Von news.de-Redakteurin Anwen Roberts
Über 20 Jahre lag das Affenfossil in einer Schublade, bis es herausgekramt, getauft, ausgestellt und der medialen Zweitverwertung zugeführt wurde. Der plötzliche Erfolg ist dem Reizwort «missing link» (fehlendes Bindeglied) zu verdanken.
«Jeder Popstar macht dasselbe, jeder Sportler macht dasselbe.» Das sagte Jörn Hurum, Entdecker und «Medien-Agent» des durch Wissenssendungen zu plötzlichem Weltruhm gelangten Affenfossils Ida der New York Times.
Hurum entdeckte zwar nicht das Fossil des 47 Millionen Jahre alten lemurenähnlichen Äffchens, wohl aber dessen Sensationswert. Er umging das so langatmige wie wohlerprobte System des «peer review» (Expertenbegutachtung), das in Fachblätterm wie Science und Nature üblich ist. Stattdessen wurden TV-Dokumentation und Pressekonferenz sogar noch vor der Veröffentlichung im Online-Journal Plos One angesetzt.
Rasend schnell ging die Schlagzeile um, dass ein «missing link» zwischen Menschen und Affen «entdeckt» worden sei. Doch ein Brückentier zwischen Mensch und Affe ist Ida definitiv nicht. Vielmehr stammt das Fossil aus einem Zeitalter, für das sich solche Unterscheidungen noch gar nicht treffen ließen. Das versteinerte Wesen kann als gemeinsamer Urahn der gesamten Ordnung Primaten gelten, die alle Menschenaffen und Koboldmakis wie auch Lemuren und Loris umfasst.
Bedeutsam ist Ida also als ältester Fund eines gemeinsamen Verwandten der Primaten. Über die evolutionäre Differenzierung von Menschen und Menschenaffen sagt einem die Versteinerung dennoch nichts. Spektakulär ist die gut erhaltene Versteinerung trotzdem.
«Für mich ist dieses Fossil das achte Weltwunder, so was hat die Welt noch nicht gesehen», sagte Hurums Mitautor Jens Lorenz Franzen vom Frankfurter Senckenberg-Institut dem ZDF. Der Sender dokumentiert die Geschichte des Fossils gemeinsam mit der englischen BBC und dem US-Sender History Channel.
Auch in Deutschland ist die Vermarktungsmaschinerie also ein voller Erfolg. Die überschwängliche Popularisierung erscheint derzeit dennoch mehr als Selbstzweck. Denn die Hoffnung, dadurch ideologisch motivierte Ignoranz in Bezug auf die Verwandtschaft von Mensch und Affen zu beheben, ist eher fehlgeleitet. Um wissenschaftlich haltbare Beweise geht es den Feinden der Evolution ohnehin nicht.
Die eifrigsten Hardliner unter den Darwinleugnern werden sich wohl kaum durch Fossilienfunde von ihren Verschwörungstheorien abbringen lassen. Laut Harun Yahyas krudem «Atlas der Schöpfung» sind Fossilien schlimmstenfalls alles Fälschungen. Bestenfalls dienen sie dazu, heutige Lebensformen in Sachen «Intelligentem Design» mit gänzlich unverwandten ausgestorbenen Arten, die ähnlich ausschauen, zu vergleichen. Für die seriöse Wissenschaft ist es weder nötig noch angebracht, Kreationisten vom Schlag Yahyas vom Gegenteil überzeugen zu müssen.
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Heise über Harun Yahyas «Atlas der Schöpfung»
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