Der Aufsehen erregende Fall einer Frau mit nur einer Gehirnhälfte beweist erneut, welche Wunder das Gehirn vollbringt, um die eigenen Schwächen zu kompensieren. Hirnforscher Wolf Singer zeigte sich entzückt darüber, dass die Frau beinahe normale Sehkraft hat.
Die vielfältigen Fähigkeiten des Gehirns erstaunen Wissenschaftler immer wieder von neuem: Das Organ kann sogar das Fehlen einer ganzen Hirnhälfte weitgehend ausgleichen. Das entdeckten Max-Planck-Forscher bei einer Frau, deren rechte Großhirnhälfte sich aufgrund einer Entwicklungsstörung im Mutterleib nicht ausbildete. Ihre linke Hirnhälfte übernahm dann die Aufgaben der fehlenden Hemisphäre.
Die Patientin verfügt über ein fast normales Sehvermögen. Normalerweise verarbeitet die linke Hirnhälfte ausschließlich visuelle Informationen aus dem rechten Gesichtsfeld, die rechte Hälfte nur Informationen aus dem linken Blickfeld.
Bei der Frau empfängt dagegen die linke Hälfte sämtliche Signale von den Augen. «Der Fall, dass beim Menschen eine Hirnhälfte das gesamte Gesichtsfeld repräsentiert, wurde bislang noch nie beschrieben», sagt Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt.
Die Entdeckung hilft den Forschern auch bei der Frage, wie die Sehreize in die richtige Großhirnhälfte gelangen. Offenbar gibt es während der frühen Hirnentwicklung im Embryo im Sehnerv noch keine Botenstoffe, die die Nervenzellen daran hindern, in die Hirnhälfte auf der gleichen Seite einzuwachsen.
Bei der Frau bewirkten die zusätzlichen Informationen in der verbleibenden Hälfte einen Umbau der Hirnrinde, so dass alle Sinneseindrücke verarbeitet werden können. Offenbar wurden auch andere Gehirnregionen neu verdrahtet: «Eine Gehirnregion, die Bewegungen mit Sehinformationen koordiniert, ist bei ihr außerordentlich groß ausgebildet», sagt Singer.
Die Neurobiologen vermuten, dass die Entwicklungsstörung etwa einen Monat nach der Befruchtung im Mutterleib auftrat. Aus bislang unbekannter Ursache hat sich die linke Hälfte der Großhirnrinde nicht entwickelt.
«Zu so einem frühen Zeitpunkt während der Entwicklung kann sich das Gehirn neu organisieren und so selbst auf massive Störungen reagieren», erläutert Singer. «Im Laufe des Lebens nimmt diese Fähigkeit zwar immer mehr ab, aber selbst im Erwachsenenalter kann es Schäden und Verletzungen oft zumindest abmildern, wie wir von Schlaganfall-Patienten wissen.»
Weiterführende Links:
Hirnforschung: Gehirn bemerkt Tippfehler noch vor dem Vertippen
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