Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Ein russischer Pilot musste bekifft aus seiner Maschine geholt werden. Da haben die 192 Passagiere noch mal Glück gehabt. Aber Drogen über den Wolken sind keine Seltenheit - im Irakkrieg und in ganz normalen US-Verkehrsflugzeugen.
Dass ein bekiffter Pilot die Urlaubsmaschine steuert, ist ein Albtraum. Womöglich fliegt er über Mallorca noch die Form der Insel nach, weil's so schön ist, dreht dann einen Looping und ab in Richtung Libyen - wenn es ihn überhaupt so lange in der Luft hält.
Bei den eigenartigen Lauten, die auch in der Realität gelegentlich über den Bordfunk knacken, mag manch einer Rausch-Verdacht schöpfen, doch der wird schnell verdrängt. Schließlich gilt für Piloten von Verkehrsmaschinen ein strenges Drogenverbot.
Nun reisen Deutsche selten im Urlaub von Magadan nach Moskau, und Yakutia Airlines gehört auch nicht zu den klassischen Urlaubsfliegern. Die Nachricht, dass ein Pilot, der sich eben anschickte, mit 192 Passagieren an Bord diese 6000 Kilometer zu fliegen, offenbar zuvor gemeinsam mit der Chefstewardess einen Joint konsumiert hatte, verursacht trotzdem ein flaues Gefühl im Magen.
Zumal das zumindest in Russland kein Einzelfall ist. Erst kürzlich war ein Kollege mit synthetischen Drogen im Blut gestoppt worden, und auch der Pilot, der im September das Eishockeyteam Lokomotive Jaroslawl in den Tod flog, stand unter dem Einfluss von Medikamenten.
Go-Pillen im Krieg und Antidepressiva in Passagierflugzeugen
Doch die USA stehen Russland in Nichts nach. Dass US-Kampfpiloten mit sogenannten «Go-Pillen» in aggressive Stimmung versetzt werden, ist kein Geheimnis. Die Amphetamine sind in der Drogenszene schlicht als Speed bekannt. Selbst das Pentagon streitet den Drogeneinsatz nicht ab. «Ich habe im Cockpit getanzt», sagt ein Soldat in einer ARD-Dokumentation aus dem Jahr 2009, ein anderer gibt zu, er habe Menschen unter vom Militär verordneten Drogeneinfluss getötet. Völlig dicht soll demnach auch der amerikanische Pilot gewesen sein, der 2003 britische Soldaten angriff, einer von ihnen wurde getötet.
Dreckige Kriegsmethoden, gewiss. Doch bewusstseinsverändernde Substanzen im Cockpit sind in den USA auch bei Passagierfliegern kein Tabu. Die Luftfahrbehörde genehmigt ihren Piloten seit dem vergangenen Jahr, unter Einfluss von Psychopharmaka zu fliegen. Darin ist häufig Fluoxetin enthalten, ein Stoff, der zu Realitätsverlust führen kann. Antidepressiva, wie sie amerikanischen Studien zufolge auch im Blut Hunderter Mörder und zig Amokläufer festgestellt wurden – von Verkehrsunfällen ganz zu schweigen.
Ein Flugzeug steuern unter Drogeneinfluss, dass ist vermutlich wie fliegen. Das muss sich auch der Pilot der Cessna gedacht haben, der im August in Tirol mit einem anderen Kleinflugzeug zusammenstieß und drei weitere Menschen mit in den Tod riss. Er war völlig bekifft, wie die Obduktion ergab. Entfernung und Geschwindigkeit, wie er sie wahrnahm, hatten mit der Realität nicht mehr viel zu tun.
jag/news.de