Von Lena Grahn
Immer mehr Jugendliche wachen nach einer alkoholgetränkten Nacht im Krankenhaus auf. Durch das Präventionsprojekt «HaLt – Hart am Limit» sollen sie Grenzen im Umgang mit Gefahren wie Alkohol erkennen lernen - kletternd.
Ganz wohl ist Philipp (Name geändert) nicht, als er seinen Fuß auf die schmale Seilbrücke rund fünf Meter über dem Waldboden setzt. Die Entfernung, die ihn vom nächsten Hochsitz trennt, erscheint ihm riesig. Seine Knie zittern. Trotzdem grinst er seinen Vordermann tapfer an. «Ein Kinderspiel», ruft er. Der 18-Jährige nimmt gemeinsam mit fünf anderen Jugendlichen an einem sogenannten Risikocheck im brandenburgischen Kletterwald Klaistow teil.
Jeder der sechs Teilnehmer des Suchtpräventionsprojekts «HaLt - Hart am Limit» hat seine Grenzen im Trinkverhalten nicht nur einmal überschritten. Einige wachten nach einer Alkoholvergiftung in der Klinik auf, wie Anja Karasek erzählt. Die 29-Jährige betreut das Bundesmodellprojekt in Wittenberg, das seit 2008 von der dort ansässigen Paul-Gerhardt-Stiftung angeboten wird. Ihre Arbeit beginnt oft am Krankenbett.
«Die Kids fühlen sich mies und schämen sich», sagt Karasek. Ihr Redeangebot nehmen die meisten trotzdem an. «Wenn auch oft auf Druck der Eltern», so die Sozialpädagogin. Dabei gehe es zunächst um Persönliches, wie etwa Stress mit Eltern oder Ärger in der Schule. In fast allen Fällen seien diese Aspekte aber nicht das Problem. «Trinken ist eine Freizeitbeschäftigung», hat die Sozialpädagogin oft erfahren müssen. Während ältere Generationen Alkohol in ihrer Jugend nur in Maßen auf Partys konsumiert hätten, würden die heutigen 15- bis 20-Jährigen ganz bewusst Unmengen davon trinken, sagt Karasek.
«Zwei Flaschen Jägermeister, dazu eine Kiste Bier», bestätigt Philipp. Dieses Pensum habe er noch vor einigen Tagen geschafft, zusammen mit dem Vater einer Freundin, «der mit mir aufs Du anstoßen wollte», sagt er. An viel mehr könne sich der 18-Jährige nicht erinnern. Es seien leider oft die Erwachsenen, die den Jungen zum Vorbild würden oder sie sogar zum Trinken animierten, sagt Karasek.
Der zweitägige «Risikocheck» soll die Augen öffnen. So werde überlegt, wie viel Promille etwa ein bestimmtes Mixgetränk habe und wie viel dementsprechend 15 Flaschen dieser Sorte beinhalten. Den meisten werde dabei erstmals klar, in welchem Umfang sie Alkohol konsumieren, betont Karasek.
Anschließend müssten die Jugendlichen ihre Risikobereitschaft überprüfen. «Sie sollen lernen, ihre Grenzen bewusst zu erkennen, um zu sagen: Bis hierher und nicht weiter», erklärt die Sozialpädagogin. «Und vielleicht», sagt sie, «sehen sie dabei ein, dass man auch ohne Alkohol einen gewissen Kick erleben kann».
23.000 Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren wurden 2007 mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert, heißt es im aktuellen Drogen- und Suchtbericht. Dies entspricht seit dem Jahr 2000 einer Zunahme von 143 Prozent. Jeder zehnte Jugendliche (8,2 Prozent) zwischen zwölf und 17 Jahren hat laut Bericht einen riskanten oder sogar gefährlichen Alkoholkonsum.
Mehr Infos: www.hart-am-limit.info
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