Von Florian Sanktjohanser
Sport macht nicht nur fit, sondern vertreibt auch düstere Gedanken und bringt Erfolgserlebnisse. Joggen, Walken oder Schwimmen wird immer öfter in Psychotherapien eingebunden. Die Trainingseinheiten können den Bedarf an Psychopharmaka reduzieren.
Das Wichtigste sei, dass die Gedanken sich nicht mehr ewig im Kreis drehen. Deshalb powere sie sich aus, sagt Anne. Beim Schwimmen, beim Unterwasser-Boxen, beim Pilates. Ihren wahren Namen will die 35-Jährige nicht nennen. Sie leidet seit Jahren unter Depressionen.
Der Sport helfe der Hamburgerin, besser mit ihrer Krankheit zu leben. Die positive Wirkung von körperlicher Aktivität auf psychische Krankheiten ist mittlerweile weithin anerkannt. In den meisten Therapien ist Sport heute integriert. Manche glauben gar, dass er Psychopharmaka ersetzen kann.
So weit würde Professor Gerhard Huber nicht gehen. Der Sportwissenschaftler von der Universität Heidelberg hat sich mit zahlreichen Studien zur psychotherapeutischen Wirkung von Sport beschäftigt. Darunter eine vielzitierte US-Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass Sport genauso gut gegen Depressionen wirke wie Medikamente und eine geringere Rückfallquote habe. Doch den kompletten Verzicht auf Antidepressiva will Huber nicht propagieren: «Bei einer klinisch-manifesten Depression wäre es grob fahrlässig zu sagen: Beweg dich einfach und lass die Pillen weg.»
Zumindest aber kann mit Hilfe von Sport die Dosis verringert werden. Denn die körperliche Betätigung verbessere die Pharmakodynamik, erklärt Huber. Das Hirn werde besser durchblutet, die Wirkstoffe kommen schneller an. Der Sport wirkt selbst zudem wie eine Droge. Der Körper schüttet mehr Opiate und Kortisol aus. Zusätzlich verbessert er die Übertragung von Neurotransmittern, die bei Depressiven lahmt. Das vermute die Wissenschaft zumindest derzeit, sagt Huber. Beweise stünden noch aus. Ausschlaggebend seien jedoch die positiven Erlebnisse beim Sport.
Das sieht Marieta Erkelens genauso. Die Psychotherapeutin läuft mit ihren Patienten seit vielen Jahren durch den Grunewald in Berlin. So hart der Beginn für manche sei, schon nach kurzer Zeit kommen die ersten Erfolgserlebnisse: Die Patienten spüren, dass sie länger laufen können und fitter werden. Das sei das Wichtigste, so Erkelens: «Zu erleben, ich schaffe etwas, daran glauben viele ja gar nicht mehr.» Damit wächst dann das Selbstvertrauen, die Ängstlichkeit lässt nach. Medikamente hielten die Patienten dagegen in Abhängigkeit und Passivität.
Allein könnten depressive Menschen den Umschwung hin zu einem aktiven Leben aber kaum schaffen. Die Gruppe sei im Sport entscheidend für Motivation und Kontrolle. Erkelens: «Wenn man in so einem Loch hängt, ist es sehr schwierig, sich aufzuraffen.» Erfolgversprechend sei nur ein Sportprogramm unter Anleitung, das eine wichtige Säule der Therapie bildet.
Huber hat in der Therapiepraxis beobachtet, dass Ballspiele die meisten Patienten eher frustrieren. Optimal seien zyklische Sportarten, die schnelle Erfolge bringen und bei denen nicht über die nächste Bewegung nachgedacht werden muss, wie etwa Walking oder Schwimmen. Für Professor Ulrich Bartmann von der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt ist Joggen der Königsweg aus der Depression: «Die Anforderungen sind dabei so vorsichtig dosiert, dass Erfolgserlebnisse programmiert sind.»
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kat/car/news.de/dpaWollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?
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