Von Markus Huth
Genau 70 Jahre, nachdem Nazifunktionäre am Berliner Wannsee die Endlösung der Judenfrage beschlossen, spielt eine Theatergruppe die Konferenz nach. Die Nazis werden dabei von studierten Historikern gemimt.
«Die Tötung durch Monoxid-Gas», plötzlich stockt der Darsteller im Text. «...durch Brausen in einem Baderaum», flüstert ihm die Souffleuse von hinten zu. Nach kurzem Räuspern fängt er von vorn an. In einer Villa am Berliner Wannsee sitzen auf Stühlen 15 Männer mehrheitlich in Pullis und proben für ein Theaterstück. Sie stellen am historischen Ort zum 70. Jahrestag jenes Treffen von führenden Nazi-Funktionären nach, auf dem die Ermordung der europäischen Juden geplant wurde: Die Wannseekonferenz.
Der Chef der Sicherheitspolizei und des Geheimdienstes der SS (SD), Reinhard Heydrich, hatte leitende Staats- und Parteifunktionäre am 20. Januar 1942 zu der «Besprechung mit anschließendem Frühstück» geladen. Die Konferenz fand vermutlich im Speisezimmer der Villa mit Blick auf den See statt, die damals das Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD war. Dem Völkermord, den sie besprachen, fielen nach Schätzungen von Historikern sechs Millionen Menschen zum Opfer.
Wie spielt man Adolf Eichmann?
Wie spielt man einen Massenmörder? «Auf keinen Fall in die Rolle hineinversetzen, innerliche Distanz bewahren», sagt Sören Marotz. Im Stück ist er Adolf Eichmann, der Organisator des Holocaust. Mit langen Haaren und Vollrandbrille läuft der 38-Jährige äußerlich keine Gefahr, mit dem SS-Offizier Eichmann verwechselt zu werden. Allein ein schwarz-weißes Porträtfoto auf seiner Textmappe erinnert an die Rolle. Wie die anderen Darsteller auch ist Marotz kein Schauspieler, sondern Historiker.
Sie wurden im Frühjahr vergangenen Jahres von Regisseur Christian Thietz aus über 80 Bewerbern ausgewählt. Vor Beginn der Proben studierten die Forscher ein halbes Jahr die Biografien der Konferenzteilnehmer, die der SS, NSDAP oder Reichsministerien angehörten. «Ich will, dass die Zuschauer einen sinnlichen Eindruck von der 90-minütigen Konferenz bekommen und dass man das Thema intellektuell bewältigen kann», erläutert Thietz.
Den Verlauf der Konferenz rekonstruierten die Historiker auf Grundlage des 15-seitigen Sitzungsprotokolls, anderer Dokumente und Forschungsliteratur. Da das Protokoll keine Aussagen der Teilnehmer enthält, stellten sie die mögliche direkte Rede ihrer Figuren nach. «Die treibende Kraft unserer ewigen Gegner ist das Weltjudentum», lässt Historiker Felix Jentsch den SS-Mann Heydrich sagen. Im Rassenwahn glaubten die Nationalsozialisten, mit dem Völkermord eine geschichtliche Mission zu erfüllen.
Theaterstück komplett ausverkauft, DVD-Veröffentlichung folgt
Das Stück habe zwar dokumentarischen Charakter, doch soll durch einordnende Erklärungen Distanz gewahrt werden, betont Regisseur Thietz und fügt hinzu: «Die Darsteller tragen im Stück keine Uniformen, sie sind immer die Historiker von 2012.» Die Aufführung wende sich an Geschichtsinteressierte und Schüler. Premiere ist am Sonntag (22. Januar), es folgen vier weitere Spieltage zwischen dem 23. und 29. Januar. «Alle Karten sind bereits ausverkauft», sagt Thietz. Finanziert und unterstützt werde das Stück durch Stiftungen und die Bundesregierung. Auch eine DVD sei geplant.
«Mit der Bitte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD an die Besprechungsteilnehmer, ihm bei der Durchführung der Lösungsarbeiten entsprechende Unterstützung zu gewähren, wurde die Besprechung geschlossen», zitiert Heydrich-Darsteller Jentsch aus dem Sitzungsprotokoll. Die 15 Männer in Pullis stehen nacheinander auf und verlassen den Raum. Zurück auf ihren Stühlen bleiben die Mappen mit den Schwarz-Weiß-Porträts der Konferenzteilnehmer und Stille. Keine zwei Monate nach der Wannseekonferenz wurden damals im besetzten Polen die ersten Juden vergast, durch Kohlenmonoxid im Vernichtungslager Belzec.
sua/jag/news.de/dapd