Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Seit Jahren ringt Deutschland um Kita-Plätze. Am 1. August 2013 soll nun für jedes Kind ab einem Jahr ein Platz sicher sein. Doch die Kalkulation der Regierung passt hinten und vorn nicht, ein Ende der Durststrecke für Eltern ist nicht in Sicht. Statt Problemlösungen gibt es nur Stückwerk.
750.000 lautet die magische Zahl. Wenn wir so viele Kita-Plätze haben, ist alles gut, verheißt die Botschaft der Familienministerin Kristina Schröder. In genau einem Jahr läuft die Frist ab, bis zu diesem 1. August 2013 fehlen noch 130.000 Plätze in der Kalkulation. Um die zu schaffen, wird es eng, es mangelt in vielen Großstädten bereits an den Gebäuden, und auch Tagesmütter fehlen. Aber die Politiker geben sich optimistisch.
Prima für die Politiker. Großer Mist für die Eltern. Man muss sich nur die Lage bei Kindergartenplätzen vergegenwärtigen, um zu wissen: Am 1. August 2013 wird nicht alles gut sein, selbst, falls die 750.000 Plätze auf wundersame Art und Weise geschaffen sein sollten. Eine Freundin in Leipzig - in Ostdeutschland, wo die Betreuungssituation verhältnismäßig günstig ist - braucht einen Kindergartenplatz für ihre Tochter, denn die wird im Dezember drei und kann von ihrer Tagesmutter nicht weiter betreut werden. Kein Problem, sie hat ja das seit 1996 politisch verankerte Recht auf einen Platz. Dummerweise werden Kindergartenplätze meist nur nach den Sommerferien frei, und weil die Kleine dann noch nicht im Kindergartenalter ist, geht sie leer aus. Die Mutter hat sich mehrfach in sämtlichen Kitas der Umgebung vorgestellt und ist verzweifelt. Möglicherweise muss sie die Weiterbildung, die sie ab Herbst geplant hat, wegen fehlender Kinderbetreuung sausen lassen.
Ein Fall, den Millionen Eltern in Deutschland kennen und nur ein winziges Beispiel für die große Misswirtschaft rund ums Thema «Kinder, Erziehung, Bildung».
Die 750.000 versprochenen Kita-Plätze für Kinder zwischen einem und drei Jahren reichen tatsächlich nur für 35 Prozent der Kinder in diesem Alter aus. Mehr Eltern werden ohnehin keinen Bedarf anmelden, dachte sich Familienministerin Ursula von der Leyen, als sie 2008 das Gesetz schuf. Doch immer mehr Mütter sind berufstätig, die Kalkulation hat sich möglicherweise längst überholt und es fehlen derzeit viel mehr als die angeblichen 130.000 Plätze.
Noch dazu sind die Kita-Plätze, ähnlich wie vom Kindergartenproblem bekannt, nicht unbedingt den Bedürfnissen vor Ort angepasst. Was nützen zehn freie Plätze in einer Kita, die zehn Kilometer von zu Hause und noch einmal zehn von der Arbeit entfernt liegt? Das trägt weder zur Entlastung der gestressten Mütter bei, noch stärkt es die Einbettung der Kinder in ein soziales Umfeld.
Die Kalkulation ist viel zu knapp und wird bei näherem Hinsehen immer knapper. Denn nur dann kann man von tatsächlicher Unterstützung für Familien mit Kindern sprechen, wenn auch ein Betreuungsplatz in der Umgebung sicher ist und nicht wie ein Sechser im Lotto empfunden wird. Dass unter solchen Bedingungen überhaupt Kinder geboren werden, ist schon erstaunlich.
Was die Politik geflissentlich ignoriert: Das Problem ist viel grundlegender und lässt sich nicht auf die Zahl 130.000 reduzieren. «Wir brauchen mehr Tagesmütter», ruft der Chef des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg. Ob er weiß, dass 40 Prozent der Tagesmütter und -väter lieber einen anderen Beruf hätten, wie eine Umfrage des Koblenzer Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik ergeben hat? Viele werfen nach wenigen Jahren hin, denn der Lohn für die aufopferungsvolle Arbeit reicht kaum zum Überleben. Bei Erziehern in Kitas ist es kaum anders. 20 Prozent kündigen laut dem Institut bereits nach zwei Jahren. Bei einem Nettolohn, der in Ostdeutschland häufig unter 1000 Euro liegt und auch im Westen nur knapp darüber, kein Wunder.
