers zu vertrauen», sagt sie und hebt mit schwungvoller Bewegung ihren Sohn aus der Karre.
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