Von news.de-Redakteur Jan Grundmann
Das Ruhrgebiet ist arm? Dioxin im Ei gefährlich? Fast alle Masthähnchen sind mit Antibiotika verseucht? Glauben Sie diese Meldungen nicht, rät Statistiker Walter Krämer. Er erklärt, wie Zahlen Angst und Panik in uns auslösen. Und warum Goethe daran Schuld hat.
Das Ruhrgebiet - Deutschlands angebliche Armenhochburg. Das Revier sei die Problemzone Nummer eins, warnte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtverbands, kurz vor Weihnachten. «Wenn dieser Kessel mit fünf Millionen Menschen einmal zu kochen anfängt, dürfte es schwer fallen, ihn wieder abzukühlen.» Soziale Unruhen könnten drohen, wenn die Menschen der Region «aus Hoffnungslosigkeit die soziale Kontrolle verlieren», so Schneider.
Grund für seine düsteren Worte war der Armutsbericht 2011, den der Paritätische Wohlfahrtverband erstellt hatte. In Dortmund, dem Zentrum des Potts, sei die Zahl der Menschen, die von Armut gefährdet seien, zwischen 2005 und 2010 von 18,6 auf 23 Prozent angestiegen, sagt der Wohlfahrtverband - und alle Medien berichteten über den Armutsreport. «Das Ruhrgebiet ist Deutschlands neues Armenhaus», titelte die Süddeutsche Zeitung. Und die Zeit schlägt Alarm: «Die deutsche Wirtschaft boomt, aber die Armut sinkt nicht».
Armutsbericht als «Unstatistik des Monats»
Allein: Die Schlüsse einer grassierenden Armut im Ruhrgebiet sind falsch. Der Wohlfahrtverband, die Medien - sie alle irrten, behaupten nun drei Experten. Denn: «Für die Bestimmung der Armut ist die Armutsgefährdungsquote irrelevant», sagen der Dortmunder Statistiker Walter Krämer sowie der Psychologe Gerd Gigerenzer und der Ökonom Thomas Bauer.
Für sie ist der Armutsbericht des Wohlfahrtverbandes die erste «Unstatistik des Monats». Denn die Armutsgefährungsquote gebe an, wie viele Menschen weniger als 60 Prozent des deutschen Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. Allerdings: «Sie misst nicht die Armut, sondern die Ungleichheit der Einkommen», so die Experten. Dass Dortmund eine höhere Armutsgefährdungsquote als etwa München habe, mag zwar im Bundesvergleich stimmen.
Wir sind statistische Analphabeten - wegen Goethe
Wenn man sich jedoch die Quote der einzelnen Städte anschaue, liege München wieder vor Dortmund. Denn in der bayerischen Landeshauptstadt gibt es viele Superreiche - die treiben auch das Durchschnittseinkommen der Stadt in die Höhe. Damit gibt es auch mehr Armutsgefährdete als in Dortmund. Zudem ist das Leben im Ruhrgebiet preiswerter als in München, wo die Mieten stets neue Rekorde knacken. Armut ist relativ. «Denn ein Postbeamter kann mit dem gleichen Gehalt in Dortmund erheblich besser als in München leben», sagt Statistiker Walter Krämer.
Und holt aus: «Wir Deutschen sind statistische Analphabeten, die größten in Europa.» Der Grund liegt für ihn auf der Hand - beim großen Goethe. «Der war schlecht in Mathematik und stolz darauf. Er hat üble Seitenhiebe gegen Mathematiker ausgeteilt und dem Bildungsbürgertum eingeimpft, dass das Analysieren und Zergliedern nicht so wichtig sei - vielmehr sollte der ganzheitliche Blick gewahrt bleiben. Den Sachen auf den Grund zu gehen, das würden nur Kleinkrämer machen», so Statistikprofessor Krämer. Er selbst geht Dingen gern auf den Grund, er kämpft in seinem Verein Deutsche Sprache gegen Anglizismen, er schreibt gegen Statistiklügen und gegen populäre Irrtümer an.
Nun will er gemeinsam mit dem Psychologen Gigerenzer und Ökonomen Bauer Monat für Monat die unrühmlichste Statistik küren. «Wir wollen zeigen, was für Unfug passieren kann, wenn man mit Statistiken nicht sachgerecht umgeht», sagt Walter Krämer. «Wir greifen nicht die Zahlen an, sondern die Art, wie sie interpretiert werden.» Als nächste «Unstatistik des Monats» wollen sich die Herren vermutlich Arbeitsmarktzahlen vorknöpfen.
Grundsätzlich hat Krämer ja recht: Um 'the German angst' am Köcheln zu halten, treiben Politiker und Medien immer neue Panik-Säue durchs Dorf. Und das Volk glaubt ihnen nur gar zu gern. Bloß ist er selbst auch nicht besser, wenn er mit seinem VDS die Angst vor sprachlicher Überfremdung schürt - wegen maximal 2% Anglizismen in der deutschen Sprache. Wenn er dann noch behauptet, dass "Deutsch nach Englisch, aber vor Spanisch und Französisch die zweithäufigste Sprache des weltweiten Datennetzes ist" (VDS-Sprachnachrichten Nr. 51), sollte er zum Thema Statistikfälschung besser schweigen.
jetzt antwortenKommentar meldenVon Hühnern aus der Massentierhaltung wird mir oft kotzübel darum eße ich kein Huhn mehr. Mit Billigfleisch ist es das gleiche. Wie soll man von etwas was man wieder auskotzt satt werden ? Eier kaufe ich nur von Hühnern die auch mal Sonnenlich sehen. Nach einigen Religionen wird jeder der Tiere quält in seinem nächsten Leben als Tier wiedergeboren, dem es dann auch so geht.
jetzt antwortenKommentar meldenDas Heranziehen einer geistigen Größe wie Goethe zur Begründung der Ursachen von Statistikfälschungen grenzt an Beleidigung. Welche Schuld trägt der vor bald 200 Jahren Verstorbene an den kläglichen Leistungen der Politflaschen im Jahre 2012? Noch schlimmer kann man hochgeistiges Kulturgut kaum entwerten.
jetzt antwortenKommentar meldenIch glaube nur der Statistik, die ich selber gefälscht habe!
jetzt antwortenKommentar melden@1 Stimme voll zu. -----Es ist leichter einer Lüge zu glauben, die man schon hundert mal gehört hat, als die Wahrheit, die man noch nie gehört hat. Robert Lynd -------
jetzt antwortenKommentar meldenMit Goethe hat der Fehlgebrauch von Statistiken nichts zu tun. Der gesunde Menschenverstand fehlt. Ursache ist ein Panikorchester, dem ständig geglaubt wird. Beispiele: 1.Pandemie - an der Schweinegrippe sind genau 7 Menschen gestorben, gleichwohl war die Hysterie nicht größer als zur Zeit der Spanischen Grippe. 2.Grenzwert: Der Grenzwert stets so ermittelt, das 50 % einer Population (zB.Ratten) am Teststoff (zB. Nikotin,Staub) eingehen und diese Konzentration durch 1000 geteilt, den Schwellenwert der Gefahr ergibt. All dies ist blanker Unsinn der pol. Panikmacher. Aber jeder glaubts.
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