Die Politiker sonnen sich gern in der bunten Aura familienfreundlicher Politik. Was jedoch fehlt, ist eine Bildungspolitik aus einem Guss. Gibt es nicht Schulplätze für alle Kinder? Gut, dann gehört dazu auch die entsprechende Zahl an Kita-Plätzen im selben Viertel. Verdienen Lehrer nicht ein angemessenes Gehalt? Erzieher leisten im maßgeblichen Vorschulalter ebenso wichtige Arbeit. Sie verdienen gleichwertige Entlohnung.
Die Firmen sollten sich stärker einbringen, um ihre wertvollen Arbeitskräfte zu sichern? Auch das fordert Gerd Landsberg. Dann muss der Staat eine Unternehmensabgabe für Kinderbetreuung einführen oder ein Gesetz, dass Firmenkitas vorschreibt. Natürlich muss auch die Wirtschaft ihren Teil beitragen zu Erziehung und Ausbildung. Doch lahmes Hin- und Herschieben des Schwarzen Peters führt dabei nicht weiter, ebenso wenig wie realitätsferne Zahlenspiele.
ham/news.de
Hier kann ich Martin Gerdenitsch nur zustimmen. Bis vor ca. 50-60 Jahren waren Mütter meist gar nicht in der Lage, sich so ausschließlich dem Nachwuchs zu widmen. V.a. in der Landwirtschaft mussten Frauen mitarbeiten - kleine Kinder liefen nebenher, wurden von älteren Geschwistern & Großeltern betreut. In unserer (Groß-)Elterngeneration war es nicht unüblich, dass Kleinkinder arbeitender Eltern tagsüber ohne jede Betreuung im Laufstall saßen. Es ist toll, dass Frauen heute die Wahl haben, daheim zu bleiben. Aber es soll bitte wirklich eine Wahl sein und keine Pflicht wegen mangelnder Kitas.
Kommentar meldendas birgt auch die vermeintlich "artgerechte haltung" bei der mutter. die haltung bei der mutter ist eine neuzeitliche "erfindung" die vom bürgertum in die arbeiterklassen und später sogar ins bäuerlich-ländliche milieu übernommen wurde und nirgendwo auf der welt so hochstilisiert wird wie im deutschsprachigen raum. artgerecht wäre die haltung im größeren sozialverband mti verschiedenen bezugspersonen und einem "rudel" unterschiedlich alter kinder und jugendlicher wenn schon evolutionäres vokabular verwendet wird. sehr schön nachzulesen im buch "kinder verstehen" von herbert renz-polster
Kommentar meldennanana? wieder einmal aufs gendern vergessen? ja es gibt sie: TAGESVÄTER! ist es wirklich so schwer den begriff tageseltern zu verwenden? gruß, martin www.tagesvater.at
Kommentar meldenWas sind das für unmenschliche Politiker?Sie statuieren an der Familie,den Kindern u insb. der Mutter-Kind-Beziehung ein Exempel.Dies entgegen wissenschaftlichen Erkenntnissen,von emotiven Schaden ganz zu schweigen.Gemäß der sozialdemokratischen Lehre, dass Eltern nichts taugen und die Frau sowieso in den Produktionsprozess eingegliedert gehört, wird das Recht der Kinder auf Elternentfremdung als Anspruch auf einen Kita-Platz umgeschrieben. R verachtet diese Politik des Generationenverrats.Die Politik hat sich an den Familien versündigt. Und das nur, weil Muslime nicht integrationsfähig sind!
Kommentar meldenNicht jedes Kind braucht einen Kita-Platz. Jedes Kind, von betrüblichen Ausnahmen abgesehen, hat bei der Geburt die optimale Betreuungsperson - seine Mutter. Sie allein kann die "artgerechte Haltung" ihres Neugeborenen, ihres Säuglings und ihres Kleinkindes bis zum Alter von 3 Jahren sicherstellen. Die Politik hat Strukturen zu schaffen, die es den Müttern erlauben, ohne Angst um Karriere, Arbeitsplatz und Rente ihre Kinder selbst zu betreuen. Die Kollektivbetreuung ist bei Kindern bis zu 3 Jahren keine "artgerechte Haltung". Sie birgt das Risiko einer defizitären Persönlichkeitsentwicklung.
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