Von news.de-Redakteur Michael Heinrich, Naumburg
Für Umberto Eco wäre sie sein perfektes Date. Noch als Dame im fast biblischen Alter wirkt Uta von Naumburg jung und attraktiv. Was hat sie nur, das Männer und Frauen gleichermaßen in ihren Bann zieht?
«Wenn Sie mich fragen, mit welcher Frau der Kunstgeschichte ich einen gemeinsamen Abend verbringen würde, wäre da zuerst Uta von Naumburg», hat der italienische Schriftsteller Umberto Eco einmal gesagt. Die fast 800 Jahre alte Dame hat bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren: 194.000 Menschen kamen in vier Monaten zu der am vergangenen Dienstag zu Ende gegangenen Ausstellung Der Naumburger Meister - Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen nach Naumburg an der Saale. Das übertraf alle Erwartungen.
Uta kam zwischen 500 Exponaten die Rolle der Frontfrau zu, sie lächelt von Plakaten und Werbebannern. Wieder einmal. Als «Topmodel» machte Uta von Naumburg bereits mehrfach Karriere. Dabei flankieren sie im Westchor des Naumburger Doms elf weitere Stifterfiguren, die kunsthistorisch den gleichen Wert haben. Warum sie? Was hat sie nur, das Männer und Frauen gleichermaßen in ihren Bann zieht?
Von Hege ins Licht gerückt
«Ich finde, sie hat ein entzückendes Gesicht», begründete Bestsellerautor Eco (Der Name der Rose) sein Verlangen. Dabei hält sie gerade jenes mit dem Mantel leicht verdeckt. Es gibt nicht wenige, die behaupten, gerade diese Geste, die Ablehnung und Schutzsuche dokumentiert, verleihe ihrer makellosen Schönheit das gewisse Etwas.
Berühmt gemacht und aus dem Ensemble der zwölf Stifterfiguren herausgehoben hat sie der Naumburger Photographen Walter Hege (1893 bis 1955). Seine Schwarz-Weiß-Bilder, auf denen Uta im Halblicht des Doms festgehalten ist, trafen in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Zeitgeist. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg waren viele Deutsche auf der Suche nach einem neuen Selbstbild. Uta ließ sich zur idealen Frau stilisieren – zum ersten Topmodel Deutschlands, wenn man so will.
Uta, Schneewittchens böse Stiefmutter?
Sie konnte sich auch nicht wehren, als sie vom Nationalsozialismus propagandistisch vereinnahmt wurde: Uta erschien als Frau, die treu daheim auf ihren kämpfenden Mann wartet. Schlimmer noch, im 2. Weltkrieg wurde sie gar zur Überbringerin von Durchhalteparolen: Ein Druck, auf dem sie hinter zwei Soldaten mit Maschinengewehren steht, ist wohl das Schlimmste, was man ihr antun konnte. So erschien sie als NS-Heilige. Das machte sie hassenswert im Ausland: Angeblich soll sie Vorlage für die böse Stiefmutter in Walt Disneys Schneewittchen gewesen sein.
Entsprechend schwer wog die Last der Vergangenheit, die die Organisatoren der Ausstellung stemmen mussten. Sie taten es mit Bravour, indem sie diesen unbekannten Bildhauer-Architekten, eben jenen Naumburger Meister, von dem nur bekannt ist, dass er Franzose war, in den Kontext der Entstehungszeit setzten: das Europa der Kathedralen. Mit 300 Leihgaben aus französischen und anderen Sammlungen zeichneten sie den Weg nach, den die Idee des Kathedralenbaus und der neuen Darstellung von Figuren nahm.
Reims und Naumburg
Die Kathedrale von Reims, Krönungsort der französischen König, war höchstwahrscheinlich Lehrstelle des Naumburger Meisters. Die größte Baustelle ihrer Zeit war ein Ort der Innovation und Blütestätte der Gothik. Hier bildete sich jenes neue Menschenbild heraus, das in der Naumburger Stifterfiguren Widerhall fand. Die in der Romanik hölzern wirkenden Figuren wurden plastisch, zeigten Emotionen und näherten sich den über Jahrhunderte unerreichten römischen und griechischen Skulpturen an.
Über Noyon, Coucy, Metz und Straßburg kam die Werkstatt des Naumburger Meisters mit der Idee nach Mainz, wirkte dort am Dombau. Die Bischofsweihe von Dietrich II durch den Mainzer Erzbischof Siegfried III stellte den Kontakt nach Naumburg her. Dort war man bedacht, seinen Anspruch gegenüber Zeitz, das 1029 den Bischofssitz an die Stadt am Zusammenfluss von Unstrut und Saale verloren hatte, zu manifestieren.
Besser als das Original
Dafür wählte man die Stifterfiguren des Domsitzes - allesamt zur Zeit des Naumburger Meisters um 1240 schon seit rund 200 verstorben. Zwölf an der Zahl. Einer von ihnen ist Ekkehard II, Markgraf von Meißen und Ehemann von Uta. Als Paar stehen sie zusammen im Westchor des Naumburger Doms. Ob Eco, wenn er die echte Uta gekannt hätte, ebenfalls den Wunsch geäußert hätte, mit ihr einen Abend zu verbringen?
Von historischen Vorbild Uta von Ballenstedt ist nur bekannt, dass Markgraf Ekkehard II von Meißen kinderlos blieb, was damals als Fluch Gottes galt. Schriftsteller deuteten dies als unglückliche Ehe. Nur widerwillig soll Uta Ekkehard geheiratet haben. Was jedoch Dichtung und Wahrheit ist, ist längst nicht mehr zu unterscheiden – ganz ähnlich wie in den Romanen von Umberto Eco.
iwi/news.de