Sa., 26.05.12

Anästhesiecongress 11.05.2009 Machbarkeitswahn und Menschenwürde

Aufgrund des demografischen Wandels werden jährlich eine Million Operationen mehr durchgeführt  (Foto)
Aufgrund des demografischen Wandels werden jährlich eine Million Operationen mehr durchgeführt. Bild: dpa

Ist eine Operation immer die richtige Antwort, nur weil sie machbar ist? Oder ist ein würdevoller Tod nicht manchmal erstrebenswerter? Darüber diskutieren Experten beim Anästhesiecongress in Leipzig und fordern mehr Menschenwürde.

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) fordert eine offene Diskussion über die Grenzen medizinischer Behandlung. «Die Verfahren werden immer besser, die Patienten werden immer älter, ihre Betreuung immer teurer und die Zahl der zur Verfügung stehenden Betten knapper», sagte Joachim Boldt, Präsident des Deutschen Anästhesiecongresses der DGAI. Deshalb müsse die Frage gestellt werden, ob man medizinisch tatsächlich all das tun müsse, was technisch machbar sei.

Boldt sprach in diesem Zusammenhang von einem «Machbarkeitswahn»: Man müsse kritisch fragen, ob die intensive medizinische Behandlung eines Menschen noch sinnvoll sei, wenn dieser anschließend in einem Heim dem Tod entgegen dämmere. «Die Lebensqualität des Patienten nach der Behandlung muss viel stärker in den Blickpunkt gerückt werden», forderte der Mediziner.

Man dürfe nicht allein den behandelnden Ärzten die Entscheidung darüber aufbürden, welche Maßnahmen sinnvoll seien. Ethikräte sollten darüber befinden, ab wann Patienten nicht mehr weiter betreut werden sollten, sondern in Einrichtungen wie Hospizen einen menschenwürdigen Tod finden könnten.

Dabei unterstrich Boldt, dass eine solche Entscheidung stets individuell zu treffen sei. Auf keinen Fall solle es Verhältnisse wie in anderen Ländern geben, wo allein am Alter eines Patienten festgemacht werde, ob bestimmte Operationen noch durchgeführt werden. Der Politik warf er vor, die Mediziner in dieser Frage mit Phrasen und Worthülsen allein zu lassen, wenn sie lediglich davon spreche, dass jeder Patient eine angemessene Behandlung erwarten dürfe.

Ähnlich äußerte sich Bernd Landauer, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (BDA): Er erklärte, die Gesellschaft und die Politik müssten sich dazu bekennen, wie viel Geld man für die ärztliche Versorgung der Bevölkerung auszugeben bereit sei.

Künftig ist in Deutschland ein Mangel an Anästhesisten zu erwarten, wie Landauer sagte. Menschen seien hierzulande «von einer Lebenserwartung von 100 Jahren gar nicht so weit entfernt», sagte er. Deshalb würden immer mehr schwere Erkrankungen auch in höherem Alter auftreten. Um die Betroffenen behandeln zu können, seien zusätzliche Anästhesisten notwendig.

Jahr für Jahr würden in der Bundesrepublik rund 39 Millionen Eingriffe und Operationen notwendig; wegen des demografischen Wandels kämen aber jährlich etwa eine Million Eingriffe und Operationen hinzu. Zu den Aufgaben der Anästhesisten gehören neben der Narkose bei Operationen auch Intensiv- und Notfallmedizin sowie Schmerztherapie.

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kat/aro/news.de/ap
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